"Bei hohem Blutverlust: Abbinden!"

26. Juli 2011, 13:38
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Abbinden kommt aus Kriegszeiten, wo keine Rettung zur Stelle war - Heute gilt: Abbinden darf nur der Rettungsdienst - Mythen der Lebensrettung Teil 4 mit Gewinnspiel

"Es schneidet sich jemand den Finger auf und es rinnt viel Blut herunter. Der Laien-Ersthelfer sagt: 'Boah, so viel Blut', und bindet den Finger ab", schildert der Sanitäter und Lehrbeauftragte im Ausbildungszentrum des Wiener Roten Kreuzes Frido Schrott einer Gruppe angehender Ersthelfer. "Im Krankenhaus muss dann im schlimmsten Fall der Finger amputiert werden", schließt er mit drastischen Worten und erklärt, wie sich der Glaube, einen stark blutenden Körperteil abbinden zu müssen, über Generationen ins kollektive Gedächtnis einnisten konnte:

"Das Abbinden eines Körperteils kommt aus Kriegszeiten, wo eine Masse von Verletzten auf den Schlachtfeldern lag. Damals musste man stark blutende Körperteile abbinden, weil keine Rettung und kein Krankenhaus in der Nähe waren und die Verletzten tatsächlich verblutet wären. Bis vor wenigen Jahren war bei stark blutenden Wunden das Abbinden Lehrmeinung in der Ersten Hilfe. Nicht zuletzt deshalb kommt es auch heute vor, dass Laien-Ersthelfer viel zu schnell Körperteile abbinden, obwohl es gar nicht notwendig ist. Außerdem binden Laien oft mit dünnen Materialien wie Draht ab, was zu Gewebeschäden führt. Es gilt die eiserne Regel: niemals abbinden! Das darf nur der Rettungsdienst und auch der nur im Extremfall. Die Gefahr des Verblutens, bevor die Rettung eintrifft, besteht nur dann, wenn die Hauptschlagader getroffen ist, wobei wir gleich beim nächsten Mythos sind...", leitet der Rotkreuzvortragende über.

Noch ein Mythos: "Der Verletzte verliert literweise Blut!"

"Oft interpretieren Ersthelfer wenig Blut als viel Blut, weil sie keine Erfahrung damit haben", erklärt Frido Schrott. "Würde ich diese Tasse mit ca. 125 Milliliter mit Blut füllen und über mein Gesicht schütten, wäre das furchtbar viel Blut. Es ist aber für den Körper leicht entbehrlich. Beim Blutspenden wird fast ein halber Liter Blut abgenommen. Der menschliche Körper verfügt über fünf bis sieben Liter. Eine starke Blutung kommt stoßweise. Erst dann handelt es sich um wirklich viel Blut. Die erste Hilfe bei stark blutenden Wunden ist immer der Fingerdruck. Dieser besteht aus zwei Teilen: ein, zwei Finger - wenn möglich natürlich mit Einweghandschuhen - fest auf die Wunde drücken und den blutenden Körperteil hochhalten. Zur Erklärung: Zudrücken, weil das wie ein Stöpsel wirkt. Hoch halten, weil es dann den Körper nicht mehr interessiert, einen Körperteil mit Blut zu versorgen, der höher als das Herz liegt."

Hauptschlagader abdrücken

Was tun Sanitäter, wenn die Oberschenkel- oder Armarterie verletzt ist, das Blut stoß- oder schwallweise aus der Wunde kommt und der Fingerdruck beziehungsweise der Druckverband nicht ausreichen? "Die Hauptschlagader an der Innenseite des Oberschenkels oder an der Achsel zudrücken. Mit vollem Körpereinsatz", betont Frido Schrott. "In der Achsel zum Arm hin, wo der Bizeps beginnt, ist eine Stelle, die beim Reindrücken weh tut. Das ist die Hauptschlagader. Da arbeitet das Sanitätspersonal mit Fingerdruck. Am Bein ist es schwieriger. Die Hauptschlagader ist hier mindestens so dick wie ein Gartenschlauch. Da muss man mit der Faust voll in die Leiste reindrücken." Den Erfolg erkennt man, wenn die Blutung zum Stillstand kommt.

