Vilnius

Protestnote und Demonstrationen gegen Österreich

18. Juli 2011, 13:13

Diplomatischer Konflikt um freigelassenen Ex-KGB-Oberst verschärft sich

Vilnius - Litauen hat seinen Botschafter in Österreich zu Konsultationen nach Vilnius einberufen. Die litauische Regierung zieht damit die Konsequenzen aus der Affäre um die Freilassung eines von dem baltischen Staat als Kriegsverbrecher gesuchten russischen Ex-KGB-Offiziers durch die österreichischen Behörden.

Die ehemalige EU-Kommissarin und jetzige Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite nannte demnach die Vorgangsweise der Wiener Behörden "eine politisch nicht zu rechtfertigende Handlung, die die Rechtszusammenarbeit der EU-Mitgliederstaaten kompromittiert".

Protestnote überreicht

Die angekündigte Protestnote Litauens ist am Montag dem derzeitigen österreichischen Geschäftsträger in Vilnius, Botschaftsrat Josef Sigmund, überreicht worden. Sigmund habe außer dem diplomatischen Protest auch ein Buch über die "Ereignisse des 13. Jänner" 1991 aus litauischer Sicht überreicht bekommen, meldete die baltische Nachrichtenagentur BNS.

Laut Angaben der Österreichischen Botschaft befindet sich Botschafter Helmut Koller derzeit auf Urlaub. Unterdessen zieht die Affäre um die Freilassung des von Litauen für das Blutbad beim Vilniuser Fernsehturm in der Nacht auf den 13. Jänner verantwortlich gemachten ehemaligen Sowjet-Kommandanten weitere diplomatische Kreise.

Während sich Außenminister Michael Spindelegger am Montag auf den Standpunkt stellte, es handle sich um eine reine Angelegenheit der Justiz, sich gleichzeitig aber auch gegenüber seinem Amtskollegen Audronius Azubalis erneut gesprächsbereit zeigte, kündigte die litauische Parlamentspräsidentin Irena Degutiene an, das Europaparlament mit der Angelegenheit befassen zu wollen.

Degutiene sagte in einer Aussendung am Montag, sie wolle EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek und die Europaabgeordneten fragen, "ob die EU immer noch durch ein gemeinsames Konzept der Gerechtigkeit verbunden" sei, oder ob verschiedene Rechtsregeln für verschiedene EU-Mitglieder gälten, nach Österreichs "verwegener Ohrfeige" für Litauen.

Die Einberufung des Botschafters zu Konsultationen stellt im diplomatischen Verkehr die zweitschärfste Sanktion nach dem Abzug des Botschafters dar.

Protest vor Botschaft in Vilnius

Mehrere Hundert Menschen haben am Montag zu Mittag in Vilnius gegen die Vorgangsweise der österreichischen Justiz demonstriert. Der österreichische Geschäftsträger in Vilnius, Botschaftsrat Josef Sigmund, beschrieb den Verlauf der Kundgebung gegenüber der APA als ruhig.

Die Protestaktion habe unter litauischer Polizeipräsenz stattgefunden und eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert. Es habe keine Beschädigungen gegeben. Lediglich einige Kundgebungsteilnehmer hätten Slogans wie "Schande!" oder "Freunde Putins!" gerufen.

Unter den Demonstranten befanden sich laut österreichischer Botschaft auch einige litauische Parlamentsabgeordnete sowie die EU-Abgeordnete Radvile Morkunaite-Mikuleniene. Letztere sei empfangen worden und habe der Botschaft ein gesondertes Protestschreiben überreicht.

Spindelegger: Litauens Außenminister kann mit mir reden, wenn er will

Österreichs Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) sieht den diplomatischen Konflikt mit Litauen zumindest von juristischer Seite her als erledigt an. Vor Beginn des EU-Außenministertreffens in Brüssel am Montag sagte Spindelegger, er habe das Problem bereits mit seinem litauischen Amtskollegen Audronius Azubalis erörtert. Auf die Frage, ob er heute nochmals mit Azubalis über die Causa des in Litauen wegen Kriegsverbrechen angeklagten Ex-KGB-Offiziers, den die österreichischen Behörden freigelassen haben, sprechen werde, antwortete Spindelegger: "Wenn er noch einmal will. Wir haben das schon erörtert. Wir können das gerne noch mal tun."

