Hinter den Kulissen der Diktatur

Hintergrund20. Juli 2011, 17:00
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Der iranische Film erlebt in Europa seinen zweiten Frühling. Der Kontext in dem die preisgekrönten Werke produziert werden, bleibt dabei oft unerwähnt

Genau fünf Monate ist es her, dass Asghar Farhadis Film "Nader und Simin - Eine Trennung" von der Berlinale-Jury mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet wurde. Dabei gehört Farhadis Drama zu den seltenen - im Ausland ausgezeichneten - Werken, die im Iran gezeigt werden dürfen. Das "Ershad" - Ministerium für Kultur und islamische Führung - ist berüchtigt: Die meisten Filme werden verboten und nur einige wenige geduldet: In dieser Grauzone, deren Grenzen je nach politischer Stabilität neu gesetzt werden, ist es schwierig überhaupt noch Filme zu produzieren.

Der Schah und das Kino

Die Ursprünge der heutigen iranischen Filme gehen auf die Regentschaft des Schahs zurück: Filmemacher konzentrierten sich damals auf zunehmend kritische Filme um die Missstände im Schah-Regime aufzuzeigen. Die reflektierte Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen in iranischen Filmen wurde keinesfalls verboten. Vielmehr war sie Teil der iranischen Kinokultur und Garant für die Erhaltung des Systems nach außen. Diese alte Taktik wurde von der heutigen Theokratie nahtlos übernommen. Mit Hilfe von professionalisierten und anspruchsvollen TV- und Kinoproduktionen verschafft sich die iranische Filmindustrie heute sowohl Gehör im Ausland als auch Legitimierung im Inland.

"Exotische Eigenarten"

Der Berliner Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht sieht in der Erfolgsgeschichte des iranischen Kinos verschiedene Gründe: "Das iranische Kunstkino lehnt sich stark an den europäischen Autorenfilm an und verkörpert gleichzeitig "exotische" Eigenarten. Die Filme sind oft symbolisch überdeterminiert. Für die europäischen Film-Festivals sind diese Filme attraktiv, die Zuseher "sympathisieren mit ihren Themen". Dabei gibt es nach Ebbrecht unterschiedliche Gegenüberstellungen: Als Beispiel führt er das Stadt-Land-Gefälle an, wobei Stadt oftmals für Dekadenz und Konsum steht und Land für ein bodenständiges einfaches Leben. Regime-Kritiker sprechen von einer politischen und wirtschaftlichen Isolation Irans durch die Sanktionen des Westens und dem Versuch durch die staatlich geförderten Filme, das international akzeptierte Gut Kultur als eine Art "Trumpfkarte" auszuspielen.

Iranische Filme als Favorit

In der Tat gehören iranische Filme bei den Festivals in Cannes, Locarno, Venedig oder Berlin oft zum engen Favoritenkreis und gewinnen im Schnitt alle paar Jahre einen bedeutenden Preis. Einige Schauspieler machen sich die Auslandsnominierungen zu Nutze und setzen sich nach den Einladungen auf den Festivals von der Flimcrew ab - sie bleiben im Ausland. Dies geschah bei den Hauptprotagonisten von "No one knows about Persian Cats" des Regisseurs Bahman Ghobadi.

"Pluralismus nach außen"

Filme die im Iran produziert werden finden im politisch-islamischen Rahmen statt. Ebbrecht spricht dabei von einem "Pluaralismus nach außen, den es im Iran nur innerhalb der Grenzen der islamischen Regeln geben kann". Das Bedeutet in allen Fällen das die Regisseure wenigstens mit der politisch-islamischen Ideologie übereinstimmen und gegen die westliche Lebensweise arbeiten sollten.

Diese enge Zusammenarbeit mit der Zensurbehörde ist nicht jedermanns Sache, deswegen gibt es Regisseure die zwar im System verankert sind aber in diesen vorgegebenen Rahmen verschiedene Ansichten haben. Im Zweifelsfall geraten diese Künstler in die Missgunst der Obrigkeit - wie der Fall des renommierten Filmemachers Jafar Panahi.

