Die technische Seite des Opernglücks

Gespräch18. Juli 2011, 17:12
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Das Bühnenbild der Seeproduktion ist Markenzeichen und Publikumsmagnet der Bregenzer Festspiele

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist Gerd Alfons, der technische Direktor, dafür verantwortlich.

Bregenz - Im Bodensee liegt seit Monaten eine Leiche. Der Tote ist Franzose, sein Name: Jean Paul Marat. Seine Haut weist rötliche Verfärbungen auf, ein weißer Turban ist um seinen Kopf gewickelt. Täglich bestaunen hunderte Schaulustige das Mordopfer - innerhalb des nächsten Monats werden mehr als 150.000 weitere extra dafür anreisen. Die Bregenzer Polizei sieht keinen Anlass für Ermittlungen.

Ein Skandal? Aber nein. Der Grund: Der Tote ist, brustaufwärts, 25 Meter groß; sein Kopf, eine Konstruktion aus Stahl, Holz und Styropor, wiegt allein 60 Tonnen. Der Tote ist ein begehbares Bühnenbild. Er ist das Bühnenbild der Seeproduktion der Bregenzer Festspiele 2011: von Umberto Giordanos Revolutionsoper André Chenier, die am Mittwoch Premiere hat. Zwölf Jahre vor dem Toten war schon einmal der Tod selbst Teil der Seebühne: 1999 hielt er - in Verdis Un ballo in maschera - als riesiges Skelett das Buch des Lebens von König Karl Gustav III. in Händen. Dazwischen konnte man am Bodensee schräge, halb zerborstene Wolkenkratzer (West Side Story, 2003) und Bistrotische von der Größe eines halben Fußballfeldes bestaunen (La Bohème, 2001) oder in das wahrscheinlich größte Auge der Welt blicken (Tosca, 2007).

Der Grund für derartig Spektakuläres war in der Strategie des Bregenzer Langzeitintendanten Alfred Wopmann zu finden, anstelle eines naturalistischen ein symbolhaftes Bühnenbild zu wählen, auf diese Weise "die Ausdruckswahrheit eines Stücks zu schärfen" und zugleich Massen von vielleicht nicht primär operninteressierten Besuchern zu den Festspielen zu locken.

Der Garant für derartig - meist außerordentlich verlässlich funktionierendes - Spektakuläres ist Gerd Alfons, der technische Direktor der Bregenzer Festspiele, der seit Wopmanns Zeiten, genauer: seit 1984, die Verantwortung für den Bau der bühnenbildnerischen Großwerke trägt.

Ein paar Zahlen dazu: Schlanke sieben Millionen Euro (das waren einmal satte 100 Millionen Schilling) betragen die Kosten eines für zwei Saisonen verwendeten Bühnenbildes. Bezogen auf das Jahresbudget der Festspiele von rund 20 Millionen Euro bedeutet das, dass ein Sechstel des Budgets in das Bühnenbild der Seebühne fließt.

Frühe Entwurfabgabe

Die Vorlaufzeiten sind beeindruckend: Mehr als drei Jahre vor der Premiere muss das Leading-Team der Seeproduktion feststehen, gute zwei Jahre davor muss es erste konkrete Entwürfe abliefern. Im Herbst nach der Premiere der Vorproduktion muss ein 1:100-Modell fertig sein, im Frühjahr darauf (gut ein Jahr vor der Premiere) gehen die (Teil-)Ausschreibungen für die Bauten raus (allein dafür werden etwa 80 Firmen angeschrieben). Ende Oktober, acht Monate vor der Premiere, beginnen die Bauarbeiten, im März/April ist das Bühnenbild fertig. Es muss ein gutes Jahr lang Wind (bis zu 130 km/h) und Wetter (Schnee, Hochwasser) standhalten.

Im Lauf der letzten 27 Jahre hat Alfons - er koordiniert im Sommer zwischen 120 und 140 Bühnenarbeiter - mit neun Bühnenbildnern aus aller Herren und Damen Länder zusammengearbeitet. Konstant sei: Auf eine erste Phase der Information folge eine der Gewöhnung von Hausteam und Bühnenbildnern aneinander, auf eine visionär-träumerische Phase folge eine des Realisierens. Der Kostendruck (manche Bühnenbildner würden ihn früher zur Kenntnis nehmen, andere recht spät) sei seiner Erfahrung nach wichtig für den Kreativprozess und trage zu einer größeren Klarheit des Konzepts bei.

Die Konzeptgespräche

Grundsätzlich sei es für jeden Bühnenbildner schwierig, ein Gefühl für die Distanzen der Seebühne zu bekommen; oft würde die Angst vorherrschen, zu klein zu sein mit dem eigenen Bühnenbild und so auch zu wenig wirkungsvoll. Seine Aufgabe sieht der Ingenieur und Betriebswirt - nach eigenen Angaben "kein künstlerischer Mensch" - darin, "pro Euro das Bestmögliche auf die Bühne zu stellen" und als "Servicemann" zu fungieren, der der Kunst größere Freiräume ermöglicht.

Die arbeitsintensivste Phase? "Jetzt." Alfons hat die Produktion zu betreuen, die kurz vor der "Inbetriebsetzung" steht und jene, die in zwei Jahren kommen wird (Die Zauberflöte). Zudem will der designierte Intendant ab 2015, Roland Geyer, natürlich auch schon konzeptuelle Gespräche führen.

Wie waren die 20 Jahre Zusammenarbeit mit Alfred Wopmann? "Gut. Wir haben uns positiv gerieben." Wie ist das Gefühl nach einer geglückten Premiere? "Schon etwas Besonderes. Denn es ist immer 50 Prozent Glück dabei, dass alles klappt." So viel? "Na ja", schmunzelt der gut organisierte Möglichmacher, "Glück wird natürlich begünstigt durch beste Vorbereitung." Es ist also fast sicher, dass man sich Gerd Alfons am 20. Juli kurz vor Mitternacht als glücklichen Menschen vorstellen kann. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 19. Juli 2011)

  • Glück durch gute Vorbereitung: Gert Alfons, technischer Direktor der 
Bregenzer Festspiele, vor dem "André Chenier"-Bühnenbild.
    foto: bregenzer festspiele/anja koehler

    Glück durch gute Vorbereitung: Gert Alfons, technischer Direktor der Bregenzer Festspiele, vor dem "André Chenier"-Bühnenbild.

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