Beim ersten Gespräch habe der litauische Außenminister "das zur Kenntnis genommen". Spindelegger betonte, "wir sind ein Rechtsstaat, das ist klar, mit einer unabhängigen Justiz, die ihre Entscheidungen trifft. Es gab ein Ansuchen aus Litauen, wir haben da eine Frist gesetzt, wo die Unterlagen mit ganz konkreten Angaben geliefert werden sollten. Diese Frist ist verstrichen, ohne dass die Angaben konkret waren. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft entschieden, keinen Haftantrag zu stellen. Das ist zur Kenntnis zu nehmen."

Es handle sich letztlich um Entscheidungen der österreichischen Justiz, die "selbstverständlich zur Kenntnis zu nehmen sind. So wie wir auch litauische Justizentscheidungen zur Kenntnis nehmen müssen". Ob die Sache damit bereinigt sei? - Spindelegger: "Das werden wir sehen. Aus meiner Sicht ist dann, wenn die Justiz entschieden hat, ein Faktum gesetzt, dem nichts hinzuzufügen ist."

Grüne fordern Aufklärung zu Freilassung von Ex-KGB-Offizier

Der grüne Justizsprecher Albert Steinhauser hat derweil am Montag eine restlose Aufklärung gefordert. Der Oppositionspolitiker äußerte außerdem die Befürchtung, dass sich Österreich mit der Freilassung des vom baltischen Staat als Kriegsverbrecher gesuchten Mikhail G. "auf Zuruf von Russland zum Handlanger gemacht hat". Dies wäre ein "fatales Zeichen", so der Nationalratsabgeordnete.

Österreich dürfe nicht "den Ruf als Umstiegs- und Tummelplatz international gesuchter Despoten oder Kriegsverbrecher bekommen", sieht Steinhauser die österreichische Bundesregierung unter Druck. Er würde mit einer parlamentarischen Anfrage die Hintergründe beleuchten, was aber wegen der Sommerpause des Parlaments nicht möglich sei. "Es ist ein eklatanter Kontrollmissstand, dass ich jetzt bis September warten muss, um diese sonderbare Vorgangsweise zu beleuchten. Kontrolle darf in Österreich nicht Pause machen. Das gehört dringend geändert", verlangte der Grüne Justizsprecher.

Ministerpräsident Andrius Kubilius hatte Österreich "Missachtung europäischer Solidarität" vorgeworfen. Ein 62-jähriger ehemaliger Oberst des sowjetischen Geheimdiensts KGB, Mikhail G., war am vergangenen Donnerstag am Flughafen Wien-Schwechat von den österreichischen Behörden festgenommen worden. Weil die von Litauen im Rahmen eines Europäischen Haftbefehls gelieferten Informationen laut dem Wiener Außenministerium aber "zu vage" waren, wurde der in Litauen als Hauptverantwortlicher der blutigen Ereignisse vom 13. Jänner 1991 in Vilnius Angeklagte jedoch wieder freigelassen - aus "rein rechtlichen Gründen", wie es aus dem Ministerium in Wien geheißen hatte. (APA) 

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wosgibtsneix
03
18.7.2011, 22:37

Die ganzen ehemaligen Warschauerpakt und UdSSR Staaten glauben sie können die EU für ihre revanchistischen Avancen gegenüber Russland missbrauchen.
Litauen sollte sich endlich um einen sauberen Umgang mit den eigenen russischen Mitbürgern kümmern, anstatt hier immer dem antirussischen Beissrefelex freien Lauf zu lassen.

Mostbluzza
00
20.7.2011, 13:35
so seh ichs auch,

das ist das tiefenpsychologische.

rechtlich ist alles geklärt, wir sind im recht, auch laut eu (als obs wen juckt ausser den gutmenschen).

aber auch eins für die zukunft, quasi die offizielle handlungsanweisung an die justiz:

KGB Leute und ex-kommunisten werden binnen 12 h enthaftet/freigesprochen oder in sichere länder verbracht/ausreise ermöglicht. wenn österreicher weiterhin decken.

