"Wenn du hinausgehst, ist es wieder dein Leben"

20. Juli 2011, 13:35
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Die SOS-Kinderdorf-Idee mit den vier Prinzipien "Eltern, Geschwister, Haus und Dorf" ist seit fünf Jahren auch in Wien-Floridsdorf Realität

Wien - Ein großer Park, ein Spielplatz. Viele Wohnhäuser, lachende Kinder. Ein Swimmingpool auf dem Dach. Zirka 65 Kinder und Jugendliche leben im SOS-Kinderdorf in Wien-Floridsdorf. Dieser Ort weist keine typische Dorfstruktur auf, sondern ist wie eine großstädtische Wohnsiedlung angelegt. Bunte Fassaden lassen die Häuser lebendig wirken.

Die SOS-Kinderdörfler wohnen mit zahlreichen Familien Tür an Tür, die nicht zum SOS-Kinderdorf gehören. Wenn es Konflikte gibt, dann hauptsächlich über den "Lärm", den die Kinder in den Augen mancher Nachbarn beim Spielen verursachen. "Generell sind die Kinder aber gut integriert. Es sind auch wertvolle Netzwerke mit den Nachbarn entstanden", erzählt Tina Vermeer, Pressesprecherin des Kinderdorfs.

Die Gründe, warum Kinder ins Kinderdorf kommen, sind vielfältig: von Verwahrlosung über Vernachlässigung, Krankheit der Eltern, Gefängnisaufenthalt, Drogenmissbrauch bis hin zu Gewalt, Missbrauch oder Überforderung. Die Kinder leben hier in drei Familien, einer Familienwohngruppe sowie zwei Jugend- und zwei Kinderwohngruppen. In den Familien ist die Kinderdorfmutter oder der Vater der Fixpunkt für die Kinder. Die Wohngruppen werden von Sozialpädagogen betreut, und die Chance, wieder zurück zu den leiblichen Eltern zu kommen, ist hier - im Gegensatz zu den SOS-Kinderdorffamilien - gegeben.

"Es wird leider immer erst dann eingegriffen, wenn es schon zu spät ist. Aus Pilotprojekten anderer Länder weiß man aber, dass man sehr viele Kinder davor bewahren könnte, überhaupt in Fremdunterbringung zu kommen , wenn man präventiv mit benachteiligten Eltern arbeiten würde - und zwar schon in der Schwangerschaft", weiß Vermeer.

Turbulenter Alltag

Im Garten der Kinderdorfmutter Renate Pilz toben vier Burschen übermütig herum. Einer von ihnen kommt neugierig näher, legt die Hand auf die Sessellehne seiner Pflegemama und fragt: "Darf ich ein Eis haben?" "Das ist unser Ältester", stellt ihn Pilz mit mütterlichem Stolz vor. Dank der gebürtigen Schwedin, die vor ihrer Aufgabe im SOS-Kinderdorf Landwirtschaft an der Uni für Bodenkultur studiert hat, bekommen die vier Buben die Möglichkeit, in einer Familie mit geregeltem Alltag aufzuwachsen. "Klar geht es bei uns schon mal drunter und drüber - so wie in jeder anderen Familie auch", meint Pilz. Jeder Tag sei eine Herausforderung. "Aber wenn ich sehe, wie positiv sich die Kinder entwickelt haben, denke ich mir oft, das sind die bravsten Kinder der Welt."

Der Sozialpädagoge Günther Marzy betreut die Jugendlichen in den WGs. Jeweils acht Jugendliche wohnen zusammen in einer Wohngruppe, die von sieben Pädagogen betreut wird. Die Jugendlichen sollten dabei unterstützt werden, sich eine Zukunft aufzubauen, eine Ausbildung zu machen oder die Schule zu beenden. Durch die ständige Konfrontation mit den Schicksalen der Kinder werde man emotional stark in die Arbeit eingebunden, erzählt Marzy. "In der WG ist es ein ganz eigenes Leben. Aber wenn du hinausgehst, ist es wieder dein Leben. Es ist sehr wichtig, diese Trennlinie zu ziehen."

Zwar sei die Arbeit sehr kräfteraubend, doch sie zahle sich aus: "Die schönsten Momente sind die, in denen ich merke, dass ich den Kindern etwas für ihr Leben mitgeben kann", meint der Betreuer. Pilz ergänzt: "Ich wünsche mir, dass die Kinder beziehungsfähig, selbstständig und offen sind. Dass es ihnen gutgeht und dass sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, um ihr Leben zu leben." (Simone Müller, Victoria Platzer, Lisa Tomaschek, SCHÜLERSTANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2011)

  • "Normale" Familien, eine "Patchwork-Konstellation" oder das SOS-Kinderdorf: Die Grenzen verschwimmen. Der Alltag im SOS-Kinderdorf Floridsdorf ist bunt und turbulent.
    foto: standard/mirau

    "Normale" Familien, eine "Patchwork-Konstellation" oder das SOS-Kinderdorf: Die Grenzen verschwimmen. Der Alltag im SOS-Kinderdorf Floridsdorf ist bunt und turbulent.

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