Prozess in Deutschland

Satire über Büroalltag: Fristlose ungültig

18. Juli 2011, 16:50
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    coverfoto: amazon

    Das Buch, das zu einer fristlosen Entlassung führte.

Roman "Wer die Hölle fürchtet, kennt das Büro nicht" führte zu fristloser Entlassung - Arbeitsgericht sieht aber Fiktion und künstlerische Freiheit

"Wenn ich gewusst hätte, was passiert, hätte ich das Buch nicht geschrieben." Der deutsche Autor Jürgen Bücker hat mit seinem Erstlingswerk für ziemlich viel Aufsehen gesorgt. Und das, obwohl bis jetzt gerade einmal 500 Exemplare des Romans verkauft wurden. Das Buch des Anstoßes heißt "Wer die Hölle fürchtet, kennt das Büro nicht" und ist, wie der Titel verspricht, eine Abrechnung mit dem Arbeitsalltag.

Bücker wurde im Herbst 2010, eine Woche nach Erscheinen seines Romans, von seiner Firma fristlos entlassen. Der 50-Jährige war Sachbearbeiter bei einem deutschen Möbelhersteller, der rund 300 Mitarbeiter beschäftigt. Bücker, seit dem Jahr 1998 bei dem Unternehmen tätig, war Betriebsrat. Als solcher genießt er einen besonderen Kündigungsschutz, der die rechtliche Grundlage für seine Wiedereinstellungsklage bietet.

"Intellekt diametral zur Körbchengröße"

Laut der deutschen Presseagentur (dpa) kommen in seinem Buch Figuren wie "Fatma, die Göttliche" vor, deren "Intellekt genau diametral zu ihrer Körbchengröße" stehe. Weitere Protagonisten sind zum Beispiel "Woodstock-Hannes", ein kiffender Althippie mit Pferdeschwanz oder Anja, die zwar vier Sprachen könne, aber eine "Arbeitsallergikerin" sei und für ihre Karriere über Leichen gehe.

Was als Satire gedacht war, entpuppt sich jetzt als kleiner Krimi. Zwölf MitarbeiterInnen des Unternehmens glauben, sich in dem Buch wiederzuerkennen. Tränen und Krankenstand waren die Folge, behauptet der Geschäftsführer, eine Entlassung des Verursachers also unausweichlich.

Bücker bestreitet jeglichen Zusammenhang mit KollegInnen, die Personen seien nur Produkte seiner Fantasie. Die realen Konsequenzen der literarischen Ergüsse sind gerichtliche Nachspiele.

Freiheit der Kunst

Der Autor klagte gegen seine fristlose Entlassung und bekam vorige Woche auch in der zweiten Instanz Recht. Das Gericht folgte seiner Argumentation. Im Buch weisen einige Charaktere zwar Ähnlichkeiten mit bestimmten Beschäftigten auf, eindeutige Rückschlüsse, die die Personen identifizierbar machen, gebe es jedoch nicht. Die Freiheit der Kunst habe vor dem "Bürofrieden" Vorrang.

Wie es weitergehen wird, ist noch nicht klar. Laut deutschen Medienberichten schlug Bücker zuvor eine Vergleichsangebot der Firma über eine Abfindung von 30.000 Euro aus. Ob das Buch, das über einen Internet-Verlag als "Book on Demand" vertrieben wird, so viel einbringt, ist mehr als ungewiss. Jedes verkaufte Exemplar bringt dem Autor 1,80 Euro.

Mittlerweile hat der 50-Jährige bereits einen neuen Job gefunden. Ein zweites Buch ist angeblich nicht in Planung. (om, derStandard.at, 18.7.2011)

Kommentar posten
25 Postings
Karl Reinhard
 
00
7.12.2011, 20:09

Kuhglockenklöppelputzmittelherstellungsleitungsbeauftragter

ulenspygel
03
20.7.2011, 00:01

Solche Archetypen wie beschrieben gibts ja mit hoher Wahrscheinlichkeit in jeder Firma über 50 Beschäftigten. Northcote C. Parkinson sowie Lawrence J. Peter und Raymond Hull (das "Peter Prinzip") haben ja schon vor 35 Jahren Bestseller zum Thema verfasst.

Und in Deutschland gibts ja auch seit Jahrzenten den Brösel:

http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3... r_Feldmann

Also was solls.

the incredible mürrenz
81
19.7.2011, 21:46

Super!
So bedankt sich der Typ also bei seinen Kollegen, dass sie ihn zum Betriebsrat gewählt haben.

