Homo soccer

Über ein falsches Trikot im globalisierten Fußball - Von Bert Rebhandl

Der FC Liverpool ist einer der populärsten Fußballvereine der Welt. Kürzlich war er in Malaysia, um diese Popularität spezifisch in Asien weiter zu erhöhen. Bei einem öffentlichen Training wurde ein Fan entdeckt (und die Szene auch gefilmt), der ein Jersey mit dem Namen von Wayne Rooney trug, Stürmer von Manchester United, dem Club, der seit wenigen Wochen erstmals mehr englische Meistertitel hat als der FC Liverpool und nicht nur deswegen der große Antagonist ist. Die Aufnahme hat starke ikonologische Resonanz: Einerseits ist die Menge tatsächlich aufgebracht, andererseits wirkt es geradezu zärtlich, wie die beiden Liverpool-Fans, einer mit dem Namen von Steven Gerrard auf dem Rücken, den Rooney-Fan keineswegs körperlich bedrohen - sie wollen ihn nur ausziehen, sie wollen, dass er das verhasste Gewand nicht weiter trägt.

Für eine Weile sitzt er dann als (in Hinsicht auf seine Fan-Insignien) nackter Mensch in der Menge. Er widersetzt sich nicht, wirkt aber auch unbeeindruckt - das ist der dramatisch vielleicht stärkste Moment dieser kleinen Begebenheit, die Souveränität in der Rolle des Ausgestoßenen, die dieser junge Mann an den Tag legt. Ein Liverpool-Trikot mit dem Schriftzug des Sponsors Standard Chartered lässt er sich nicht überstreifen (dieser Spott geht zu weit, der junge Mann ist schließlich nicht Jesus). Stattdessen geht er los, nach draußen, und die Person mit der Kamera erwischt mit dem Zoom gerade noch den letzten Moment, in dem er im Stadion zu sehen ist. Nun sind die Fans der FC Liverpool wieder unter sich.

Dass der Bedrängte vielleicht einer von ihnen war, ein Armer, der noch nicht das neueste Leibchen hat, der sich vielleicht eines ausgeborgt hatte, der früher vielleicht einmal für Man United war, jetzt aber zu Liverpool hält, weil die Malaysia besuchen, oder der nicht so genau unterscheiden mochte in seiner Verehrung für den westlichen, englischen Fußball, das sind alles Konjekturen, die diesen Film zusätzlich spannend machen.

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    screenshot: cargo
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