András Szigetvari

Lettlands Rettung: Zweifelhaftes Vorbild

Kommentar | 18. Juli 2011, 18:03

Die Rettung Lettlands geschah zu einem exorbitant hohen Preis

Die Rettungspakete in der Eurozone sind ein gigantisches Experiment. Staaten, die in Zahlungsnöte geraten, werten normalerweise ihre Währung ab oder sie schulden um. Griechenland, Irland und Portugal blieb bisher beides verwehrt, und so setzten Athen, Dublin und Lissabon zur "internen Abwertung" an. Löhne und Importe sollen, vereinfacht gesagt, so sinken, dass Staat und Privatwirtschaft ohne übermäßige Kredite aus dem Ausland überleben können.

In einem Land hat dieses Experiment geklappt: Das kleine Lettland, dessen Währung an den Euro gekoppelt ist, hat nach der De-facto-Pleite die Rückkehr an die Märkte geschafft - ohne Umschuldung, ohne Abwertung. EU-Politiker sprechen daher von einem Musterbeispiel dafür, wie es gehen kann. Was verschwiegen wird: Die Rettung Lettlands geschah zu einem exorbitant hohen Preis.

Die Arbeitslosigkeit erreichte 20 Prozent, Beamte verloren ein Drittel ihres Gehalts. Ökonomen in Riga sprechen davon, dass der Staat mit seiner langsamen Rosskur die teurere Alternative gewählt hat. Noch einen Grund gibt es, warum Lettland ein schlechtes Vorbild ist. Die Letten haben nach dem Ende der Sowjetunion und seit der Unabhängigkeit 1991 schon einen beispiellosen Wirtschaftsabsturz erlebt. Ihre Leidensfähigkeit ist hoch; großflächige Proteste blieben in Riga im Gegensatz zu Athen aus. Sicher ist somit nur eines: Eine Blaupause für die Euroretter gibt es nicht. (András Szigetvari, DER STANDARD Print-Ausgabe, 18.7.2011)

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16 Postings
franz der freie
 
01
19.7.2011, 11:50
wo sehen sie da den hohen preis ?

die arbeitslosigkeit ist in griechenland auch nicht viel niedriger, und wird nach der urlaubssaison höher als 20% sein. die beamten werden mehr als 30% einkommen verlieren und zusätzlich in der anzahl drastisch weniger werden. mit einem haben sie recht: leidensfähig sind die griechen nicht, sie jammern wegen jedem schmarren und verlangen lautstark ihre rettung : sofort und auf unsere kosten. aber keine bange: die leidensfähigkeit kommt schon noch. dann, wenn resteuropa nicht mehr zahlen will oder kann. das wird ein langes leiden werden.

saunaecho
00
19.7.2011, 18:57
Letten haben eine Chance - Griechen nicht

Wer gibt Ihnen Kredit für eine neue Fabrik etc wenn Sie noch immer mehr Geld ausgeben als Sie erwirtschaften - und daher keine Zinsen und Raten (wie die Griechen) zahlen können ? Eine Rosskur wie in Lettland ist unvermeidbar. Auch bei uns wird die "Loch auf Loch zu" Finanzpolitik ein Ende haben, wenn uns niemand mehr neue Kredite geben will, mit denen wir hohen Konsum ermöglichen und alte Löcher stopfen. Adam Riese lässt grüssen !

Franz Bim
 
02
19.7.2011, 09:50
Also wenn ich Beamter bin

und mein Gehalt wird um ein Drittel gekürzt, ist es mit meiner Loyalität zum Staat vorbei und ich bin ab sofort käuflich.

Kohlhaas1
00
19.7.2011, 18:27
Beamte sind auch ohne Lohnkürzungen, bei Gelegenheit, käuflich.

alpentiger
03
19.7.2011, 11:17
Genau das ist das Problem....

Wenn man sich die - insbesondere auch von der Parlamentarieren durch die Regulierungswut verursachte - Bürokratie anschaut, dann ist selten ein Selbstreinigungsprozess und schon gar nicht ein Abbau von entsprechenden Privilegien passiert. In der vom Parteifilz durchzogenen Bonzokratie österreichischen Mustern schon gar nicht.

Kann man der Sinnhaftigkeit staatlicher Struktur weitgehend Sinn und Reformwillen zuschreiben, vielen Bundesländern mit den dort herrschenden Egomanen und den großen Städten leider gar nicht. Das Schicksal der dringend notwendigen Pensionsreformen läßt grüßen. Verprügelt (verbal) gehörn Häupl, EPröll und Platter, weil in diesen Herzogtümern herrscht Erneuerungsresistenz.