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10

Hat sich da jemand wiedererkannt?

the incredible mürrenz
00
28.3.2012, 21:16

Würde in dem Buch der Betriebsrat einem Mordanschlag zum Opfer fallen, würd ich mich sicher als Täter wiedererkennen.
Aber so muss ich dich enttäuschen.

re-play
012
20.7.2011, 09:00

Betriebsrat heißt, dass man die Kollegen gegenüber der Firmenleitung vertritt, nicht dass man jeden inkompetenten, arbeitsfaulen Kollegen schützt.

the incredible mürrenz
00
23.7.2011, 09:50

Schützen ist also pfui, aber öffentlich vernadern ist ok?
Na, du mußt ja in einer tollen Firma arbeiten, wenn du so eine Einstellung hast.

Strpüpl Kotu
00
der arbeitet nicht

sondern ist höchstwahrscheinlich selbst betriebsrat

Clemens Forell
02
19.7.2011, 08:57

da fällt mir ein genialer spruch ein, von einer freundin in südafrika auf facebook gepostet:

any idiot can face a crisis, it's day-to-day living that wears you out...

Raul First
02
19.7.2011, 12:48

der spruch ist von chekhov.

Strpüpl Kotu
00
Tschechow heisst der in

Österreich.

Flip
08
19.7.2011, 13:24

Commander Tschekov von der Enterprise?

erdbär
00
7.12.2011, 21:16

"Altes russisches Sprichwort: ..."

ravenna
00
19.7.2011, 19:41

Pavel Andreievich Chekov. Nicht Tschekov.

Flip
02
20.7.2011, 01:03

Bodycheckov ^^

Dr. Socrates
04
19.7.2011, 08:43
mist.

das buch wollte doch ich schreiben!

Erika Rothen
56
18.7.2011, 17:26
Ich will nicht wissen, wie das Buch geworden wäre,

hätte der Autor in einem Büro in der Stadt der Korruption, der Duckmäuserei, der feigen Intrigen, des Haberertums, der hinterfotzigen Rückgratlosigkeit und des "goldenen" Wienerherzens gearbeitet...

M L3
10
22.7.2011, 10:23
Kannst ja woanders hin ziehen

Hairy Tongue
012
19.7.2011, 10:36

nicht zu vergessen: der stadt, in der es zum guten ton gehört darauf hinzuweisen, wie beschíssen die stadt und ihre menschen sind.

Post(er)
16
18.7.2011, 19:46

Najo, am Land sind die kleinkarierten Bäuerchens aber noch ein bissal hinterfotziger gell?

Erika Rothen
20
18.7.2011, 21:36
jaja,

diejenigen "kleinkarierten Bäuerchens", welche in großen Büros mit 300 Mitarbeitern in Hintertupfing, Hühnergeschrei und Gunglgrün arbeiten, wahrscheinlich schon.

Ruth Schlabbeeritzka-Pangl
010
18.7.2011, 17:03
*LOL*

Genau das Richtige: Arbeitgeber und "Kollegen" satirisch aufplatteln, das tut ihnen am meisten weh! Ein interessanter Weg, die Unbilden des Arbeitsalltags zu verarbeiten. Vielleicht sollte man das Ganze, um sich oben erwähnten Ärger zu ersparen, unter einem Pseudonym herausbringen. dann kann man die Charaktere wirklichkeitsgetreuer anlegen, und alle dürfen raten, wer das Buch geschrieben hat.

Franz A.
40
19.7.2011, 08:49
pseudo

Ja genau, entweder unter einem Pseudonym veroeffentlichen oder sich hinter dem Kuendigungsschutz fuer Betriebsraete verschanzen.
Der hat Eier! Toll.

pauline
48
18.7.2011, 22:30

Diesen Applaus verstehe ich nicht. Abgesehen davon, dass ich nach dem, was ich über dieses Heftl („Buch“ kann man das nicht nennen) gelesen habe, keine Satire darin finden kann, sondern nur Bruhaha-Humor: Der Mann war Betriebsrat. Damit sollte er Ansprechpartner für KollegInnen und Vorgesetzte gleichermaßen sein, in schwierigen Situationen vermitteln können, im Idealfall gute Ideen haben etc. Ein Betriebsrat, der offenbar nur darauf wartet, andere aufzublatteln, versteht seine Funktion nicht und sollte sich besser einer Selbsthilfegruppe anschließen.

Kräuterpfarrer Escobar
12
19.7.2011, 08:48

Ah, passt doch herrlich ins Bild. Mit Solidarität und sozialem Denken hat das doch nichts zu tun. Ich erinnere mich noch daran, wie der Elsner und der Verzetnitsch zusammen das ganze Vermögen des ÖGBs verzockt haben. Der Verzentnitsch hat nach seinem fristlosen Rauswurf noch irgendeine irrsinnige Summe vom ÖGB eingeklagt, obwohl dieser eh komplett am Boden lag und praktisch insolvent war.

Der Fisch stinkt vom Kopf...

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