Mit Velvet Underground gegen die Kybernetik

19. Juli 2011, 19:49
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Das Greifen begreifen: eine Forschungskooperation der Universität Wien mit der New York University versucht sich an einer Biografie der taktilen Wahrnehmung im 20. Jahrhundert

Die filmische Einstellung ist ein Geschoß, das mit Lichtgeschwindigkeit auf unsere Netzhaut prallt. Das war zumindest die Ansicht des Philosophen Walter Benjamin, der damit die Frage nach dem Tastsinn ganz oben auf die Agenda einer zeitgemäßen Medienwissenschaft setzte. Welchen Einfluss nimmt der Gebrauch von Medien auf unsere haptische Sinnlichkeit? Wie prägen die Anforderungen der Technik unseren Bezug zu Oberflächen und Texturen?

"Der russische Maler David Burljuk hat seine Bilder durch den Schlamm gezogen - eben um Oberfläche herzustellen", erklärt der Medienwissenschafter Klemens Gruber. Er leitet das dreijährige, vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierte Forschungsprojekt "Texture Matters - The Optical and the Haptical in Media", das eine mediengeschichtlich untermauerte Biografie der taktilen Wahrnehmung erarbeitet.

Brainpower aus den USA

Das Projekt ist Teil des FWF-Programms "Tanslational Brainpower", das international renommierte Forscher vorübergehend an österreichische Institutionen binden will. Gruber konnte die Filmhistorikerin Antonia Lant von der New York University ans Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Uni Wien holen - verstärkt wird das Team durch die drei Jungwissenschafter Jana Herwig, Alexandra Seibel und Fabian Ziegler. Lant setzt sich bereits seit mehr als 15 Jahren mit der Taktilität auseinander: Im Herbst 1995 publizierte sie ihren filmtheoretisch revolutionären Aufsatz Haptical Cinema, der den Versuch unternimmt, die auf den Tastsinn abzielende Theorie des Wiener Kunsthistorikers Alois Riegl mit dem Raum im frühen Kino zu verbinden.

Riegl erwies sich dabei als zentraler Knotenpunkt einer Theoriegeschichte des taktilen Sinns, wie sie im Zuge von "Texture Matters" entfaltet werden soll. So führen Lant und Gruber aus, wie im fortschreitenden 20. Jahrhundert Riegls Konzepte in die überraschend stark rezipierte Schrift Abstraktion und Einfühlung des Kunstwissenschafters Wilhelm Worringer aufgenommen und dadurch so populär wurden, dass sowohl die Taktilitätsforschung des Avantgardisten László Moholy-Nagy am Weimarer Bauhaus als auch Walter Benjamins Ausführungen zur Taktilität des kinematografischen Bildes als zwei ihrer Folgeerscheinungen begriffen werden dürfen.

In den Sechzigerjahren tauchte schließlich der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan (der am 21. Juli 100 geworden wäre) auf, der plötzlich davon sprach, das Fernsehen sei haptisch - ganz entgegen den damaligen Zeitgeist. Über die postmodernen Theoretiker Gilles Deleuze und Félix Guattari und deren Philosophie des "Glatten und Gekerbten" spinnen sich die Thesen Riegls schließlich bis in die Gegenwart.

Krisen des Taktilen

Neben den theoretischen Verflechtungen interessiert sich "Texture Matters" jedoch insbesondere für die reale Genese des Tastsinns im Spiegel der jüngeren Geschichte. So hätten sowohl die technologischen als auch die politischen Erschütterungen des vergangenen Jahrhunderts weitreichende Konsequenzen für die Sinnentwicklung des Haptischen nach sich gezogen, den Tastsinn mitunter sogar verschwinden lassen. Um diese Verschiebungen nachzuvollziehen, nehmen sich Gruber und Lant nicht weniger vor, als "anhand des Tastsinns die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu zu schreiben". So stelle sich etwa dringend die Frage, wie der Zweite Weltkrieg und die sterile Umgebung des Wirtschaftswunders die taktile Wahrnehmung verändert haben.

Vor allem das Aufkommen der kybernetischen Automatisierungen sei ein gutes Beispiel für das Verschwinden des Tastsinns, meint Gruber, "da durch Regelkreise und klare Oberflächen eine kontrollierte und verwaltete Welt erzeugt wurde - doch dann, zack, kamen die Hippies".

Just in dem Augenblick, als gegen die Kybernetik nur noch die Ironie der Filme Jacques Tatis anzukommen schien, betrat Velvet Underground die Bildfläche. "Das saubere, umweltfreundliche, wohlerzogene und frisierte Modell" der Nachkriegszeit wurde damit plötzlich umgeworfen, die alternativen Lebensformen der Sechzigerjahre mit ihren Afghanmänteln, ihren Cordhosen und ihrem ungewaschenen Auftreten rehabilitierten in einer ungestümen Sinnrevolution das Tasten, Fühlen und Berühren.

Für die Gegenwart hingegen diagnostiziert Lant eine neuerliche Krise des Taktilen: "Wir leben zunehmend mit Virtualität, mit Geräten, die alle dieselbe Oberfläche haben." Generell sei der haptische Genuss von Texturen und Maserungen heute ein reduzierter. Klemens Gruber dagegen übt sich angesichts der momentanen Invasion der Digital Gadgets in Gelassenheit und glaubt darin sogar eine Förderung des Haptischen zu erkennen. So habe etwa der iPod bereits neuronale Relevanz: "Die Hirnregion, die den Daumen steuert, ist bei der jüngeren Generation überdimensional groß." (Dominik Zechner/DER STANDARD, Printausgabe, 20.07.2011)

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    Invasion der glatten Flächen - wie wirkt eine digitalisierte Umwelt auf unseren Tastsinn? Das Forschungsprojekt "Texture Matters" sucht eine Antwort.

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