Horn von Afrika

Riesenfarmen: Hunger und Landgrabbing in Äthiopien

Reportage | Philipp Hedemann aus Addis Abeba, 20. Juli 2011, 18:08
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    foto: hedemann

    Für 83 Cent pro Tag jätet der achtjährige Red (links) Unkraut auf der Großfarm eines indischen Geschäftsmanns.

Großfarmer wollen Lebensmittel exportieren, Bewohner und Flüchtlinge hungern

Addis Abeba - Nur Reds Kopf lugt aus dem Grün hervor. Seit dem frühen Morgen kniet der Junge bei knapp 40 Grad inmitten eines Zuckerrohrfeldes und jätet Unkraut. Ein Inder mit großen Sonnenhut steht über ihm und passt auf, dass er nichts übersieht. Red ist acht Jahre alt. Umgerechnet 83 Cent verdient er, wenn er einen Tag lang auf dem Feld im Westen Äthiopiens schuftet.

Aufgrund einer verheerenden Dürre sind in Äthiopien derzeit 4,5 Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfslieferungen angewiesen. Doch der indische Farmpächter will in spätestens drei Jahren Millionen verdienen, indem er im Hungerland Äthiopien mithilfe von Kinderarbeit produzierte Lebensmittel exportiert. Im zwölftärmsten Land der Welt hat das "Landgrabbing", der Wettlauf um riesige landwirtschaftliche Flächen, gerade erst begonnen.

Run auf landwirtschaftliche Flächen

"Noch ist hier überall Wildnis, aber bald wird hier alles ordentlich aussehen, und wir werden unter anderem Zuckerrohr und Ölpalmen anbauen", tönt Karmjeet Singh Sekhon, während er sich in einem Pickup über seine Farm kutschieren lässt. Rechts und links der Piste brennt das bislang unberührte Buschland. Der 68-jährige Inder ist Manager einer gigantischen Farm im Westen Äthiopiens, die bald 300.000 Hektar umfassen soll - das ist größer als Luxemburg.

Beschleunigt durch den Anstieg der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt begann 2008 ein Run auf landwirtschaftliche Flächen in Afrika, Südamerika und Asien. Ein Weltbank-Report von 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass alleine im Jahr 2009 weltweit 45 Million Hektar Land verpachtet wurden. Zwischen 1998 und 2008 waren es rund vier Millionen pro Jahr. Vor allem Länder wie Indien und die Golfstaaten wollen so den Hunger ihrer wachsenden Bevölkerungen stillen oder Ernten erzielen, um damit auf dem Weltmarkt zu handeln.

Importierte Notnahrung

In Äthiopien starben bei einer Hungerkatastrophe vor 26 Jahren über eine Million Menschen. Der Großteil der Notnahrung, die jetzt im Land verteilt wird, wird importiert. Kein Problem, findet Farmmanager Sekhon. "Ein Teil unserer Produktion bleibt im Land, und der Export bringt Devisen, mit denen Äthiopien auf dem Weltmarkt einkaufen kann."

Die äthiopische Regierung erhofft sich von der Verpachtung riesiger Flächen an ausländische Investoren den dringend benötigten Modernisierungsschub für die Landwirtschaft. Im Land am Horn von Afrika gibt es keinen privaten Landbesitz, alles Land - insgesamt 111,5 Millionen Hektar - gehört dem Staat. Dreiviertel davon sind für die Landwirtschaft geeignet, doch bislang werden nur 15 Millionen Hektar bestellt. 3,6 Millionen Hektar hat die Regierung jetzt für Investoren ausgezeichnet.

"Davon ist bislang nichts passiert"

Doch nicht alle glauben, dass das Fortschritt bringt. Bauer Ojwato steht auf seinem knapp einen Hektar großen Feld. Ojwato macht es wütend, dass die neben seinem Feld angebauten Lebensmittel exportiert werden sollen, während er und seine Familie regelmäßig auf Hilfslieferungen angewiesen sind. "Als die Ausländer mit ihren großen Maschinen kamen, haben wir sie willkommen geheißen. Sie haben uns versprochen, dass sie uns Strom, Wasser und Krankenhäuser bringen. Davon ist bislang nichts passiert. Sie haben nur ein paar von uns schlechtbezahlte Arbeit gegeben", sagt der Bauer. (Philipp Hedemann aus Addis Abeba, DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2011)

Kommentar posten
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Andreas Exner2
00
27.7.2011, 14:55
Hunger in Afrika, Klimawandel und Land Grab. Über imperiales Denken und sozial-ökologische Fakten

Ich finde diesen Artikel teilweise problematisch. Er wiederholt den Mythos vom "ungenutzten Land" und erklärt nicht, dass die Landnahme (seit kolonialer Zeit) ein wesentlicher Faktor von Hunger ist. Ausführlicher hier:
http://www.social-innovation.org/?p=2715

thinkonyourfeet
43
24.7.2011, 18:44
Macht Euch doch nicht lächerlich,

wenn ein System den Hunger besiegen kann, dann ist es eine funktionierende Marktwirtschaft.
Da hilft kein Beten und kein Glaube (an den seligen Karl Heinrich Marx) und keine Beschwörung. Beispiele gibt es genug...

bAuminger
00
28.7.2011, 12:03
Beispiele? Wo?