Aber was tun, wenn das Bein abgetrennt ist? Dann muss ich ja abbinden... "Nein, denn meistens blutet eine Amputation anfangs wenig oder gar nicht. Kommt es dann nach einer Zeit doch zu einer zunehmenden und dann starken Blutung, muss man versuchen, direkt an der Wunde die Hauptschlagader zu erwischen und so lange zuzudrücken bis die Rettung übernimmt", erklärt der Rotkreuz-Sanitäter und Lehrbeauftragte und gibt eine kleine Übung für Zuhause mit: "Nehmen Sie ein Achtelliterglas, füllen Sie es mit Wasser und leeren Sie es aus. Es wird Ihnen furchtbar viel vorkommen", schließt Frido Schrott den vierten Teil seiner Mythen der Lebensrettung. (Eva Tinsobin/derStandard.at/25.07.2011)

>> Was tun bei starker Blutung? Fingerdruck und Druckverband

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  • "Oft interpretieren Ersthelfer wenig Blut als viel Blut, weil sie keine Erfahrung damit haben", erklärt Frido Schrott, Sanitäter und Lehrbeauftragter im Ausbildungszentrum des Wiener Roten Kreuzes.
    foto: derstandard.at/tinsobin

    "Oft interpretieren Ersthelfer wenig Blut als viel Blut, weil sie keine Erfahrung damit haben", erklärt Frido Schrott, Sanitäter und Lehrbeauftragter im Ausbildungszentrum des Wiener Roten Kreuzes.

  • Auch wenn es so ausschaut, als ob der Betroffene verbluten würde, gilt 
die eiserne Regel: niemals abbinden! Die erste Hilfe bei stark blutenden
 Wunden ist immer der Fingerdruck und wenn möglich Druckverband (Bild).
    foto: derstandard.at/tinsobin

    Auch wenn es so ausschaut, als ob der Betroffene verbluten würde, gilt die eiserne Regel: niemals abbinden! Die erste Hilfe bei stark blutenden Wunden ist immer der Fingerdruck und wenn möglich Druckverband (Bild).

  • Was tun, wenn das Blut wirklich schwallartig kommt, weil die Arterie verletzt ist ist und Fingerdruck und Druckverband die Blutung nicht zum Stillstand bringen? Folgende Maßnahme ist nur geübten Sanitätern vorbehalten, weil es ohne Übung sehr schwierig ist, die richtige Stelle zu finden. "In der Achsel zum Arm hin, wo der Bizeps beginnt, ist eine Stelle, die 
beim Reindrücken weh tut. Das ist die Hauptschlagader..."
    foto: derstandard.at/tinsobin

    Was tun, wenn das Blut wirklich schwallartig kommt, weil die Arterie verletzt ist ist und Fingerdruck und Druckverband die Blutung nicht zum Stillstand bringen? Folgende Maßnahme ist nur geübten Sanitätern vorbehalten, weil es ohne Übung sehr schwierig ist, die richtige Stelle zu finden. "In der Achsel zum Arm hin, wo der Bizeps beginnt, ist eine Stelle, die beim Reindrücken weh tut. Das ist die Hauptschlagader..."

  • Am Bein ist es für die Sanitäter schwieriger: Die Hauptschlagader 
ist hier mindestens so dick wie ein Gartenschlauch. Da muss der Sanitäter schon einmal mit der 
Faust voll in die Leiste reindrücken." (Schrott)
    foto: derstandard.at/tinsobin

    Am Bein ist es für die Sanitäter schwieriger: Die Hauptschlagader ist hier mindestens so dick wie ein Gartenschlauch. Da muss der Sanitäter schon einmal mit der Faust voll in die Leiste reindrücken." (Schrott)

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