ORF-Talentebörse: Das große Verbiegen

18. Juli 2011, 17:49
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Sparzwang drängt zur Auslagerung für Herbstevent

Wien - Nagelbett-Liegen, Cheerleader-Akrobatik, Sissi-Travestie, Verbiegungskunst: Castings für die ORF-Show "Die große Chance" in Burgenland und Bregenz kündigen Vielfalt an. 140 Bewerber führten bisher ihr Können vor, bis Anfang September sucht der ORF in den restlichen Bundesländern.

Ab 9. September singen, springen und dehnen Kandidaten dann um "Die große Chance". Dem Sieger winken im November 100.000 Euro.

Der ORF muss naturgemäß ein bisschen mehr aufwenden als den Hauptpreis. Rund fünf Millionen Euro veranschlagen ORF-Auskenner an Kosten für eine Castingshow wie "Starmania" und "Dancing Stars". Und weil der ORF Personalkosten sparen muss, rechnen diese Insider sogar mit einer Million Euro mehr als für Projekte wie diese üblich.

Die Begründung liegt in Paragraf 31 des ORF-Gesetzes, bestätigt ORF-Finanzdirektor Richard Grasl: Er verpflichtet den Küniglberg seit 2010, Personalkosten, auch jene pro Kopf, zu senken. Diese Sparmaßnahmen sind Bedingung für jährlich 50 Millionen extra vom Bund, ab 2012 noch zweimal 30 Millionen. Um Personalkosten zu sparen, sind die angestellten ORF-Techniker angehalten, Urlaube abzubauen. Die fehlen wiederum bei Eigenproduktionen, also werden Fremdfirmen gebucht.

"Der erste und der zweite Teil der Herbstshow werden technisch ausgelagert", bestätigt Richard Grasl: "Es handelt sich dabei um aufgezeichnete Sendungen. Die großen Live-Shows finden im ORF - mit ORF-Technik - statt."

Dass die Auslagerung den Küniglberg teurer kommt, verneint Grasl auf STANDARD-Anfrage: "Mehrkosten im Vergleich zur In-house-Lösung gibt es aus derzeitiger Sicht keine."

Beinahe hätte "Die große Chance" in St. Marx stattgefunden: Die Produktionsfirma Hey-U wollte die zehn Shows in der ehemalige Rinderhalle abwickeln. Doch der ORF will die vier letzten Folgen doch lieber in seinem großen Sendesaal live abwickeln, also lohnte sich für Hey-U der Aufwand nicht.

Die sechs ausgelagerten Shows werden von Talk-TV der Mrkwicka-Gruppe am ORF-eigenen Standort Rosenhügel produziert.

Just auf jenem Gelände, auf dem ATV schon vor Jahren eine formatverwandte Talenteshow für den Hauptabend produzierte - und mangels Erfolg recht rasch wieder davon abkam. (prie, fid/DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2011)

  • Beim Casting für die ORF-Show "Die große Chance"  im Burgenland demonstrierte Bewerber
 Stefan Gius die Kunst des Verbiegens. Einer Fähigkeit, die  so manchem 
ORFler in Sachen Standfestigkeit nachgesagt wird.
    foto: orf/milenko badzic

    Beim Casting für die ORF-Show "Die große Chance" im Burgenland demonstrierte Bewerber Stefan Gius die Kunst des Verbiegens. Einer Fähigkeit, die so manchem ORFler in Sachen Standfestigkeit nachgesagt wird.

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