Menschenjagd durch die Wüste

21. Juli 2011, 18:00
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Fabien Didier Yene beschreibt in seinem Buch "Bis an die Grenzen" die menschenunwürdigen Lebensumstände der afrikanischen Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa

"Wir sind tot seit dem Tag, an dem wir unser Land verlassen haben, nichts macht uns mehr Angst. Wenn du in Algerien verhaftet wirst, schieben sie dich nach Tinzaouaten ab." Tinzaouaten, schreibt Fabien Didier Yene, ist ein Ort fernab in der Wüste zwischen Algerien und Mali und das einzige algerische Dorf, in dem Flüchtlinge aus dem subsaharischen Afrika in Freiheit leben dürfen. Eine Freiheit, die zweifelhaft und bitter ist: "Die Gesichter der Ghettobewohner waren schwarz von der Sonne und gleichzeitig weiß vom Staub, die Lippen rissig, das Haar zerzaust wie Grasbüschel." Im Wüstenghetto herrscht zudem Krieg zwischen den Gemeinschaften der unterschiedlichen Herkunftsländer.

In seinem ersten Buch "Bis an die Grenzen" erzählt der Kameruner Fabien Didier Yene seine eigene Migrationsgeschichte. Es ist eine erbarmungslose Geschichte, wie sie täglich tausende Menschen erleben und ein detaillierter Einblick in die menschenunwürdigen Verhältnisse, die Flüchtlinge ertragen müssen, weil sie die politische Grenze ihres Heimatlandes überschritten haben.

Flucht in den Tschad

Als Fabien nach einem tragischen Autounfall, bei dem seine schwangere Freundin tödlich verletzt wird, aus Angst vor Rache ihrer Familie im Affekt beschließt, die Flucht zu ergreifen, ahnt er nicht, dass er auf diese Weise sein Leben noch viel stärker gefährdet. Nachdem er einem Pastor die Geschichte seines Unfalls, an dem er keine Schuld trug, anvertraut, meldet dieser Fabien bei der Polizei, die ihn daraufhin bis zur Bewusstlosigkeit foltert. Fabien flieht in den Tschad, will dort sein Schicksal verarbeiten, Arbeit finden und in ein neues Leben starten.

Am Beginn seiner Reise ist Fabien verängstigt und naiv, aber auch stolz, unterwegs zu sein und eine neue Kultur kennenzulernen. Als gut erzogener junger Mann, der in der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé zur Schule ging, ist er auch ein moralischer Mensch, der die immer deutlicher werdende Korruption, die ihm begegnet, nicht verstehen kann. Bald schon bleibt keine Zeit mehr für das Interesse an den neuen Ländern, in die er reist, denn seine Fahrt entwickelt sich zunehmend zu einem Kampf ums nackte Überleben.

Menschenjagd

Bereits im Tschad merkt Fabien, dass er einen Weg vom Regen in die Traufe eingeschlagen hat. Von da an erleben er und seine Reisegefährten eine große Enttäuschung nach der anderen. Wie gejagte Tiere hetzen sie von einem Versteck ins nächste, von einer Stadt zur anderen, von einem Land ins benachbarte: Vom Tschad nach Nigeria, Niger, Libyen, Algerien bis nach Marokko, wo ein Weiterkommen nach Europa für die meisten unmöglich ist. Immer in der Hoffnung, in der nächsten Station der Reise Arbeit und ein besseres Leben zu finden, fassen sie täglich neuen Mut. Doch anstatt einer Besserung werden die Zustände immer schlimmer. Wie in einer nicht enden wollenden Spirale der Ungerechtigkeit werden die Flüchtlinge von Land zu Land geschleust - gefangen auf dem Weg in eine Zukunft, die immer ungewisser wird.

Geld, Geld, Geld

Von der Polizei, die nur in Ausnahmefällen keine Schmiergelder von den ausgemergelten Flüchtlingen verlangt, werden sie behandelt wie Schwerverbrecher. Bei Kontrollen werden Fabien und seine Mitreisenden regelmäßig gedemütigt, gefoltert, ausgezogen und beraubt. Frauen werden zur Prostitution gezwungen, das Essen muss erbettelt oder auf der Müllkippe gesucht werden. Nur der Überlebenstrieb kann einem das Durchhaltevermögen geben, die lebensbedrohlichen Schikanen seiner Mitmenschen, die teils eigene Landsleute sind, zu ertragen. Jeden Tag aufs Neue müssen die Heimatvertriebenen ihr Schicksal in die Hände von so genannten Freunden legen, die mit dem Schleppergeschäft ihr Geld verdienen.

Auf der gesamten Reise geht es um Geld, jede Information, jeder Gefallen kostet etwas. Schlepper lügen bei den Angaben der Dauer einer Wüstenüberfahrt und zwingen so die Reisenden zusätzlichen Proviant bei ihnen zu kaufen. Diejenigen, die kein Geld mehr bei sich haben, müssen sich in Schulden und weitere Abhängigkeiten stürzen. Als unerträglich beschreibt der Autor auch den Rassismus, den er besonders in Libyen sehr stark zu spüren bekommt, da dort der "Glaube vorherrscht, die Schwarzen seien unterwürfiger als Esel oder Kamele."

Verachtung und Entmenschlichung

Fabien Didier Yene erzählt seine Geschichte in der dritten Person. Vermutlich, um sich die notwendige Distanz zu schaffen, die immer wieder kehrenden schrecklichen Ereignisse mit kühlem Kopf erzählen zu können. Die Zeilen des Buches ziehen den Leser in eine grausame Welt hinein, die tagtäglich für viele Menschen Realität ist. "Fabien wäre lieber gestorben, als diese Szenen der Verachtung, des Rassismus und der Entmenschlichung zu erleben" beschreibt Yene das Gefühl, als eine Art Untermensch behandelt zu werden und meint weiter: "Sklaven erhielten ihre Nahrung, weil sie 'rentable Wesen' waren, aber sie (die Schwarzen, Anm.) rauften darum mit den Hunden."

Die karge Direktheit der Worte macht dieses Buch nicht zu einem nach Mitgefühl haschenden Zeugnis einer tragischen Fluchtgeschichte, sondern zu einem dringlichen Appell, das lange ausstehende Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit von MigrantInnen und ein Dasein ohne Diskriminierung durchzusetzen. Absolut empfehlenswert. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 21. Juli 2011)

Bis an die Grenzen. Chronik einer Migration
(Originaltitel: "Migrant au pied du mur")
Drava Verlag 2011, 224 Seiten

Weiterer Buchtipp zum Thema Flucht: Bilal

  • Fabien Didier Yene lebt heute in Marokko, wo er im März 2008 zum Obmann der Kameruner Emigranten-Gemeinschaft gewählt wurde. Er setzt sich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschenrechts-Organisationen für die Rechte von MigrantInnen ein.
    foto: drava verlag

    Fabien Didier Yene lebt heute in Marokko, wo er im März 2008 zum Obmann der Kameruner Emigranten-Gemeinschaft gewählt wurde. Er setzt sich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschenrechts-Organisationen für die Rechte von MigrantInnen ein.

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