Naziverbrecher werden 30 jahre gesucht und nicht gefunden. keine Auslieferungen und keine Gerichtsverfahren, wenn unvermeidbar erst ab dem 190 lebensjahr und dann in pflegeanstalten versorgt (haftunfähig).

kompensatorisch ist die normale bevölkerung streng masszuregeln, um die autorität aufrechtzuerhalten.
hühnerdiebe & hühnertierschützer inhaftieren.

Eliaine
20
18.7.2011, 21:22
Frau Karl?

Wie wäre es mit einem kitzekleinen Pieps?
Dachte,Sie sind die zuständige Justizministerin?

Der Papierene
 
00
19.7.2011, 17:50

Tut ma leid, bin auf urlaub! Vielleicht in 2 wochen wenns noch interessiert.

Mirabeau
25
18.7.2011, 18:27
Litauen muß das verstehen.

Mit der Verfolgung von Kriegsverbrechern haben wir in Österreich keinerlei Erfahrung.
Die werden bei uns von Ministern am Flughafen abgeholt, oder sie genießen ihre Pension in Klagenfurt.

Ausserdem sind wir neutral, sprich, das geht uns alles nichts an.

im Standard sind alle perfekt!!
11
18.7.2011, 18:05

ich glaube nicht, daß dies in litauen außer ein paar aufgeblasene politiker wirklich jemanden interessiert. denn die menschen dort haben andere probleme!

Eliaine
00
18.7.2011, 21:19

Bitte informieren Sie sich etwas über die jüngere Geschichte Litauens,wenn Sie glauben,dass das dort keinen interessiert....

senf mit korn
00
21.7.2011, 19:17
"privat" aus Litauen

... höre ich auch nur dass es sich dort um ein Sommerloch handelt, wo sich "die üblichen Verdächtigen" echauffieren und unaufgearbeitete Vergangenheit mitschwingt.

Auf einen politischen Schauprozess mit dem Auftragsteufel hätten sich auch nicht alle gefreut.

Nüchtern betrachtet:
- Die anderen bereisten EU Staaten nicht einmal angehalten, Zusammenarbeit und Vernetzung sind allgemein katastrophal.
- Russland hätte sich um solche Fälle längst "selbst kümmern" müssen, normalerweise verschwinden derartige Figuren (Beispiel: Umgang mit DDR Schlächtern bei der Wiedervereinigung)
- Wir lassen solche automatisierbaren Abläufe nicht umsonst von urteilsfähigen Menschen bearbeiten, juristisch war es korrekt, menschlich nicht.

M Help
48
18.7.2011, 15:32
Ein ÖVP-Skandal

Außenministerium - ÖVP
Innenministerium - ÖVP
Justizministerium - ÖVP

Alle involvierten Dienststellen sind in ÖVP geführten Ressorts.

Solange sich diese Schlüsselressorts in den Händen der Rechtskonservativen befinden, dürfen wir uns nicht wundern, dass es da nicht mit rechten Dingen zugeht und nicht auf Grund von geltenden Gesetzen und Vorschriften gehandelt wird.

Der elegante Herr von nebenan
 
11
18.7.2011, 17:56
Hab ja mit der ÖVP nichts am Hut aber

Schlag mal nach welche Personen der feine Sozialist Oskar Helmer begnadigt und wie er sich sonst noch für diese Leute eingesetzt hatte.

Kontra
12
18.7.2011, 17:04

Sind in Wirklichkeit alle nicht zuständig, weil dies ein Akt der Legislative und nicht der Exekutive ist.

Aber das ist ihnen sicher ein wenig zu kompliziert...

Eliaine
10
18.7.2011, 21:25

Ein Fall der Judikative.
Und die sollte zumindest wissen, dass man den Mann mindestens 48 Stunden problemlos festhalten hätte dürfen.Falls alles wirklich zu "vage" war und der Aufklärung bedurfte.