Bitte um Details...

Peter Klein
11
25.7.2011, 18:56

die lebensmittel von denen in diesem artikel die rede ist werden dorthin verkauft, wo die besten preise dafür bezahlt werden. das ist marktwirtschaft. genau deshalb verhungern menschen. wenn sie das lächerlich finden, bitte sehr. die verhungernden menschen sehen das wohl anders.

thinkonyourfeet
00
25.7.2011, 21:28
Wenn diese Firmen aus dem Brachland reiche Ernten erwirtschaften,

dann ist das überaus erfreulich. Das zeigt doch nur, dass mit den richtigen Methoden alle Voraussetzungen für eine nachhaltige Selbstversorgung gegeben sind. Wären das die letzten und einzigen fruchtbaren Flächen in Äthiopien, dann wäre das Argument des Ausverkaufs und des dadurch verursachten Hungers korrekt. Aber dem ist nicht so. Es gibt (gottseidank) noch mehr als genug brachliegende Flächen. Also: Keine Ausrede.

bAuminger
10
28.7.2011, 12:04
"Nachhaltige Selbstversorgung?"

Allein dafür würde ich dir am liebsten in die Eier treten vor lauter WUT!!!!!

thinkonyourfeet
00
28.7.2011, 18:14
@bAuminger Nein, danke. Das wäre mir dann doch nicht angenehm.

Vielleicht haben Sie das in die falsche Kehle bekommen. Ich wollte sagen: Wenn es diesen Firmen gelingt, aus fruchtbarem Land eine gute Ernte zu holen, dann müsste es doch auch engagierten Einheimischen mit dem entsprechenden Know-How möglich sein, das gleiche zu tun. Das wäre dann die nachhaltige Selbstversorgung, von der ich geschrieben habe.
Kurz: Es liegt nicht am Land oder am Klima, dass dort so viele hungern. Das Land würde (in normalen Jahren) genügend hergeben...

Henning Övrebö
00

und wie wir ja wissen gibt es soooo unglaublich viele leute die ganz selbstlos know how und technisches gerät zur verfügung stellen... so ganz ohne gegenleistung.

Speedy 07
10
23.7.2011, 15:07
was ist schlimmer als Hunger?

wie kann die halbe Welt zusehen wie Menschen verhungern??????

Diese Bilder sind markerschütternd und beschämend dass, es sowas überhaupt geben kann, verdanken wir diesem sch**** Kapitalismus und Machtstreben der Politiker , diese Rücksichtlosigkeit schreit zum Himmel!

Barbarin
31
22.7.2011, 12:23
Überall wo die Europäer & USA & ehem. UDSSR...

...deren gierige hemmungslose Griffeln drinnen hatten, sind kaputt vergiftet und korrupt!

thinkonyourfeet
11
25.7.2011, 05:48
@Barbarin Ihr Weltbild in Ehren,

aber die Welt ist viel komplizierter als dieses Weltbild. Die Europäer sind nicht an allem Schuld. Viel von dem Unrecht und der Armut in Afrika ist schon hausgemacht. Nicht einmal der Sklavenhandel in Afrika wurde von den Europäern erfunden: Das ist eine schwarzafrikanische Erfindung.
Aber es ist halt einfach, die Welt so schwarz-weiß zu malen...

Barbarin
11
22.7.2011, 15:26
http://othes.univie.ac.at/6029/1/20... 013434.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Stel... r.C3.BCnde

http://www.welt.de/politik/a... zuela.html

Für die Rot-strichler ohne Meinung!

Das sind Fakten....ohne Zutun des Westens und Ostens, würde die Situation in vielen Ländern Afrikas, Süd-Amerikas und arab. Raum ganz anders (besser!) aussehen!

sweetmaker
 
00
21.7.2011, 18:09
ich habe dieses frühjahr auf arte eine doku gesehn:

http://www.arte.tv/de/Die-We... 00360.html

ich glaube in dem film wurde auch über dieses projekt berichtet (weiss jemand mehr?)

die wurzel der armut und des hungers liegt mmn in der skandalösen und verbrecherischen verfehlung der jeweiligen regierungen ihrer bevölkerung grundbücherlich verbrieften besitz ihres stück landes zu gewähren.

es gab in dem film allerdings auch ein ermutigendes beispiel, nämlich dass der versuch des landgrabbings in madagaskar von der bevölkerung vereitelt wurde -über 50% des landes(!) sollte an daewoo verpachtet werden- der deal wurde publik und die bevölkerung jagte das korrupte staatsoberhaupt davon.

http://de.wikipedia.org/wiki/Marc... anana#2009
http://www.taz.de/!30243/

herr_rechtsausleger
12
21.7.2011, 17:11
nicht dass ichs befürworten würde...

