Keine Absage an den Antisemitismus

Kommentar19. Juli 2011, 14:55
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Der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft bleibt eine klare Distanzierung von judenfeindlichen Aussagen schuldig

Es ist nicht das erste Mal, dass Fuat Sanac auf sein Verhältnis zur Mili Görüs-Bewegung angesprochen wird. Immer wieder hat der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft betont, die umstrittene islamische Bewegung nur von ihrer besten Seite kennengelernt zu haben. Dort werde Schwachen geholfen, und wer immer Unterstützung suche, werde dort fündig. 

Das mag stimmen. Wovon Sanac mit diesen Aussagen jedoch ablenkt, ist, dass es innerhalb der Bewegung weiterhin extremistische, antisemitische Umtriebe gibt. Und noch mehr: Sanac bleibt im derStandard.at-Interview eine deutliche Abgrenzung vom Antisemitismus des ideologischen Führers der Milli Görüs-Bewegung, Necmettin Erbakan, schuldig. 

Sanacs Argumentation, politische Aussagen interessierten ihn schlicht und einfach nicht, ist löchrig. Denn immerhin interessieren ihn diese Aussagen insoweit, als sie ihn veranlassen, sie schlichtweg als Erfindungen der GegnerInnen des ehemaligen türkischen Premiers abzutun.

Der IGGiÖ-Präsident ist das offizielle Sprachrohr der gläubigen Muslime in Österreich. Als solches vertritt er im Dialog mit den RepräsentantInnen des Staates sämtliche Muslime. Viele Muslime, die jede Form von Antisemitismus klar ablehnen, werden sich spätestens jetzt durch Sanac nicht mehr vertreten fühlen. Sanac hätte darüber hinaus seine Vorbildfunktion in der Islamischen Gemeinschaft dafür einzusetzen, klar zu vermitteln, dass gewisse Inhalte Tabu sind. Dazu kommt, dass Sanac auch weiterhin als Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht fungiert und darüber zu wachen hat, dass die in der Klasse gelehrten Inhalte menschenrechtlichen Grundsätzen entsprechen. 

Zwar hat sich die Führung der europäischen Milli Görüs-Bewegung Ende der Neunzigerjahre von Antisemitismus distanziert. Doch Necmettin Erbakan dient weiterhin als Führungsfigur. Eine Führungsfigur, die mehrmals mit kruden Aussagen aufgefallen ist. Sich davon zu distanzieren, bleibt Sanac schuldig. Das macht ihn noch nicht zum Antisemiten. Aber es präsentiert den neuen Präsidenten als jemanden, der den in bestimmten muslimischen Gruppierungen latent vorhandenen Antisemitismus einen Freibrief gewährt.  (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.7.2011)

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