Europäische Suchmaschine

Gedächtnis in der Cloud

Gastkommentar | 21. Juli 2011, 10:44

Frank Schirrmacher fürchtet eine Erosion der Erinnerung durch fortschreitende Datenerfassung. Doch der Mensch ist mehr als die Summe seines Internetverhaltens

Dieser Tage wird ein spannender Artikel von Frank Schirrmacher im Internet herumgereicht: Unter dem Titel "Wir brauchen eine europäische Suchmaschine" warnt der "FAZ"-Herausgeber vor der Verschiebung unseres Gedächtnisses in die Cloud. Seine Warnung vor der Auslagerung zu vieler Daten an einen Privatkonzern im Ausland ist zu begrüßen - denn niemand kann bisher absehen, wie sich der Umgang mit solchen Daten entwickeln wird.

Darüber hinaus geht es in dem Artikel allerdings um die allgemeine Fragestellung, welchen Einfluss das Internet auf das menschliche Verhalten haben wird: Wenn frei nach Googles Mission alle Daten auf der Welt erfasst und durchsuchbar gemacht wurden, und wenn diese Daten durch Informationen über unser Onlineverhalten logisch verknüpft werden, könnte die Suchmaschine uns in Zukunft gar so weit überlegen sein, dass sie eigenes Erinnern und Denken überflüssig macht?

Seine Ausführungen sind deswegen so interessant, weil sie an Nicholas Carrs viel wiederholte Frage "Is Google making us stupid?" anknüpfen: Schirrmacher beruft sich dabei auf mehrere Studien, die eine verringerte Erinnerungsfähigkeit feststellten, sofern die zu merkende Information auch online verfügbar ist. Wo dieses Bild jedoch zu weit geht, ist bei den folgenden Drohszenarien - angefangen bei der Überlegung, bald ein ganzes Menschenleben aufzunehmen und auf ein Speichermedium zu bannen, bis hin zu düsteren Anspielungen auf die "Matrix".

Die wenigsten Informationen sind sichtbar

Bei solchen Überlegungen technisiert Schirrmacher die Realität und versucht sie als etwas Speicherbares zu präsentieren. Doch wo kann man die Linie zwischen tatsächlicher Wahrnehmung und speicherbaren Daten ziehen? Um ein Menschenleben tatsächlich aufzuzeichnen, und dabei das Szenario zu erreichen, auf dem Schirrmachers Warnung fußt, fehlen noch viele Puzzleteile.

Der Neurowissenschaftler David Eagleman beschreibt, welche Komplexität unseren Köpfen innewohnt. Das Bild, was sich einem bietet, ist in der Tat beeindruckend und lässt erahnen, wie wenig von dem, was unser tägliches Handeln beeinflusst, tatsächlich bewusst geschieht. Trotz aller Zukunftsszenarien über Speichermedien ist und bleibt das menschliche Gehirn die komplexeste Form eines Speichers auf der Welt. Und obwohl die menschliche Erinnerungsfähigkeit normalerweise beim langfristigen Speichern von Fakten und Daten hinter Computern zurückbleibt, operiert es auf eine andere, viel beeindruckendere Weise, die auch genaue Informationen über Textpassagen in Büchern banal wirken lässt: Es speichert komplexe Emotionen, Wahrnehmungen wie Geschmäcker und Gerüche und verknüpft diese in Echtzeit.

Jeder hat es erlebt, etwas aus der Kindheit nach vielen Jahren erneut zu sehen und dabei von einem Schwall der Erinnerungen eingeholt zu werden, mit einer solch intuitiven Relevanz, wie sie bislang kein auf Algorithmen basierendes System leisten kann. Diese Analogie demonstriert bereits, wie viel von unserer Realität unterbewusst abläuft und welche Denkprozesse laufend stattfinden. Wenn das vom Menschen bewusst Erlebte allerdings lediglich die Spitze des Eisberges ist, dann ist es auch eine verhältnismäßig geringe Informationen über unser Verhalten, wir wirklich online preisgeben können.

Schirrmacher hingegen suggeriert, diese komplexen Wahrnehmungen bis hin zu "Schlüsselreizen, die den individuellen Konsum über Gefühle und Assoziationen auslösen" können irgendwie erfasst und damit festgehalten werden. Im Kontext all unserer Wahrnehmungen erscheinen die von Google erfassten Daten also winzig, zumal weitere Erhebungen ein geradezu groteskes Überwachungsszenario erfordern würden, damit "nicht einmal ein Räuspern" verloren geht.