..aber warum sich für den indischen "manager" keine geschärfte machete findet erschließt sich mir nicht ganz?!

Linus Tintifax
11
21.7.2011, 19:31
darf ich?

ihre geschärfte machete wird vom allmächtigen "versteckt". es gibt halt sehr viele (leider) gläubige christen in äthiopien...
aber was ihren gedankengang anbelangt, bin ich ganz bei ihnen. schließlich geht's für die leute dort um's überleben und dafür muss man eben manchmal auch "rüben" abschlagen anstatt sie nur auszustechen.

F. Croma
11
21.7.2011, 19:57
Sehr viele Christen gibts a ned.

Warum sich der Zorn ihres Vorposters nicht gegen die beschissene Regierung richtet, ist mir unbegreiflich. Der Inder bringt wenigstens a paar Netsch in das Land, nur, warum kann der Aufbau einer funktionierenden Landwirtschaft nicht von der Regierung initiert werden? Brauchbares Land dürfte es ja geben.

Barbarin
20
22.7.2011, 12:32
Weil die erste Welt...

...alles tut um diese korrupten Machthaber dort zu halten...die von USA und ehem. UDSSR (Kalter Krieg) dort in Stellung gebracht wurden und mit Waffen, Geld etc gemästet wurden.

emma goldman
10
21.7.2011, 22:50

Ich denke der regierung meles zenawy sind die hungernden v6llig egal. Aus deren sicht handelt es sich um wertloses landproletariat, dass selbst schaun soll wies weiterkommt. Senawy hält sich schon seit jahrzehnten mittels wahlfälschung und aufgerüstetem militär an der macht. Wurde nicht z.b. Eine aussichtsreiche gegenkandidatin inhaftiert? In der ehem. Provinz eritrea, zwar auch autoritàr, sieht die sache besser aus.

Barbarin
11
21.7.2011, 16:37
http://www.zeit.de/2005/38/A... inienkrieg

Na, da haben sich die Italiener aber nicht berühmt gemacht. 380.000 Menschen dahin gemetzelt...

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84thiopien

http://www.bpb.de/themen/SF... frika.html

...dann kamen die Russen (kalter Krieg) und haben den Rest vergiftet!

...und dann kam auch schon die Globalisierungs-vergewaltigung durch intern. Konzerne, die Italien und USA & Russland sicher dankbar sind, für das zerstörte korrupte Land und Strukturen!

Wolfgang Lederbauer1
00
21.7.2011, 16:35
Im zwölftärmsten Land der Welt hat das "Landgrabbing", der Wettlauf um riesige landwirtschaftliche Flächen, gerade erst begonnen.... Sie haben uns versprochen, dass sie uns Strom, Wasser und Krankenhäuser bringen. Davon ist bislang nichts passiert...

Der Äthiopischen Regeierung sollten neue Wege der Bewässerung kleinerer Ackerflächen zugänglich gemacht werden. Damit hätten die Kleinbauern eine Chance.

Wie wäre der betroffrenen Bevölkerung zu helfen?

Wir meinen durch die Errichtung von zahlreichen Brunnen, bei denen das Wasser mit Solarenergie gefördert wird.

Entsprechende Konzepte haben wir erarbeitet. Nun müßte eine intensive Forschungs- ud Entwicklungsphase beginnen und sofort Testprojete errichtet werden.

Ob sich die österreichische Forschungsförderungslandschaft dazu eignet?

http://so-for-humanity.com2000.at

märchenonkel
11
21.7.2011, 16:32
QED.

emma goldman
02
21.7.2011, 16:11

Was auch sonst. Bei derart zynischen verantwortlichen, die gegen schmiergeld die lebensgrundlagen der bevölkerung verkaufen. Gerade für äthiopien, mit seiner stratiizierten kastenordnung ist das typisch, wo einflusslose ethnien und die einfache landbevölkerung von den eliten noch so betrchtet werden, wie bei uns zu zeiten des absolutismus. Als menschlicher abfall. Hauptsache der äthiopische prinz assarate kann beim wettschnöseln des habsburger begräbnisses mitmachen.

ivoryhunters
02
21.7.2011, 16:09
http://www.spiegel.de/panorama/... 61,00.html

danke gemütsmensch für diesen artikel.
wird gleich nochmal gepostet für alle die ihn noch nicht gelesen haben.

besser kann man das problem nicht veranschaulichen.

DD1981
00
25.7.2011, 13:02

danke für den artikel

ivoryhunters
02
21.7.2011, 15:59
und die glauben immer noch der böse westen beutet sie aus

wird zeit mal aufzuwachen liebe afrikanische freunde. der westen tut euch schon lange nichts mehr zuleide, die neue kolonisation droht aus asien.

und die sind nicht zimperlich.

warum die afrikaner immer wieder politiker wählen, die ihr eigenes land rücksichtslosest an irgendwelche asiaten verkaufen, wird mir wohl auch für immer verborgen bleiben.

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