12345 k
00
19.7.2011, 01:05

die angaben im haftbefehl waren vielleicht so ,vage' , dass er eigentlich ungültig war. dass man dann eine sehr kurze frist zum nachbessern gesetzt hat könnte man vielleicht damit begründen, dass eine unbegründete haft eine menschenrechtsverletzung darstellt, auch wenn sie ,nur' 48 stunden dauert.

ein andere poster hat die frage aufgeworfen, ob aus österreichischer sicht zum ,tatzeitpunkt' überhaupt litauisches recht gegolten hat, denn die souveränität litauens wurde erst nach dem 13.01.1991 anerkannt.

Captain Smoker
00
18.7.2011, 15:55

Der Kanzler hat das letzte Wort. Er hätte ganz leicht ein Machtwort sprechen können - wenn er denn gewollt hätte.

3ch0
00
18.7.2011, 16:17

Wollen haett er vielleicht eh moegen,
Aber duerfen hat er sich halt nicht getraut...

Klaus Woltron
00
18.7.2011, 17:25
corr...

....sich trauen hat er nicht können...

Maxi Möller
12
18.7.2011, 15:07
Österreich schläft!

Es geht darum dass Österreich schläft! Sei es im aktuellen Fall oder in der Causa Aliyev! Mutmaßliche Verbrecher haben leichtes Spiel und können das Land mit offenen Armen betreten bzw. werden mit Rosen verabschiedet - solange eben ein politischer oder wirtschaftlicher Grund dahinter steckt, der sich positiv für Österreich auswirken könnte.

Taschenkalender
32
18.7.2011, 15:03
man kann auch alles

a bissl übertreiben..jetzt haben sie den Botschafter abgezogen..

müssen wir uns jetzt vor EU Sanktionen, von Litauen ausgehend, fürchten?

noracismonearth
33
18.7.2011, 15:22
wenn der herr ignoranz spindelegger meint er muss europäische haftbefehle missachten

dann muss er auch mit solchen reaktionen rechnen!

stell dir vor ein in Ö gesuchter verbrecher wird irgendwo freigelassen, wie groß da dann das aufsehen ist...

el gomero
06
18.7.2011, 15:20
ja eben - warum immer übertreiben!?!?

Was tun sich diese Litauer auch an, dass sie einen Mörder mittels Europäischem Haftbefehl suchen?

In Österreich hat man solche Leute Jahrzehnte unbehelligt lassen.

Es ist ja tatsächlich übertrieben Mördern einen Prozeß vor einem ordentlichen Gericht machen zu wollen.

wosgibtsneix
00
18.7.2011, 22:42

Welches Europäische Land hätte die Tierschützer an Österr ausgeliefert aufgrund eines europäischen Haftbefehls ausgestellt von der österr Justiz?
Und sie können mir glauben, dass unsere Jusitz im Vergleich zur osteuropäischen noch sensationell gut arbeitet.

rapidfans.at
02
18.7.2011, 14:51
litauen is a too small country to write good arrest warrants

el gomero
00
18.7.2011, 14:48
Europäische Haftbefehl

Der Europäische Haftbefehl ist ein Instrument zur EU-weiten Durchsetzung eines nationalen Haftbefehls, das auf einem Rahmenbeschluss vom 13. Juni 2002 beruht. Er vereinfacht und verkürzt die Auslieferung von Straftätern bzw. Verdächtigen, da das um Auslieferung ersuchte Land die Rechtmäßigkeit des Haftbefehls grundsätzlich nicht nachprüfen darf.

12345 k
00
18.7.2011, 15:10
Christ in der Zeit
22
18.7.2011, 15:08
Bingo. Österreich hat EU-Recht ignoriert.

Gibt es da irgendwelche Sanktionen ?

EU-Haftbefehl ist EU-Haftbefehl.
Wurst wann die Tat war.

In österreichs Beamtenstuben dürfte noch nicht flächendeckend vorgedrungen sein, dass man sich an die europäischen Gesetze halten muss.

Monarchie (leider) und österreichischer nach k.u.k Beamtenstaat (leider noch nicht) waren gestern.

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