Google greift Facebook und Microsoft an, die sich nun zusammenschließen
Google+ ist in aller Munde. Das Netzwerk soll die Vorherrschaft von Facebook durchbrechen. Doch für Tim Carmody von wired.com ist es mehr ein Duell zwischen Google+ und Microsoft plus Facebook.
Er kommt zu dem Schluss, dass Google+ kein reines Netzwerk ist, sondern die Vereinigung der verschiedenen Applikationen von Google. Carmody vergleicht Google+ mit Mac OS X Lion oder Windows 8. Die beiden Betriebssysteme sollen PC und Post-PC Geräte miteinander und mit der Cloud vernetzen.
Während das Apple Betriebssystem den App Store und iCloud implementiert hat, soll Windows 8 von Windows Phone 7 über Office und Xbox bis hin zu Skype die wichtigsten Microsoft Produkte miteinander verbinden.
Eine ID für viele Services
Soziale Netzwerke sind auch nicht mehr nur dazu da mit Freunden in Verbindung zu treten, sondern machen es möglich, mit einer einzigen ID verschiedene Cloud-Services zu nutzen. Um seine These zu untermauern zitiert Carmody Edd Dumbill, der die Funktionen von sozialen Netzwerken zusammenfasst. Die wichtigste ist die Identifikation, d.h. jemanden als Nutzer zu authentifizieren und Informationen über die Person zu speichern. Die Möglichkeit Inhalte zu tauschen, benachrichtigt zu werden, wenn sich bei anderen etwas ändert und die Inhalte kommentieren zu können sind drei weitere wichtige Funktionen. Nicht minder wichtig ist die Möglichkeit direkt miteinander kommunizieren zu können.
Soziale Netzwerke als Internetbackbone
Für Dumbill sind Facebook und Co nicht mehr nur soziale Netzwerke, sondern das soziale Internetbackbone. Im Gegensatz zu Suchmaschinen verbinden die sozialen Backbones nicht nur Menschen mit Dokumenten, sondern auch Menschen mit Menschen. Damit sind sie schon tief in das technologische Ökosystem vorgedrungen.
Carmody zitiert auch den ehemaligen CEO von Google Eric Schmidt. Wenn dieser über die Errungenschaften von Facebook spricht, vermeidet er das Wort sozial und spricht von Identität. Facebook arbeitet mit den Identitäten seiner vielen Nutzer. So kann man sich mit seinem Facebook Konto bei anderen Seiten anmelden, die Bing Suche personalisieren und seine Facebook Kontakte mit Windows Phone 7 synchronisieren. Auch mit seinem Twitter Konto kann man sich bei verschieden Seiten anmelden und der Kurznachrichtendient ist eng mit Apples iOS verknüpft.
Vertikale Vermarktungskette
Während Facebook und Twitter sich Partner suchen müssen, um in Betriebssysteme integriert werden zu können, kann Google den direkten Weg gehen und Google+ mit Android verknüpfen. Diese vertikale Vermarktungskette ist der große Vorteil von Google. Um dem etwas entgegenzusetzen baut Facebook auf seine Partnerschaft mit Microsoft.
In die erste größere Auseinandersetzung zwischen Google+ und Facebook war auch Microsoft involviert. Während Google+ von Anfang an einen Videochat integriert hatte, musste Facebook nachziehen und startete gemeinsam mit Skype einen Videochat. Skype wurde im Mai von Microsoft gekauft.
Als Mark Zuckerberg den Videochat vorstellte, teilte er mit, dass Facebook mit anderen Firmen, vor allem Microsoft, zusammenarbeiten wird, um Googles vertikaler Integration etwas entgegensetzen zu können.
Facebook + Microsoft
Die Zusammenarbeit von Facebook und Microsoft macht für beide Seiten Sinn. Der Softwarekonzern stellt dem sozialen Netzwerk den Videochat, die Suche und das mobile Betriebssystem zur Verfügung und künftig auch eine mögliche Integration in Windows 8 und die Xbox. Facebook wiederum liefert Microsoft seine Plattform mit den Identitäten und der Möglichkeit sich auszutauschen. Diese kann Microsoft in seine diversen Angebote, wie Spiele oder der Zusammenarbeit bei Dokumenten, einbauen und hat somit sofort eine große Anzahl an Nutzern.
Mit Google+ hat Google nun eine Plattform, um all seine Dienste zentral zu bündeln und kann so der Partnerschaft von Microsoft und Facebook Paroli bieten. Auf der neu integrierten Statuszeile in der Google Suche sind alle wichtigen Applikation von Google präsent. Vincent Wong vergleicht sie deswegen mit den Taskleisten in Windows und Mac OS X.
Virtuelle Geldbörse
Bisher kann man auf Google+ Links, Bilder, Orte und Videos teilen. In Zukunft wird man auch Karten, Dokumente, Nachrichten und Einkauf-Angebote tauschen. Carmody sieht die Integration von Einkaufsmöglichkeiten in Google+ als wichtiges Feature. Wenn es Google schafft ein ähnlich gutes Transaktionsmodell wie Apple oder Amazon zu bieten, könnte Google mit Hilfe von Android eine virtuelle Geldbörse kreieren.
Carmody interpretiert Google+ also nicht als reines soziales Netzwerk, sondern als die Möglichkeit von Google seine Dienste besser zu bündeln und so eine Art Betriebssystem in der Cloud zu schaffen. Ob er richtig liegt und ob Facebook und Microsoft dagegen halten können, wird sich zeigen. Auch welche Rolle Apple dabei spielt und ob Amazon mit seinem eigenem Tablet mitreden kann, wird man sehen. Auf jeden Fall ist Bewegung in den Kampf um die Post-PC-Ära gekommen und Wettbewerb tut der Entwicklung sicherlich gut. (soc)