"Saleh wird den Jemen barfuß verlassen"

26. Mai 2011, 19:58
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Die Revolte entwickelt sich im Moment zu einem Krieg zwischen der Stammeskonföderation, aus der Saleh selbst stammt, und dem engeren Kreis des Präsidenten und treuer Armeeteile

Die Revolte im Jemen entwickelt sich im Moment zu einem Krieg zwischen der Stammeskonföderation, aus der Saleh selbst stammt, und dem engeren Kreis des Präsidenten und treuer Armeeteile.

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Sanaa/Wien - Dutzende Tote, hunderte Flüchtlinge: In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa herrschten am Donnerstag bürgerkriegsähnliche Zustände, es gab schwere Gefechte und Explosionen, vor den wenigen offenen Geschäften bildeten sich lange Schlangen.

Eliteeinheiten von Präsident Ali Abdullah Saleh stehen Teilen der Armee gegenüber, die zu den Rebellen überlaufen sind. Diese Armeeteile sowie bewaffnete Stammeskämpfer waren Sadek al-Ahmar zu Hilfe geeilt, dem Chef der Stammeskonföderation der Hashid, der sich bereits im März gegen Saleh gestellt hatte. Der Angriff von Saleh-Loyalen auf Scheich al-Ahmars Haus löste die Gewalteskalation aus.

Saleh, der am Wochenende einmal mehr eine Vermittlungsinitiative der Golfkooperationsstaaten platzen ließ, löst nun, um noch etwas an der Macht zu bleiben, selbst den Bürgerkrieg aus, den er für den Fall seines ungeordneten Abgangs prophezeit hatte. Die Fronten sind völlig verhärtet. Sadek al-Ahmar kündigte am Donnerstag an, Saleh werde den Jemen "barfuß verlassen". Viele Jemeniten würden ihn lieber vor Gericht sehen.

Ali Abdullah Saleh, 1978 bis 1990 Präsident des Nordjemen und seither des vereinten Jemen, ist mit Gegnern konfrontiert, die Teil seiner eigenen Geschichte sind: Sadek al-Ahmar und seine Brüder sind die Söhne des Stammesscheichs Abdullah al-Ahmar, dem bis zu seinem Tod 2007 zweitmächtigsten Mann im Jemen, mit dem sich Saleh in einem sensiblen Interessenausgleich arrangiert hatte. Salehs Stamm, die Sanhan, gehören selbst zur von den Ahmars geleiteten Hashid-Konföderation.

Im komplizierten Wechselspiel zwischen Stamm und Politik gründete Scheich Abdullah nach der Vereinigung von Nord- und Südjemen die islamistisch-tribale Islah-Partei und war von 1993 bis zu seinem Tod 2007 Parlamentspräsident. Da war die Islah aber bereits geschwächt - Saleh war längst im Begriff, die Balance zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Seit dem Tod von Scheich Abdullah brachte Saleh dessen Söhne auf, indem er seiner eigenen engeren Familie, vor allem seinem Sohn Ahmed, immer mehr Macht zuschanzte. Die Spannungen verschärften sich. Ein besonders mächtiges Mitglied der Familie und direkter Verwandter Salehs, General Mohsen al-Ahmar, wurde während des Huthi-Aufstands (2004-2010) im Norden des Landes demontiert, als er mit Ahmed über die führende Rolle bei der Niederschlagung ritterte. Auch er steht heute auf der anderen Seite.

Von diesem Machtkampf wird die Revolte heute dominiert - jene demokratischen Kräfte, die der Jemen für eine neue Zukunft brauchen würde, sind im Moment marginalisiert. Angesichts der Transitionsprobleme mit denen Tunesien und Ägypten zu kämpfen haben, ahnt man, was auf den bitterarmen und von vielen inneren Konflikten zerrissenen Jemen zukommen könnte. (Gudrun Harrer/ DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2011)

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    Ali Abdullah Saleh, Präsident seit 1978, will nicht abtreten. Aber auch die Opposition ist mittlerweile kompromisslos.

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