Im Backstage-Bereich großer Gefühle

18. Juli 2011, 17:17
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Beim französischen Festival in Aix-en-Provence gibt es jede Menge Oper

Mit Mozarts "La clemenza di Tito" hatte man weniger Glück, dafür überzeugte Verdis "Traviata", die auch nach Wien kommt.

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Im Reigen der Sommerfestivals hat das südfranzösische Aix-en Provence zumindest zeitlich die Nase vorn. Programmatisch kommt Bernard Foccroulle auch heuer, wo er den mit den Salzburger Osterfestspielen koproduzierten Ring los ist, nur mit Koproduktionen oder Übernahmen über die Runden. Bei der Uraufführung hatte er dabei diesmal eher weniger Fortune.

Zum Festivalauftakt im Théâtre du Jeu de Paume erwies sich Oscar Bianchis Opernerstling Thanks to my Eyes leider nur als stromlinienförmige Vertonung einer etwas sperrigen Vater-Sohn-Geschichte von Joël de Pommerat, der auch gleich noch Regie führte. Zu einem regelrechten Ärgernis aber wurde ausgerechnet der in Aix-en-Provence unerlässliche Mozart. Dabei war La clemenza di Tito der ausdrückliche Wunsch von Dirigent Sir Colin Davis.

Der gab sich dann aber mit dem London Symphony Orchester ausgeprägt altmeisterlich und behandelte das ohnehin nicht besonders leichtfüßige Intrigenspiel jenseits des üblichen Mozartfurors, worauf das Ganze regelrecht einschläfernd wirkte.

Auch Regisseur David McVicar konnte mit diesem Mozart nichts anfangen: Zwischen ein paar imperialen Architekturversatzstücken vor der originalen erzbischöflichen Palastfassade konzentriert er sich im Théâtre de l'Archevêché vor allem auf seine fesche, auf altrömisch getrimmte Garde. Wenn die Truppe am Ende gegen das Güteverdikt des Kaisers die Waffen zückt, liegt das Ärgernis des Festivals längst im provenzalischen Beliebigkeitsbrunnen.

Vokal versucht Einspringer Gregory Kunde (als Titus) mangelnde Geschmeidigkeit mit Überdruck zu kompensieren. Immerhin überzeugten Sarah Connolly in der heimlichen Hauptrolle des Sesto. Die junge Anna Stephany als klar fokussierter Annio belegte, dass die Académie européenne de musique tatsächlich hoffnungsvolle Talente aufzuweisen und beizusteuern hat.

Mehr hatte Schostakowitschs Nase zu bieten: Wie schon in New York, so funktionierte dieses Gesamtkunstwerk jetzt auch in dem immer noch ziemlich neu wirkenden, vor vier Jahren als Clou eines neuen Innenstadtquartiers gebauten Grand Théâtre de Provence, fabelhaft. Die Hommage an die (noch) avantgardistische Ästhetik der frühen Sowjetjahre, das Aufspießen der sich abzeichnenden Absurditäten der schleichenden Stalinisierung und der lustvolle Umgang mit der verrücktspielenden Nase (und Gesellschaft) waren vom ersten Auftauchen seiner eigenartig aufgesplitterten räumlichen Skulpturporträts bis zu den Chorturbulenzen, packendes Musiktheater.

Am Pult Kazushi Ono, der mit seinem Opernorchester aus Lyon anreisen musste: Er macht zusammen mit den exzellenten Protagonisten (vor allem Vladimir Samsonov als Kowaliow, Andrey Popov als schneidiger Vertreter der Staatsmacht und Claudia Waite in gleich drei herrlich keifenden Frauenrollen) aus Schostakowitschs Oper präzise und mit Witz einen frechen Wurf.

"Traviata" für Wien

Und die Traviata? Auch sie gehört auf die Habenseite des Festivals. Da die noch vor ihrer Wiener Staatsopernpremiere im Oktober auf Arte übertragen wird, muss man Dominique Meyer schon Mut bescheinigen, diese zwar präzise, aber ausstattungskarge Produktion dem verwöhnten heimischen Publikum als Neuheit anzubieten. Zumindest für das Théâtre de l'Archevêché war die Inszenierung so maßgeschneidert, wie man es ja eigentlich für Festspiele erwartet. Schon bevor Louis Langrée am Pult des diesmal überzeugenden Londoner Orchesters die ersten Töne aus dem Graben steigen lässt, ist die aufgedrehte Truppe um Violetta beim Arrangieren einer ihrer Partys.

Geist und Gefühl

Vor einer schwarzen Mauer genügen ein paar Sternen-, Wiesen- und Wolkenprospekte, Kronleuchter und Stühle. Gleichwohl ist das weder ärmlich im Geiste, noch schwächelnd im Gefühl. Regisseur Jean-François Sivadier hat seine Traviata nämlich mit Geschick und Spielwitz in den Backstage-Bereich einer Künstler-Clique mit Schickeria-Einschlag verlegt, die die moralischen Zumutungen, gegen die Dumas anschrieb und Verdi ankomponierte, längst nicht mehr im Kopf hat.

Es bleibt die kühl kalkulierende Einmischung Vater Germonts ins Liebesleben seines Sohnes, die Violettas Tod ins Tragische weitet. Dass das auch ohne den hochgepuschten Salonskandal oder pathologisches Todeshusten berührt, ist vor allem Natalie Dessay (als Traviata) zu danken. Sie stellt sowohl ihre immer noch betörende Höhe als auch die nicht zu überhörenden Mühen ihre Stimme in den Dienst des Berührend-Zerbrechlichen. Der vokal beglaubigte Sexappeal von Charles Castronovos Alfredo passt dazu ebenso wie Ludovic Téziers exzellenter Vater Germont und die Chorszenen, die der Estnische Philharmonische Kammerchor mit komödiantischem Witz bewältigt. Man darf gespannt sein, ob das auch in Wien funktioniert.

Eine Uraufführung, einen Mozart, ein etwas ausgefalleneres Stück, alles noch mehr koproduziert - dabei bleibt es auch im nächsten Jahr. Spannender als ein neuer Figaro klingt da die Ausgrabung und die Uraufführung: Dirigent William Christie und Andreas Homoki werden sich 2012 Marc-Antoine Charpentiers David et Jonathas vornehmen. Und im Grand Théâtre wird der Komponist George Benjamin die mit Amsterdam und Covent Garden koproduzierte, von Katie Mitchell inszenierte Uraufführung seiner Oper Written on Skin, gleich selbst dirigieren. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 19. Juli 2011)

  • Vielschichtiges Porträt einer Sterbenden: Sopranistin Natalie Dessay 
(als Traviata).
    foto: artcomart / pascal victor

    Vielschichtiges Porträt einer Sterbenden: Sopranistin Natalie Dessay (als Traviata).

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