Ebbrecht erkennt in vielen iranischen Filmen eine "Erziehungsfunktion". Diese Erziehung beinhaltet Aspekte wie "die Rückkehr zu islamischen Werten, der Verzicht, materielle und finanzielle Unabhängigkeit". Filmschaffende die in diese Richtung gehen, genießen Anerkennung, ein breites Maß an künstlerischer Freiheit und finanzielle Förderung durch den Staat.

Kein Für oder Gegen

Festzuhalten ist, dass das iranische Kino und dessen Regisseure und Schauspieler nicht immer für oder gegen die Regierung sind: Regisseure wie Asghar Farhadi stehen in diesem komplizierten Geflecht von Zensur und Dogma nicht eindeutig auf einer Seite. Sie sehen Beschränkungen als einen "festen Bestandteil" ihres Lebens und versuchen sich weiterzuentwickeln. Was alle Regisseure im Iran aber teilen ist, dass sie im Rahmen der Zensur arbeiten und je nach privater Auffassung mehr oder weniger an diesem "Kultur-Export" beteiligt sind.

In der filmischen Umsetzung ist dies für geschulte Augen bemerkbar: Tobias Ebbrecht spricht von "privaten Konflikten und persönlichen Beziehungen" in vielen großen Produktionen, die durch ihre "Offenheit und fehlende Eindeutigkeit ihrer Botschaft" dem Zuseher in Europa ein zustimmendes Gefühl vermitteln sollen. Das äußert sich nach Ebbrecht in einer "künstlerisch hochwertigen" und "pluralistischen Filmproduktion" und soll von den "tatsächlichen Zuständen und der Repression im Land" ablenken. Dabei soll durch den Film, der "erhoffte kulturelle Dialog" stattfinden, die eine politische Isolation des Landes vermindert und "Teil der diplomatischen Verzögerungsstrategie" Irans sein soll.

Die iranische Community ist gespalten

Die Community im Ausland ist dabei gespalten, viele aus der ersten Generation sehen im iranischen Kino eine "kulturelle Bühne des Klerus", andere jüngere plädieren für eine sensiblere Differenzierung unter den iranischen Regisseuren. Der österreichisch-iranische Filmregisseur Arash Riahi sieht in derartigen Filmen vor allem eine Win-Win-Situation für Regisseure und Regierung: denn die Wirkung der Filme sei für das mit negativer Berichterstattung überhäufte Regime "zu 100 Prozent positiv".

Viele große Filmproduktionen "dienen dem Zweck der Propaganda", so Riahi. Nach seiner Auffassung kann die Regierung nicht immer alles kontrollieren und es entstehen genehmigte Drehbücher, die im Laufe des Drehs nochmals verändert werden und ins Ausland kommen bevor die Regierung reagieren kann. Diese veränderten Versionen, können von der Zensurbehörde - auch im Falle eines Sieges - sanktioniert oder unverfolgt bleiben.

Zur Veröffentlichung von untersagten Filmen werden dabei die skurrilsten Mittel verwendet: Freunde der Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof speicherten deren Filme auf einen USB-Stick und transportierten den Film in einen Kuchen nach Frankreich zu den Festivals.

Künstlerische Hochleistung aus Iran

"Filme wie 'Nader und Simin' , sind intelligent und verpacken das politische im persönlichen", so der 38-jährige Riahi. Dabei wird im Film gezeigt "was die iranische Gesellschaft aus einem macht", wenn man in ihr verwurzelt ist, so der Wiener Filmemacher.

Gleichzeitig sieht Riahi im iranischen Kino eine künstlerische Hochleistung, die Filme grundsätzlich zu internationalen Auszeichnungen führt. Als Gründe beschreibt er vor allem die hohe Dichte an Intellektuellen und die Verbindung zur Poesie- und Dichterkultur des alten Persiens. Tatsächlich sind 65 Prozent der iranischen Studenten Frauen, und insgesamt 70 Prozent der gesamten Bevölkerung unter 30 Jahren - diese Bevölkerungsgruppen sind oftmals gut ausgebildet und konsumieren sowohl westliche als auch iranische Filme. (red., 21. Juli 2011, daStandard.at)

  • Asghar Farhadis Film "Nader und Simin - Eine Trennung" wurde heuer von der Berlinale-Jury mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet.

    Asghar Farhadis Film "Nader und Simin - Eine Trennung" wurde heuer von der Berlinale-Jury mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet.

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