"Zuschauen ist ein Wahnsinn"

20. Juli 2011, 18:12
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Zerbrochene Beziehungen, Sinnkrisen und das Gefühl, dem Turbokapitalismus ausgeliefert zu sein: So erklärt Eva Mückstein, Präsidentin der Psychotherapeuten, den Boom psychischer Leiden - und vermisst eine politische Reaktion

Wien - "Es herrscht eine dekadente Stimmung": Eva Mückstein zeichnet kein optimistisches Bild vom Zustand der Gesellschaft. Das Klima des Aufbruchs habe sich verflüchtigt, meint die Präsidentin des Psychotherapieverbandes: "Viele Leute haben das Gefühl verloren, aus eigener Kraft ihr Leben gestalten zu können."

Was Mückstein bei ihrer Arbeit registriert, spiegelt sich in Zahlen wieder. Laut Sozialversicherung sind 900.000 Österreicher - mehr als zehn Prozent der Bevölkerung - im Laufe eines Jahres wegen psychischer Leiden in Behandlung. Der Anstieg ist ebenso steil wie bei den aus psychischen Gründen angetretenen Frühpensionen, die sich in 15 Jahren verdreifacht haben. Dies lasse sich nicht nur mit gewachsenem Problembewusstsein erklären, meint Mückstein.

Viel Resignation ...

Burnout identifiziert die Therapeutin als eines der dominanten Leiden und erzählt von Klagen über Leistungsdruck, Konkurrenzzwang und harte Arbeitsbedingungen. "Die Leute haben den Eindruck, der Maschinerie von Profitgier und globalisiertem Kapitalismus ausgeliefert zu sein und als Mensch immer weniger zu zählen", sagt Mückstein: "Das führt zu Resignation."

Unter den Rädern fühlten sich jene, die bei diesem Wettlauf zurückblieben. Auch wenn das Wohlstandsgefälle hierzulande nicht so steil ausfalle wie anderswo: "Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu. Und relative Armut ist ein Indikator für psychische Störungen - zumal Konsum auch im Freizeitverhalten zum obersten Prinzip geworden ist."

Am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums resultierten aus dem Wohlstand hingegen "Sinnfindungsfragen", berichtet Mückstein: "Da entstehen Probleme, der eigenen Existenz einen Sinn zu geben."

... keine Orientierung ...

Beziehungen, die den Menschen Halt geben, brächen indessen weg, analysiert die Psychotherapeutin. Das beginne bei den Jüngsten: "Die Eltern arbeiten und haben zu wenig Zeit. Die öffentliche Hand kann sich nicht dazu durchringen, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung anzubieten. Und so fehlt es Kindern an stabilen Beziehungen zu Bindungspersonen."

Später mache sich vielfach Verunsicherung breit, weil Schulen daran scheiterten, klare "pädagogische Werthaltungen" zu vermitteln, indem sie etwa zwischen Laissez-Faire und Zucht und Ordnung schwankten. Diese "Orientierungslosigkeit" schlage sich gerade bei Pubertierenden in Phänomenen wie Suchtneigung, Selbstgefährdung oder Depression nieder.

Quer durch alle Altersgruppen nähmen psychische Probleme zu, konstatiert Mückstein. Erwachsenen machten zerbrochene Beziehungen - die Scheidungsrate liegt bei 50 Prozent - zu schaffen, Senioren das Alleinsein und die (empfundene) Abschiebung durch die Jungen. Laut Sozialversicherung ist die Hälfte der einschlägig Betroffenen über 60 Jahre alt.

... wenig Therapie

Mehr "Empathie und Solidarität" wünscht sich Mückstein. Politisch eher durchsetzbar ist eine praxisnähere Forderung: "Psychotherapie muss der medizinischen Versorgung gleichgestellt werden."

Derzeit gibt es keinen allgemeinen Kassenvertrag, sondern begrenzte Kontingente: Von 65.000 Menschen in Therapie kommt nur die Hälfte in den Genuss einer kostenlosen Behandlung auf Krankenschein, der Rest bezieht einen Zuschuss von 21,80 Euro pro Stunde, die zwischen 65 und 100 Euro kostet.

Als Folge sieht Mückstein eine "Unterversorgung", denn tatsächlich benötigten zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung - also 168.000 und 400. 000 Personen - Psychotherapie: "Schauen wir weiterhin nur zu, dann ist das gesellschaftspolitischer Wahnsinn." (Gerald John, DER STANDARD; Printausgabe, 21.7.2011)

  • Allein, ohne Halt: Die Hälfte der psychisch Kranken ist über 60, aber
 auch Junge sind zunehmend betroffen.
    foto: der standard/corn

    Allein, ohne Halt: Die Hälfte der psychisch Kranken ist über 60, aber auch Junge sind zunehmend betroffen.

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