Auch der Radetzkymarsch mit seinem mitreißenden Rhythmus weckt mehr Enthusiasmus und Wir-Gefühl als die offizielle Hymne
Ob mit oder ohne Töchter - unsere Bundeshymne hat einen Geburtsfehler, der mit dem Genderproblem nichts zu tun hat: Sie ist einfach nicht gut. Weder der Text noch die Melodie, trotz des (umstrittenen) Mozart-Gütesiegels. Bei feierlichen Veranstaltungen singen die Leute sie meistens nicht mit. Man hört zu, wie sie gespielt wird, und ist ganz froh, wenn sie wieder vorbei ist.
Schon bei ihrer Einführung war die Begeisterung nicht ungeteilt. Bruno Kreisky hätte sich "o du mein Österreich" gewünscht. Für viele ist von jeher der Donauwalzer die "heimliche Bundeshymne". Von der alten Haydn-Melodie nicht zu reden, die nun unwiderruflich den Deutschen gehört.
Und auch der Radetzkymarsch mit seinem mitreißenden Rhythmus weckt mehr Enthusiasmus und Wir-Gefühl als die offizielle Hymne. Ein Grund dafür mag sein, dass diese laut Experten die einzige Nationalhymne ist, die mit einer absteigenden und nicht mit einer aufsteigenden Tonfolge anhebt.
Und der Text? Nun ja. Was halt so bei Wettbewerben herauskommt. Schon die Söhne der Autorin Paula von Preradovic dichteten einst die Verse der Mama respektlos um: "Land der Erbsen, Land der Bohnen / Land der vier Besatzungszonen /wir verkaufen dich im Schleich /vielgeliebtes Österreich" .
Auch die Texte der populären Hymnen anderer Staaten sind nicht immer literarische Meisterwerke. Und auch nicht immer politisch korrekt. So heißt es etwa in der Hymne aller Hymnen, der unvergleichlichen Marseillaise, "ihr unreines Blut tränke die Furchen unserer Äcker" . Und in der wunderbaren polnischen Hymne "Noch ist Polen nicht verloren" kommt der Satz vor, dass "wir uns mit dem Schwert nehmen, was fremde Übermacht uns genommen hat" .
Aber macht nichts, historische Hymnen sind historische Hymnen, die von ihrer Entstehungszeit geprägt sind. Das gilt übrigens auch für die erste Strophe des Deutschlandliedes, die dortzulande nicht mehr gesungen werden darf. "Deutschland, Deutschland über alles" meinte ursprünglich nicht die Unterwerfung anderer Völker, sondern, durchaus fortschrittlich, die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei.
Wie immer der Streit um die Töchter, Söhne, ausgeht, wirklich beliebt wird die österreichische Bundeshymne wohl nie werden. Dabei hätten wir in der Europa-Hymne ja noch ein zweites Lied in petto, das nun wirklich alle Voraussetzungen zur Popularität hätte. Beethoven und Schiller, was will man mehr? Vor allem, wenn man die Schiller'sche Urfassung "Freiheit, schöner Götterfunken" verwendete, die um der Zensur willen später ins harmlosere "Freude" umgewandelt wurde. Als Zusatz-Hymne würde das Lied sich gut machen, melodisch wie politisch.
Aber vorderhand singen wir halt "Land der Berge, Land am Strome". Und es wäre wohl auch kein wirkliches Unglück, wenn die einen in Zukunft "Heimat bist du großer Söhne" singen würden und die anderen "Heimat großer Töchter, Söhne".
Wobei die meisten Österreicher und Österreicherinnen ohnehin, so wie jetzt schon, stumm blieben. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD; Printausgabe, 21.7.2011)