Die Schlacht um den Schuldenerlass

Kommentar der anderen20. Juli 2011, 17:52
92 Postings

Jeder Mensch weiß, dass Griechenland seine Auslandsschulden nicht zurückzahlen wird

Jeder Mensch weiß, dass Griechenland seine Auslandsschulden nicht zurückzahlen wird. Die einzige Frage ist nur noch, wie man es am besten bewerkstelligt, dass niemand etwas von der Pleite Griechenlands bemerkt.

An Expertenplänen hierzu herrscht kein Mangel - genannt werden Anleihenrückkäufe, ein Anleihentausch und die Schaffung von Eurobonds, einer europäischen Version der "Brady-Bonds", die in den 1980er-Jahren von bankrotten lateinamerikanischen Schuldnerländern emittiert wurden. Alle diese Programme laufen darauf hinaus, Anleihen über Anleihen anzuhäufen und so die Quadratur des Kreises der griechischen Zahlungsunfähigkeit zu schaffen, um die für die Gläubiger - hauptsächlich europäische Banken - zu erwartenden Verluste zu minimieren.

Jede Woche pilgert eine groteske Clique aus europäischen Bankern und Finanzministern von einer Hauptstadt in die nächste, um darüber zu diskutieren, welchen Zahlungsausfall-/Umschuldungsplan man annehmen soll. Unterdessen hält die Agonie Griechenlands weiter an und die "Märkte" warten, bis sie sich auf Portugal, Irland, Italien und Spanien stürzen können. - Kein Mensch, der die Taschenspielereien im Finanzwesen nicht kennt, kann sich einen Reim auf diese Anleihen-Schlacht machen. Allerdings liegen diesen Vorgängen zwei moralische Haltungen zugrunde, die viel leichter zu verstehen sind.

Die eine besteht in der traditionellen Ablehnung von Schulden. Die älteste Regel im Bereich persönlicher Finanzen ist, Schulden zu vermeiden - will heißen: Gib nie mehr, aus als du einnimmst. Ökonomen und Moralisten sind sich einig, dass man eigentlich weniger ausgeben sollte, als man einnimmt - um für die sprichwörtlichen "schlechten Zeiten" oder für das Alter zu sparen.

Schulden zu machen stand lange in Zusammenhang mit Verschwendung oder Nutzlosigkeit. Und wenn sich eine Person verschuldete, war es Ehrensache, die Verbindlichkeit zum Fälligkeitsdatum zu begleichen, indem man Vermögenswerte verkaufte, sich einschränkte, härter arbeitete oder eine Kombination dieser drei Möglichkeiten anwendete. Tatsächlich war es vielfach aber mehr als eine Ehrensache: Wurden Schulden nicht pünktlich zurückgezahlt, landete der Schuldner im Gefängnis.

Zwei Philosophien ...

Auch im Hinblick auf öffentliche Finanzen galt die orthodoxe Regel, wonach Haushalte immer ausgeglichen sein sollten - außer in Notfällen. Auch hier war es für Regierungen Ehrensache, diese angehäuften Schulden zurückzuzahlen und zwar ungeachtet der Opfer, die das Land dafür zu erbringen hatte. Bis vor kurzem herrschte auch die gängige Meinung, dass "entwickelte" Staaten ihre Schulden immer zurückzahlen und nur Bananenrepubliken nicht.

Diese historisch verankerten Normen und Praktiken wurden nur langsam verdrängt. Aber mit der größeren Sicherheit hinsichtlich der Bedingungen und dem stetigen Wirtschaftswachstum im 20. Jahrhundert wurde es für Einzelpersonen, Firmen und Staaten normal, in Erwartung von Einnahmen Geld zu borgen - also Geld auszugeben, das man zwar nicht hatte, aber von dem man erwartete, es in Zukunft zu haben.

