Kinderarzt Klaus Vavrik sieht die psychische Krise als Folge des Lebenstils und vermisst einen Masterplan
Infektions- und Mangelkrankheiten haben ihren Schrecken verloren. Dafür sei die Entwicklung von Kindern von anderen Leiden bedroht, die vielfach mehr den Geist als den Körper angreifen, sagt der Arzt Klaus Vavrik und sieht mehrere Phänomene auf dem Vormarsch: Lebensstilerkrankungen wie Sucht, Haltungsschäden oder Fettleibigkeit, die auch zu psychischen Krisen führen - dicke Kinder werden gehänselt, neigen zu Depressionen. Chronische Entwicklungsstörungen wie Hyperaktivität oder Autismus. Und psychosoziale Regulationsstörungen wie exzessives Schreien oder Essensverweigerung, die mitunter Vernachlässigung und Misshandlung nach sich ziehen.
Bei drei bis fünf Prozent setzt Vavrik die Zahl der von Armut, Gewalt und Verwahrlosung gebeutelten Familien an. Kinder aus diesem Milieu hätten ein elffaches Suchtrisiko, litten dreimal so oft unter Verhaltensstörungen und doppelt so häufig unter Depressionen. Aktiv Hilfe suche diese Gruppe nicht, meint der Mediziner: "Die fallen dann auf, wenn wieder ein Luca oder Kevin erschlagen wird."
Aber auch in Massenerscheinungen entdeckt Vavrik Wurzeln des Problems: Bei einer Scheidungsrate von 50 Prozent sei es kein Wunder, wenn sich Stress auf den Nachwuchs übertrage. Karriere, Konsum und Individualismus seien die dominanten Werte, der Druck in der Arbeitswelt wachse, entlastende Netzwerke zerbröselten: "Das sprichwörtliche Dorf, das es braucht, um ein Kind aufzuziehen, gibt es nicht mehr." Gleichzeitig neigten Eltern dazu, an ihre Kleinen immer höhere Anforderungen zu stellen: "Viele haben ja nur mehr ein Kind - und das muss dann perfekt sein."
Es bringe nichts, "sozialromantisch der guten alten Zeit nachzutrauern", sagt Vavrik, doch Ignorieren sei auch keine Alternative. Der Kinderarzt sieht zwar kluge Pilotversuche, aber keine flächendeckenden Programme. Einer von vielen möglichen Bausteinen: Projekte, bei denen Eltern bereits von der Schwangerschaft an unterstützt und beraten werden.
Anderes Defizit: Nicht einmal die Hälfte der Kindergartenpädagoginnen ist diplomiertes Personal - in den meisten anderen westlichen Staaten ist ein Uni-Abschluss Standard. Die Bezahlung fällt bescheiden aus: Je nach Bundesland zahlen öffentliche Kindergärten im ersten Dienstjahr zwischen 1560 und 2350 Euro brutto im Monat.
Mangelware sind auch Therapieplätze (siehe Fakten). Laut Ärzten warteten Betroffene bis zu eineinhalb Jahre auf einen kostenlosen Psychotherapieplatz. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger, laut dem jeder neunte Österreicher im Laufe eines Jahres in psychischer Behandlung ist, nennt hingegen eine Wartezeit von nur null bis fünf Monaten.
Die Wiener Gebietskrankenkasse hat das Therapieangebot für Kinder um 22.200 Einheiten aufgestockt, der Gesundheitsminister zum Gesundheitsdialog geladen. Es gebe Bewegung, lobt Vavrik, doch "mit einem Projekterl da und dort" sei es nicht getan. Einen Masterplan fordert der Mediziner: "Sonst jammern wir ewig über die schwierigen Kinder und wappeln hinterher." (jo, STANDARD-Printausgabe, 18.7.2011)