Zeigerfinger runter

Dennoch fordert Schirrmacher eine alternative "europäische Suchmaschine" - und verweist auf Baidu, welches in China einen so hohen Marktanteil genießt wie hierzulande Google. Dabei handelt es sich um das, was der Amerikaner fighting fire with fire nennt - und es entbehrt einer gewissen Logik. Nun den Unkenrufen über die "Datenkrake" zu folgen, und unsere Daten dafür von einem Server auf den anderen zu verschieben, ist in sich paradox. Stattdessen muss der kritische Blick geschult werden, damit wir beim Gebrauch des Netzes erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten Eisenbahnen verkehrten, protestierte ein bayerisches Ärztekollegium, diese zu damaligen Zeiten unglaublichen Geschwindigkeiten von bis zu 14 km/h könnten das Gehirn der Mitreisenden ernsthaft beschädigen: zu schnell sei die Reisegeschwindigkeit, die auf den Reisenden einströmenden Eindrücke könnten gar nicht verarbeitet werden. Heute wissen wir, dass diese Angst unbegründet war - dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass wir die tägliche Leistung unseres Gehirns weiterhin gewaltig unterschätzen. (derStandard.at, 21.7.2011)

Autor

Lars Mensel, The European, studierte an der Universiteit Leiden (Niederlande). Er arbeitet bei The European als Redakteur und betreut u.a. die diversen Social Media Kanäle.

Lupus67
00
22.7.2011, 09:47

also ich hab weniger angst dass ZU VIEL verfügbar wird.

wer google und andere suchmaschinen benutzt, stößt eher nur auf kommerzielle seiten bzw. den von politik und medien-diktatur "genehmigten" einheitsbrei. da ist es oft mehr als nur schwierig, "unliebsame" informationen irgendwo auszugraben, oder solche die keinen kommerziellen nebeneffekt haben.

die gefahr im internet ist, dass dieses "gedächtnis" nach lust und laune veränderbar ist.
anders als gedruckte medien. da kann microsoft und co schlecht das ganze buch umschreiben, höchstens eine neuauflage herausgeben.

O5
01
22.7.2011, 06:41

Vom Artikelschreiben wird sich keine europäische Suchmaschine entwickeln. Wir bräuchten ganz einfach dasselbe Umfeld wie die USA: viel Einwanderung, viele Top-Unis, viel Fremdkapital. Dann klappts ganz ohne politische Interventionen und FAZ-Leitartikel.

Trollblume
00
21.7.2011, 11:11

Der Verfasser dieses Artikels hätte wenigstens versuchen können zu erklären, wieso er meint, die Drohszenarien Schirrmachers wären zu weit gegriffen.

Trollblume
01
21.7.2011, 11:19

Die angeführten Argumente sind für mich nicht stichhaltig, denn ich beobachte täglich, wie wir mehr und mehr technisiert werden und die Fähigkeit uns auf unsere Gefühle zu verlassen oder sie auch nur zu lesen nach und nach verlieren.
Und dann der Eisenbahnvergleich: hinkt entweder gewaltig, oder aber das Ärztekollegium hatte recht, und der Untergang begann schon damals!

Poldi Fesch
00
21.7.2011, 19:27
eher das

Kollegium hatte recht, wenn man an die Pauschaltouris zw. Malorka u. Antalya denkt

Lilith Boessse
 
00
21.7.2011, 18:18
"...der Untergang begann schon damals!" ;o)

ich versteht überhaupt nix!

gehts darum, dass es nicht gut sei, sich zuviel aufs internet (und die darin "abgelegten" erinnerungen (?) zu verlassen) weil man diese erinnerungen dann mehr oder weniger aus dem eigenen "speicher" entfernt

oder darum, dass es nicht gut ist, soetwas wichtiges wie daten FREMDanbietern zu überlassen?

(die usa sammelt eh schon fleißig. die eu-politiker helfen tüchtig dabei. ob bzw. was das den usa über kurz oder lang bringt ... ?)

Trollblume
00
22.7.2011, 22:38

Und damals begann es, dass wir uns schneller bewegen als wir denken und wahrnehmen können!

Trollblume
00
22.7.2011, 22:37

Ja, man verlässt sich und vergisst und zerspragelt sich total. Es geht um die Auswirkungen auf unser Gedächtnis bzw. Denken und Realitätssinn. Hat viele Aspekte und ist in der Tat kompliziert. Denke dass man das volle Ausmaß noch gar nicht abschätzen kann.
Natürlich kann es auch nicht gut sein, wichtige Daten Fremdanbietern zu überlassen - und zwar wegen Datenklau und frei nach dem Motto: wie war denn gleich noch man das Passwort!?

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