Ultra-Orthodoxe Juden und der Kampf um Jerusalem

Blog21. Juli 2011, 11:55
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In die Religionsschulen von Mea Shearim

An der HaNeviim Straße im Zentrum von Jerusalem wird Samstags ein Konflikt um den "richtigen" Lebensstil ausgetragen. Für die Anrainer des ultra-orthodoxen Viertels Mea Shearim ist jedes Auto, das dort am jüdischen Feiertag entlang fährt, eines zu viel. Denn ihre Auslegung des jüdischen Rechts verbietet das Fahren am Sabbat. Erst letzten Samstag haben sie gegen den Wochenendbetrieb eines nahegelegenen Parkplatzes demonstriert.

Doch wie denken Ultra-Orthodoxe Juden über diesen Konflikt und was liegt dahinter? Auf der Suche nach Antworten bin ich ihrem Glauben dorthin gefolgt, wo er tagtäglich gelehrt und gelebt wird: In die Religionsschulen von Mea Shearim.

Im Garten der Yeshiva "Etz Hachaim", was "Baum des Lebens" bedeutet, treffe ich zwei Schüler, die im Schatten auf einer Holzbank gerade die Torah lesen. Yehuda und Eliran sind beide 18 Jahre alt. Und wie alle anderen Schüler von Etz Hachaim waren sie früher nicht ultra-orthodox, haben sich also erst später bewusst für diesen traditionellen Lebensweg entschieden. Jetzt studieren sie jeden Wochentag in der Yeshiva und werden das wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens tun. Yehudas Vater ist ursprünglich aus Marokko, seine Mutter aus dem Irak. Er hat dunkle Haut, aufgeweckte runde Augen und vereinzelte Barthaare, die wirr in alle Richtungen stehen. Das Leben sei jetzt viel besser als vorher, meint er. "Auch wenn du das von außen nicht verstehen kannst und denkst, wir sind verrückt und leben in einem Gefängnis."

Traditionell aber glücklich

Ich frage Yehuda, was sein Leben besser macht als das von Anderen. Er denkt kurz nach, ruft dann aber seinen Freund Schlomo zur Hilfe. "Die Menschen in dieser Welt suchen ständig nach neuen Dingen. Sie kaufen sich neue Autos und Häuser. Aber sie werden frustriert, fühlen sich irgendwann hohl. Aber wenn du die Torah liest, findest du ständig neue Wege und Antworten. Wir leben traditionell, aber glücklich", erklärt Schlomo, der ursprünglich aus der Türkei stammt. Aber der Lebensweg der Nicht-Orthodoxen macht ihn unglücklich. Und er erwartet sich ein Minimum an Respekt. "Autofahren am Sabbat ist in unserem Viertel nicht akzeptabel", sagt er.

Yehuda will mich zu einer anderen Yeshiva bringen. Ich folge ihm durch die ruhigen Gassen von Mea Shearim, bis wir zu einem prunkvollen, mit Marmor verzierten Gebäude kommen. Vor dem Eingang der Yeshiva "Ahavat Schalom", was Friedensliebe bedeutet, treffe ich den 56-jährigen Baruch. Er ist großgewachsen und trägt einen langen grauen Bart. Sein traditioneller schwarzer Mantel spannt sich um seinen dicken Bauch. Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum Reden führt er mich durch mehrere Räume, bis wir im obersten Stock in einem Studierzimmer für Rabbis einen Platz finden. Dort setzt mir einer der Anwesenden eilig eine Kippa auf, die Kopfbedeckung männlicher Juden. Zwischen all den kleinen Holztischen, auf denen staubige Religionsbücher aufgetürmt liegen, setzen wir uns.

Toleranz hat Grenzen

Ich frage Baruch, wie er den Konflikt mit den Nicht-Orthodoxen in Jerusalem sieht. „Jerusalem ist die heilige Stadt der Juden und ein spiritueller Ort. Wir Orthodoxen fühlen, dass das hier nicht einfach Paris oder eine andere schöne Stadt ist", erklärt er. Das Treiben der "Liberalen" könne er nicht dulden, weil Gott letztendlich alle dafür bestrafen würde. "Wie in Los Angeles, wo nach einer Gay-Parade ein Erdbeben ausgebrochen ist. Sowas wollen wir in Jerusalem nicht", sagt er mit beängstigender Selbstverständlichkeit. Er selbst würde zwar nicht gegen das Autofahren am Sabbat demonstrieren, aber er versteht den Zorn seiner Gemeinschaft. "Toleranz hat eben seine Grenzen. Deren Lebensstil ist falsch und gefährlich", sagt er.

  • Schilder warnen Besucher des ultra-orthodoxen Stadtviertels Mea Shearim vor "unmoralischem" Verhalten.
    foto: andreas hackl

    Schilder warnen Besucher des ultra-orthodoxen Stadtviertels Mea Shearim vor "unmoralischem" Verhalten.

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    Proteste in Jerusalem gegen die Öffnung einer Straße für den Verkehr.

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