Krieg der Stöpsel

18. Juli 2011, 17:20
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Autor Franzobel und Regisseur Adi Hirschal zaubern aus Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia" ein Lustspiel - gespickt mit Wortwitz, Charme und Badewannenstöpseln

Wien - Das Wiener Lustspielhaus eröffnete am 15. Juli seine achte Spielsaison mit einer der bekanntesten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Shakespeares Romeo und Julia nach Wiener Art und mit Happy End. Autor Franzobel und Regisseur Adi Hirschal zaubern aus der Tragödie ein Lustspiel - gespickt mit Wortwitz, Charme und Badewannenstöpseln.

Die extraordinären Geschehnisse auf der Bühne sind so schelmenhaft, dass sie dem Publikum vor lauter Lachen Tränen in die Augen treiben. Romeo und Julia verlieben sich ineinander, stammen aber aus zwei verfeindeten Familien, die um die Vorherrschaft auf dem Badewannenstöpselmarkt kämpfen. Romeo ist ein wollüstiges Muttersöhnchen, das mit zwanzig Jahren immer noch zu Hause wohnt und zur Übertreibung neigt. Im Stil des Blasons vollführt er absurde Vergleiche. So seien die Haut der Geliebten wie zarter Germteig und die Augen wie Rosinen.

Die bezaubernde Julia wiederum hat einen Sprachfehler und kann keine Doppellaute aussprechen, sodass "Romeo" zu "Romu" wird. Hier und da blitzen bissige Anspielungen auf Kirche, Politik und Finanzkrise auf. So wird Julia nachgesagt, ihr Vater bewache sie wie der griechische Finanzminister sein Budget. Immer einen Spruch parat, übersetzt Romeos Cousine lateinische Redewendungen und erklärt stolz "In vino veritas oder zu Deutsch: In Wien Veritas".

Eruptionsartig und unerwartet heben die spitzbübischen Bemerkungen das vermeintliche Liebesdrama in einen breiteren Kontext. Sie machen sozialpolitische Umstände lächerlich und amüsieren, indem sie der Wiener Gesellschaft einen Spiegel vor Augen halten und deren Eigenarten karikiert. Gefinkelt sind die Pointen in die Geschichte eingebaut, und sie fesseln mit ihrer Ausgeklügeltheit. Manchmal gewährt einem das Bonmot leider nur einen Atemzug, schon kommt nämlich das nächste. Am Ende sind Zuseher und Akteure aber glücklich, und die Tragödie findet sich in einem Deus-ex-Machina-Finale wie durch Zauberhand aufgelöst.

In Summe ein stimmiger Abend. Die Komödie war mit Stefano Bernardin (Romeo) und Maddalena Hirschal (Julia) gut besetzt. Brigitte Kren glänzt in der Rolle von Romeos Mutter, und Christian Futterknecht reüssiert beim Zuseher als Julias Vater. Summa summarum kann man nur zustimmen: In Wien Veritas. (Kristina Kirova, DER STANDARD - Printausgabe, 19. Juli 2011)

  • Maddalena Hirschal (Julia) und Stefano Bernardin (Romeo).
    foto: wiener lustspielhaus

    Maddalena Hirschal (Julia) und Stefano Bernardin (Romeo).

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