"Meine Freunde nehmen mich so, wie ich bin"

Interview20. Juli 2011, 13:45
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Die 16-jährige Tina lebt seit über zwei Jahren im SOS-Kinderdorf in Wien in einer betreuten Jugend-WG- Nun zieht sie bald in ihre eigene Wohnung

Standard: Wie geht es dir in der Wohngemeinschaft des SOS-Kinderdorfs?

Tina: Ich wollte ja eigentlich nicht in die WG. Aber ich bin vom Jugendamt aus in die WG gekommen, weil es gemeint hat, dass mich meine Mutter beim Schuleschwänzen unterstützt. Jetzt bin ich schon zwei Jahre und drei Monate hier. Es ist schon schön, und ich habe auch viel gelernt. Aber am Anfang haben wir oft gestritten, und die Jungs haben sich immer wieder geprügelt. Aber seit wir in einer neuen Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen sind, passt es ganz gut. Deswegen tut es mir jetzt auch weh, dass ich weggehe.

Standard: Warum ziehst du aus?

Tina: Ich bekomme eine eigene, betreute Wohnung vom SOS-Kinderdorf, weil ich schon 16 bin, mich verbessert habe und selbstständiger geworden bin.

Standard: Wie ist es für dich, wenn du mit deinen Freunden darüber sprichst, dass du in einer SOS-Kinderdorf-WG wohnst?

Tina: Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, dann sage ich natürlich, dass ich in der WG wohne. Ich verheimliche meinen Freunden nichts, sie nehmen mich so, wie ich bin. Am Anfang war es mir natürlich unangenehm, weil ich gedacht habe, dass meine Freunde vielleicht glauben könnten, dass meine Mutter Drogen nimmt - das ist ja ein häufiger Grund, warum die Kinder hierherkommen. Mittlerweile habe ich aber keine Probleme mehr damit. Der Kontakt zu meinen Freunden ist ganz normal. Und jetzt freuen sich alle mit mir, weil ich eine eigene Wohnung bekomme. Würde ich noch bei meiner Familie leben, hätte ich wahrscheinlich noch lange darauf warten müssen.

Standard: Und wie funktioniert das betreute Wohnen dann in deiner eigenen Wohnung?

Tina: Zuerst hat man einen Probemonat. Wenn der nicht passt, kommt man zurück in die WG. Das passiert zum Beispiel, wenn man sich schlecht benimmt oder sich einsam fühlt. Danach kommt ein Betreuer mehrmals die Woche vorbei und schaut, ob alles passt. Ich bekomme dann auch immer Essens- und Ausstattungsgeld. Das betreute Wohnen geht bis zum 18. Lebensjahr.

Standard: Was würdest du anderen Jugendlichen raten, die in eine betreute WG kommen?

Tina: Es ist extrem wichtig, zusammenzuhalten, denn wir hatten schon auch viel Streit. Und man sollte versuchen, sich mit den Betreuern zusammenzuraufen, auch wenn man jemanden nicht so gerne mag.

Standard: Was nimmst du aus der Zeit im Kinderdorf für dich mit?

Tina: Vor allem, dass ich selbstständiger geworden bin und besser mit Geld umgehen kann. Es ist nicht schlecht, in einer WG zu wohnen, aber besser ist es immer noch mit der Familie.

Standard: Wenn du in die Zukunft schaust: Was möchtest du später gerne machen?

Tina: Nach dem Hauptschulabschluss will ich Kindergärtnerin werden. Das ist mein Traum. Ich kann nämlich sehr gut mit Kindern umgehen. Und später möchte ich dann auch mal eine eigene Familie haben. (Tarek Diebäcke, SCHÜLERSTANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2011)

  • Die 16-jährige Tina lebt im SOS-Kinderdorf Floridsdorf. An ihrer Seite: 
Betreuer Günther Marzy und Kinderdorfmutter Renate Pilz.
    foto: standard/fischer

    Die 16-jährige Tina lebt im SOS-Kinderdorf Floridsdorf. An ihrer Seite: Betreuer Günther Marzy und Kinderdorfmutter Renate Pilz.

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