Mit abnehmender Angst vor Bank Runs und Zahlungsausfällen schmolzen auch die Reservesätze der Banken, wodurch die Kreditvergabe gesteigert wurde. Auf dieser Grundlage entstand ein imposantes Gefüge aus Anleihemärkten und Banken, das die Kosten der Finanzierung senkte und die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums erhöhte.

Der Beinahekollaps dieses Systems der Finanzintermediation im Jahr 2008 war für viele ein Beweis für die Richtigkeit der alten Warnungen vor den Gefahren der Verschuldung. Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff schreiben in ihrer umfassenden historischen Abhandlung über Finanzkrisen: "Immer wieder häufen Länder, Banken, Einzelpersonen und Firmen in guten Zeiten übermäßige Schulden an, ohne sich der Gefahren bewusst zu sein, die diese mit sich bringen, wenn die unvermeidliche Rezession eintritt."

Aber es gibt auch eine gegenteilige moralische Grundhaltung, wonach übermäßige Schulden im Prinzip zwar zu missbilligen sind, aber die Schuld dafür beim Kreditgeber und nicht beim Kreditnehmer liegt. "Kein Borger sei und auch Verleiher nicht", mahnt Polonius in Hamlet. Geld zu Zinsen zu verleihen oder Geld aus Geld und nicht aus Waren und Leistungen zu schöpfen, wurde als "Wucher" betrachtet - eine Unterscheidung, die auf Aristoteles zurückgeht, für den Geld unfruchtbar war. Der Geldverleiher war eine der meistgehassten Figuren im mittelalterlichen Europa.

Die letzten gesetzlichen Einschränkungen für Zinsen wurden erst im 19. Jahrhundert aufgehoben, als man sich dem ökonomischen Argument beugte, wonach Geldverleih eine Leistung wäre, für die der Verleiher jede Gebühr verlangen konnte, die der Markt zuließ. Aber die Wuchertheorie überlebte in der Ansicht, dass es moralisch falsch sei, einen zusätzlichen Betrag einzuheben, der erst durch die schwache Verhandlungsposition oder die Zwangslage des Kreditnehmers ermöglicht wird.

... und eine Grundsatzfrage

Diese beiden moralischen Grundhaltungen stehen einander heute tagtäglich in der Anleihen-Schlacht gegenüber. Das Gebot der Schuldenrückzahlung gegen die Philosophie des Schuldenerlasses. Aus der Perspektive des Kreditgebers spiegelt der Zinssatz von 17 Prozent, den der griechische Staat für seine zehnjährigen Anleihen momentan zu zahlen hat, präzise das Risiko des Kreditgebers beim Kauf von griechischen Staatsanleihen wider. Das ist der Preis für Verschwendung in der Vergangenheit. Aber aus der Perspektive des Kreditnehmers ist das Wucher - man nützt die Verzweiflung des Kreditnehmers aus.

Der vernünftige Mittelweg wäre sicher, einen Teil der ausstehenden griechischen Schulden abzuschreiben und auf den Rest ein fünfjähriges Moratorium für Zinszahlungen zu vereinbaren. Das würde den Druck auf den griechischen Haushalt unmittelbar verringern und seiner Regierung Zeit und Anreiz geben, die Wirtschaft des Landes in Ordnung zu bringen. Langfristig allerdings werden wir eine umfassendere Frage beantworten müssen, die sich durch die verschiedenen Schuldenkrisen in der Eurozone ergibt: Ist der soziale Nutzen billiger Finanzierungen die Tage der Abrechnung für angeschlagene Schuldner wert? © Project Syndicate, 2011; aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

(Kommentar der anderen, Robert Skidelsky, DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2011)

ROBERT SKIDELSKY ist Mitglied des britischen Oberhauses, emeritierter Professor für Nationalökonomie an der Warwick University, Autor einer Biografie über John Maynard Keynes und Direktionsmitglied der Moscow School of Political Studies.

  • Artikelbild
    foto: robert newald
Share if you care.