Walter Bimini
00
19.7.2011, 11:13
das hilft einem entlassenen beamten auch nicht mehr viel.

Yossarian
02
19.7.2011, 10:02

Lettische Beamte waren wohl schon vorher käuflich.

stefan1981
74
19.7.2011, 08:56

die griechen können eh protestieren und demonstrieren soviel sie wollen. letztendlich schneiden sich diese dodeln eh nur ins eigene fleisch wenn dann immer weniger touristen ins land kommen.

es ist wohl höchst dämlich seine haupteinnahmequelle so derart zu sabotieren. aber naja, sie werdens schon noch checken.

für griechen brechen harte zeiten an!

flotter denker
43
19.7.2011, 08:17
Das ist eine Fehlinterpretation

Der lettische Staat war nicht pleite. Man hat sich nur geweigert, zu versuchen, die Auswirkungen der Finanzkrise mit einer Ausweitung des Staatsdefizits abzufedern, sondern hat gespart.
Dadurch wurde die Krise natuerlich tiefer, als in anderen Staaten. Aber dafuer sitzt man jetzt nicht auf einem Schuldenberg und hat auch keine nicht konkurrenzfaehigen Unternehmensleichen mitgeschleppt.
Genau so gehoert es gemacht. Wuerden sich alle in der EU so verhalten, stuenden wir unvergleichlich besser da!

wien 1220
 
04
19.7.2011, 10:13

Außerdem könnten wir endlich mit dem Lohnniveau von China erfolgreich konkurrieren. Der Wohlstand würde sich halt auf ein paar wenige beschränken, aber wen stört das schon, wenn er dazu gehört. Im Gegenteil, der Vorteil liegt auf der Hand: Weniger Autos auf den Straßen, weniger Häuser, im Lieblingsrestaurant findet man auch wieder ausreichend Platz und auch sonst wird das Angebot größer.

flotter denker
11
19.7.2011, 10:56
Mit dem Lohnniveau in China konkurrieren wir sowieso

Und mit dem in Indien, Bangladesh, Kongo, Schweiy und überhaupt aller Staaten dieser Erde. Was aber nicht heisst, dass bei uns deswegen das gleiche Lohnniveau vorherrschen wird.
Wenn wir aber nicht billiger sein koennen, dann muessen wir halt sonst irgend was bieten, wo wir besser sind. Denn warum sollte sonst irgend wer was bei uns kaufen?

wien 1220
 
03
19.7.2011, 11:07

Ich schrieb "erfolgreich"! Momentan glaubt der durchschnittliche Sachbearbeiter, aber auch jene mit Juristenausbildung noch, sie wären davon nicht betroffen, sondern nur Arbeiter aller Art. Das wird sich aber als großer Irrtum erweisen. Wer heute 2000,00 netto bekommt, wird sich mit vielleicht 1200,00 begnügen müssen. Bin gespannt, wie die Leute das schaffen werden. Dementsprechend wird natürlich auch der Konsum zurückgehen müssen. Auch das werden viele spüren.

flotter denker
00
19.7.2011, 18:11
Ja, kann schon sein

Dafuer wirds andere geben, die dann vielleicht 5000 verdienen statt 2000. Kommt drauf an, wie gut man sich anpasst.

Andreas Prucha
00
20.7.2011, 18:34
Das klingt vielleicht gut in diversen Wirtschafts-Theorien, in der Realität werden die Leute nicht unbedingt mitspielen. Man merkts auch schon ein bisschen an dem ganzen Anti-EU-Stimmungen:

Gerade kleinere Einkommensbezieher sind die letzten Jahre massiv unter Druck geraten. In den letzten Jahren haben die unteren Einkommensbezieher in D real 20 % verloren, IIRC. Irrational ist eine Anti-EU-Stimmung deswegen, weil kleine Einzelstaaten einem Wettbewerb noch viel härter ausgesetzt sind. Wenn wir es auf EU-Ebene nicht schaffen einen sozialen Ausgleich und eine gewisse Sicherheit zu schaffen, wirds ordentlich bröseln. Da wirds u.U. komplett irre Reaktionen geben. Die Realität ist nun mal kein Monopoly-Spiel, sich die Leute bei einer Niederlage zurücklehnen und denken "Najo, verloren. Nächstes mal gewinn ich", sondern da gehts um die Existenz. Die grossen Verlierer werden also mit Gewalt versuchen die Regeln zu ändern.

santiago nasar
20
18.7.2011, 18:06
wann ist denn litauen

dran? ich weiß, das ist bös.

schlitzohrlinski
13
19.7.2011, 05:25
nicht böse: blöd

tuts auch!

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