In der Sache Geigenhändler M. sind nun 19 Instrumente zur Fahndung ausgeschrieben, und die Justiz hat Rechtshilfeersuchen in aller Welt deponiert
Wien - Die Causa Stradivari wird die Behörden noch lange beschäftigen. Geigenhändler Dietmar M., gegen den die Staatsanwaltschaft Wien u. a. wegen Veruntreuung und schweren Betrugs ermittelt, wehrt sich gegen die Vorwürfe - und vor allem gegen seine Auslieferung. M., für den die Unschuldsvermutung gilt, war ja im Schweizer Zermatt festgenommen worden, und hat bereits anklingen lassen, gegen einen Auslieferungsbescheid Rechtsmittel zu ergreifen.
Die Ermittlungen in der Causa, in der es um (verschwundene) wertvolle Geigen wie Stradivaris oder Guarneris geht und um einen Schaden von 155, 6 Mio. Euro, können getrost weltumspannend genannt werden. Das amerikanische FBI ermittelt (M. hatte Niederlassungen in New York und Aspen), und der Staatsanwalt hat Rechtshilfeersuchen abgeschickt: in die USA, die Niederlande, die Schweiz, nach Luxemburg, Deutschland und Japan. So erhofft er sich offenbar Informationen in der Causa, zu der parallel auch Insolvenzverfahren laufen mit rund 80 Mio. Euro genehmigter Forderungen. Die Gläubiger des gebürtigen Deutschen mit Schloss in Niederösterreich (wurde inzwischen vom Masseverwalter versilbert) sind Künstler, Sammler, Anleger - und die Banken inklusive Oesterreichische Nationalbank.
Stradivari-Pyramidenspiel
Den Kreditinstituten allein fehlen 30 Mio. Euro bzw. eben jene Instrumente, die ihnen M. zur Sicherstellung für Kredite gegeben hat. Körperlich sind die (oft von M. selbst geschätzten) Geigen aber nicht bei den Banken geblieben, weil sie zwecks Werterhalt gespielt werden müssen. Wo sie wirklich sind, weiß kaum wer; M. hat offenbar eine Art Stradivari-Pyramidenspiel aufgebaut, was ihm bei Ermittlern den Beinamen "Madoff in Holz" eingebracht hat.
Selbige Ermittler haben bisher nur vier Instrumente gefunden; zwei davon hatte die Familie M.s bei Bekannten untergebracht, zwei wurden im Geschäft in Bremen, wo jüngst wie in Zürich Hausdurchsuchungen stattfanden, aufgetan. Nun sucht das Bundeskriminalamt international. Unter dem Stichwort "Fall 2664117" hat es mit den entsprechenden Beschreibungen, Abmessungen und Fotos versehen 17 Instrumente und vier Violinenbögen, die allesamt Gegenstand von Strafanzeigen sind, zur Fahndung ausgeschrieben.
Wobei im Internet durchaus Hinweise auf Aufenthaltsorte der teuren Stücke zu finden sind. Die 1725 von Antonio Stradivari gebaute "Da Vinci" zum Beispiel, die die Bank Austria sucht und in der Insolvenz angemeldet hat: Sie steht derzeit beim Londoner Geigenhändler Florian Leonhard Fine Violins zum Verkauf, so ist es zumindest auf der Homepage des Händlers zu lesen, der den Geigenhandel bei M. gelernt hat. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7.2011)