Al-Kaidas lange Schrecksekunde

2. Mai 2011, 19:08
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Der Tod Osama Bin Ladens trifft eine Al-Kaida, die in der arabischen Welt von den Ereignissen überrollt wird: Die Umbrüche finden ohne ihr Zutun statt - und drohen Ordnungen zu bringen, die wieder nicht islamisch sind

Die arabischen Umstürze und Umbrüche wurden ohne Al-Kaida - und Islamisten überhaupt - auf den Weg gebracht. Die Organisation fiel in eine Schrecksekunde, die jener der betroffenen Regime nicht unähnlich war - und dieses Erschrecken wird durch den Tod Osama Bin Ladens erst einmal verstärkt werden. Bei der horizontalen Organisation Al-Kaidas heißt das aber nicht, dass Reaktionen ausbleiben werden.

Al-Kaidas Lage in der arabischen Welt ist dabei angesichts der Entwicklungen besonders heikel: Da die extremislamistischen Denker von Al-Kaida aber trotz aller ideologischen Verranntheit eine gewisse populistische Begabung haben, reagieren sie bisher sehr vorsichtig auf die Umstürze. Das heißt, sie unterstützen und begrüßen etwas verbal, das nicht ihre Sache ist. Demokratien westlicher Inspiration, mit einem Schuss Sehnsucht nach Säkularismus: Das ist bei Gott nicht die Ordnung, die sich diese Herren für die post-postkoloniale arabische Welt vorgestellt haben.

"Populistische Botschaft"

Was der norwegische Islamismusforscher Brynjar Lia 2008 als die "populistische Botschaft" Al-Kaidas beschrieb, die sie so erfolgreich macht, könnte jetzt zum Manko werden. Im Grunde genommen, sagt Lia, hat Al-Kaida die äußerst komplizierten islamistischen Staatstheorien hinter sich gelassen, um mit der simplen Forderung nach "Befreiung" der islamischen Welt umso mehr Erfolg, zumal bei der Jugend, zu haben.

Jetzt müsste man aber mit Antworten parat stehen, was man mit einer eventuell befreiten arabischen Welt tatsächlich anfangen will. Eines ist sicher: dass die islamistischen Organisationen, in ihrer ganzen Bandbreite, nicht mit verschränkten Armen dasitzen und sich den Umbau einfach nur anschauen werden. Das Attentat in Marokko könnte eine Erinnerung an Al-Kaidas prinzipielle Einsatzbereitschaft gewesen sein. Es hat der Causa der Opposition in Marokko aber eher geschadet (was unweigerlich die Verschwörungstheoretiker auf den Plan bringt).

Mehr Islam im Staat

Auch die konservativen arabischen Salafiten rieben sich erst einmal die Augen - sind aber jetzt voll da. Sie haben mit Al-Kaida gemeinsam, dass sie jeden westlichen Charakterzug eines politischen Systems für die islamische Welt ablehnen. Für viele Salafiten, die sich eher mit Saudi-Arabien identifizieren, ist aber Al-Kaida selbst unislamisch: zu viele neue politische Ideen und zu viel revolutionäre Methode.

Die ägyptischen Salafis lehnten auch die Revolution zuerst ab, sprangen dann aber auf deren Popularität auf und versuchen jetzt mitzumischen: Mehr Islam im Staat muss her. Ob sie beim politischen Prozess mitmachen - und ob das heißt, dass auch sie pragmatische Zugänge entwickeln -, ist unklar. Man wird noch von ihnen hören, nicht nur in Ägypten. Und von Al-Kaida auch. (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 3.5.2011)

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    Diese Aufnahme ist mit 2001 datiert und zeigt ein Still eines von Al-Kaida selbst verbreiteten Propaganda-Videos.

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