Im Internet wird die rote Geige in Salt Lake City offeriert
Wien - 2002 war die Welt noch in Ordnung für den nun inhaftierten
Geigenhändler Dietmar M. Vom "guten Ruf" hänge in seiner Branche alles ab,
erklärte er im Standard, und: "Man muss Banken mit Verständnis haben, und die
habe ich hier in Österreich gefunden. Das ist möglich, weil es Vorstände und
Direktoren gibt, die genug Kultur haben, um sich in solche Geschäfte
hineinzufügen."
Die kulturbeflissenen Banker von Bawag, Bank Austria, Kärntner Hypo,
Volksbank Niederösterreich Mitte und Co haben heute 30 Mio. Euro an Forderungen
in der Insolvenz M.'s. Und sie suchen - wie die Ermittler in der Strafsache
Stradivari auch - verzweifelt nach ihren Instrumenten.
Die Bawag etwa. Sie hat sechs Violinen bzw. Violoncelli angemeldet, die ihr
M. überlassen hat. Ihr Wert liegt bei 9,3 Mio. Euro. Mit dabei der "Feuervogel",
eine Violine, die Antonio Stradivari 1718 gebaut hat und 2,3 Mio. Euro wert sein
soll. Für sie hat die damalige Gewerkschaftsbank M. 2004 einen Kredit
eingeräumt, sie gilt - auch seitens des Masseverwalters - als verschollen.
Warum, das erschließt sich bei einem Blick ins Internet nicht wirklich. Das
Instrument, das seinen Namen seiner feuerroten Lackierung und seiner
gefiedergleichen Maserung verdankt, wird jenseits des Großen Teichs zum Verkauf
feilgeboten. Auf der Homepage von Peter Prier & Sons Violins in Salt Lake
City zeigt man sich "aufgeregt, solch eine angesehene und klassische
italienische Violinist anbieten zu dürfen". Einer ihrer Ex-Besitzer ist der
italienische Geiger und Dirigent Salvatore Accardo; in manchen Publikationen
wird er als aktueller Besitzer geführt. Früher hatte der von der Bawag vermisste
Feuervogel sogar einen fliegenden Eigentümer: den französischen Schriftsteller
und Piloten, Antoine de Saint-Exupéry.
Ob diese Geige mit jener der Bawag ident ist, ist freilich ungewiss. Das
zeigt sich am Beispiel der von der Bank Austria gesuchten Stradivari "Da Vinci".
Sie taucht, wie berichtet, auf der Homepage des Londoner Geigenhändlers Florian
Leonhard auf. Er berichtet nun aber, das Stück 2006 verkauft zu haben und ist
"sicher, dass kein Dritter darauf Rechte hatte". Seine Vermutung: "Vielleicht
hat M. der Bawag bei Krediteinräumung eine ganz andere Geige gezeigt." (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2011)