Die Rettung Lettlands geschah zu einem exorbitant hohen Preis
Die Rettungspakete in der Eurozone sind ein gigantisches Experiment. Staaten, die in Zahlungsnöte geraten, werten normalerweise ihre Währung ab oder sie schulden um. Griechenland, Irland und Portugal blieb bisher beides verwehrt, und so setzten Athen, Dublin und Lissabon zur "internen Abwertung" an. Löhne und Importe sollen, vereinfacht gesagt, so sinken, dass Staat und Privatwirtschaft ohne übermäßige Kredite aus dem Ausland überleben können.
In einem Land hat dieses Experiment geklappt: Das kleine Lettland, dessen Währung an den Euro gekoppelt ist, hat nach der De-facto-Pleite die Rückkehr an die Märkte geschafft - ohne Umschuldung, ohne Abwertung. EU-Politiker sprechen daher von einem Musterbeispiel dafür, wie es gehen kann. Was verschwiegen wird: Die Rettung Lettlands geschah zu einem exorbitant hohen Preis.
Die Arbeitslosigkeit erreichte 20 Prozent, Beamte verloren ein Drittel ihres Gehalts. Ökonomen in Riga sprechen davon, dass der Staat mit seiner langsamen Rosskur die teurere Alternative gewählt hat. Noch einen Grund gibt es, warum Lettland ein schlechtes Vorbild ist. Die Letten haben nach dem Ende der Sowjetunion und seit der Unabhängigkeit 1991 schon einen beispiellosen Wirtschaftsabsturz erlebt. Ihre Leidensfähigkeit ist hoch; großflächige Proteste blieben in Riga im Gegensatz zu Athen aus. Sicher ist somit nur eines: Eine Blaupause für die Euroretter gibt es nicht. (András Szigetvari, DER STANDARD Print-Ausgabe, 18.7.2011)