Elternbildung als Unterrichtsgegenstand

20. Juli 2011, 15:55
328 Postings

Pädagogin Keller: Elternaufgaben sollen schon in der Schule fächerübergreifend vermittelt werden - Zuspruch kommt von SPÖ, FPÖ und Grünen

"Ich weiß, dass meine Forderung radikal ist", sagt Raphaela Keller von der Berufsgruppe der Kindergarten- und Hortpädagogen Wien. Im Arbeitsalltag als Kindergartenpädagogin spüre sie jedoch eine zunehmende Verunsicherung der Eltern. Im Gespräch mit derStandard.at fordert sie deshalb die Einführung von Elternbildung als Unterrichtsgegenstand. Geht es nach ihr, sollten Schüler und Schülerinnen ab der 8. Schulstufe am besten fächerübergreifend unterrichtet werden, wie sie eine mögliche Elternschaft bewältigen können.

So könnte etwa im Fach Biologie auf Kinderkrankheiten und den Umgang damit eingegangen werden. Entwicklungspsychologie und das Thema Kindererziehung seien ebenfalls wichtige Aspekte, die vermittelt gehörten. Aber auch im Fach Wirtschaft könne sie sich spezifisch elternbildnerische Elemente vorstellen. Kellers Beobachtung im Alltag deckt sich auch mit wissenschaftlichen Untersuchungen. So heißt es etwa in einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung, dass die Verunsicherung unter den Eltern zunimmt. Ein Fünftel der Eltern gab bei einer Befragung an, mit der Kindeserziehung überfordert zu sein. Dies nehme mit der Anzahl der Kinder und mit steigendem Alter der Kinder zu. In der Phase der beginnenden Pubertät von 10 bis 14 Jahren ist der Grad der elterlichen Überforderung am höchsten.

Elternbildung im Jugendalter

Das Fach Elternbildung bereits in der Jugend anzusetzen brächte den Vorteil, dass sich Kinder selbst noch besser an ihre eigene Kindheit erinnern könnten und Verknüpfungen zur möglichen eigenen Elternschaft herstellen, sagt Keller. Ob Elternbildung als Unterrichtsgegenstand tatsächlich gerechtfertigt sei, wollen doch womöglich nicht alle selbst Kinder bekommen? "Es werden auch nicht alle Kinder Mathematiker und trotzdem lernen sie Mathematik in der Schule", sagt Keller. Elternbildung würde zudem das allgemeine Verständnis für Kinder fördern. "So haben wir auch die Chance auf ein kinderfreundlicheres Österreich", so Kellner.

SPÖ: Ein wichtiger Mosaikstein

Darüber, Jugendliche bereits in der Schule auf eine mögliche Elternschaft vorzubereiten, könnte man reden, sagt Gabriele Binder-Meier, Familiensprecherin der SPÖ, zu derStandard.at. Dies könnte ein wichtiger Mosaikstein für zukünftige Eltern sein.  Viel wichtiger sei jedoch in diesem Alter die kompetente Aufklärung der Jugendlichen. "Hier hapert es", bemängelt Binder-Meier. Die Bereitschaft zu Elternbildung sei ein halbes Jahr vor und ein halbes Jahr nach der Geburt am höchsten. Wenn in dieser Zeit auf in der Schulzeit erworbenes Basiswissen aufgebaut werden kann, sei das sicher begrüßenswert. Allerdings, so räumt Binder-Meier ein, glaube sie nicht, dass Schüler viel fürs Leben mitnehmen, wenn sie bereits als Jugendliche auf das Elterdasein vorbereitet werden sollen.

FPÖ: "Gute Idee"

Anneliese Kitzmüller, Familiensprecherin der FPÖ, kann Kellers Vorschlag durchaus etwas abgewinnen: "An sich wäre es Aufgabe der Familien, dieses Wissen weiterzugeben. In Anbetracht dessen, dass die Vorbildwirkung in vielen Familien nicht mehr so gegeben ist, ist das aber eine gute Idee." In der Schule könnten etwa auch problematische Familiensituationen besprochen werden. Besonders Kinder, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, könnte man vermitteln, wie sie gelungene Familien gründen.

Musiol: Schule soll aufs Leben vorbereiten

Daniela Musiol, Familiensprecherin der Grünen, findet Kellers Vorschlag ebenfalls begrüßenswert. Insgesamt sollte die Schule mehr auf das Leben vorbereiten. "Es gibt viele Dinge, die weiß man einfach nicht, wenn man nicht Eltern hat, die einem das zeigen", so Musiol im Gespräch mit derStandard.at. So würde sie in der Schule auch gerne vermittelt wissen, wie man etwa Behördenwege erledigt. Die Vorbereitung auf die Elternschaft in kindgerechter Form während der Schulzeit sei allerdings nur als ein Teil der Elternbildung zu sehen. "Wenn ein Paar schwanger ist, sollte es sich trotzdem mit psychosozialen Fragen auseinander setzen."

Musiol fordert, dass Paare, also Vater und Mutter, sich im Rahmen einer "Eltern-Kind-Pass"-Untersuchung (statt Mutter-Kind-Pass) mit Kinderpflege auseinandersetzen müssen, aber auch mit den rechtlichen Folgen einer möglichen Trennung. Auch ein eigenes Beziehungsmodul, in dem künftige Eltern sich mit der Frage beschäftigen, wie die junge Elternschaft eine Beziehung herausfordern kann, hätte Musiol angedacht. Von finanziellen Konsequenzen, sollten diese Module nicht besucht werden, würde Musiol jedoch absehen. 

Familienforscher: "Spannende Idee"

Aus der ÖVP-Parteizentrale heißt es, man kenne den Vorschlag nicht im Detail und werde ihn deshalb auch nicht kommentieren. Grundsätzlich stünde im Vordergrund, dass die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, darüber hinaus gebe es an den Schulen eine Vielzahl an Freifächern.  Auf die Frage, ob die Schule grundsätzlich mehr auf das Leben vorbereiten sollte, gibt sich die ÖVP "gesprächsbereit".

"Das ist eine spannende Idee", meint Olaf Kapella, Wissenschafter am Institut für Familienforschung. Insgesamt würde er es begrüßen, wenn Kindern "Lebenskompetenz" in der Schule vermittelt werden würde, und zwar bereits ab der Volksschule. Dazu gehörten etwa Themen wie Sexualität, Gesundheit und Kommunikation. Die Vorbereitung auf das Thema Elternschaft könnte dann ein Bestandteil dieses "Lebenskompetenz-Unterrichts" in einer höheren Schulstufe sein. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 20. Juni 2011)

  • Dass die Kinder nicht vom Storch kommen, lernt man spätestens in der Voksschule. Wie man sie erzieht, sollte in der Unterstufe vermittelt werden, sagt Raphaela Keller.
    montage: derstandard.at

    Dass die Kinder nicht vom Storch kommen, lernt man spätestens in der Voksschule. Wie man sie erzieht, sollte in der Unterstufe vermittelt werden, sagt Raphaela Keller.

Share if you care.