Störungen

"Sie fallen auf, wenn wieder ein Luca erschlagen wird"

Hintergrund | 17. Juli 2011, 18:41

Kinderarzt Klaus Vavrik sieht die psychische Krise als Folge des Lebenstils und vermisst einen Masterplan

Infektions- und Mangelkrankheiten haben ihren Schrecken verloren. Dafür sei die Entwicklung von Kindern von anderen Leiden bedroht, die vielfach mehr den Geist als den Körper angreifen, sagt der Arzt Klaus Vavrik und sieht mehrere Phänomene auf dem Vormarsch: Lebensstilerkrankungen wie Sucht, Haltungsschäden oder Fettleibigkeit, die auch zu psychischen Krisen führen - dicke Kinder werden gehänselt, neigen zu Depressionen. Chronische Entwicklungsstörungen wie Hyperaktivität oder Autismus. Und psychosoziale Regulationsstörungen wie exzessives Schreien oder Essensverweigerung, die mitunter Vernachlässigung und Misshandlung nach sich ziehen.

Bei drei bis fünf Prozent setzt Vavrik die Zahl der von Armut, Gewalt und Verwahrlosung gebeutelten Familien an. Kinder aus diesem Milieu hätten ein elffaches Suchtrisiko, litten dreimal so oft unter Verhaltensstörungen und doppelt so häufig unter Depressionen. Aktiv Hilfe suche diese Gruppe nicht, meint der Mediziner: "Die fallen dann auf, wenn wieder ein Luca oder Kevin erschlagen wird."

Aber auch in Massenerscheinungen entdeckt Vavrik Wurzeln des Problems: Bei einer Scheidungsrate von 50 Prozent sei es kein Wunder, wenn sich Stress auf den Nachwuchs übertrage. Karriere, Konsum und Individualismus seien die dominanten Werte, der Druck in der Arbeitswelt wachse, entlastende Netzwerke zerbröselten: "Das sprichwörtliche Dorf, das es braucht, um ein Kind aufzuziehen, gibt es nicht mehr." Gleichzeitig neigten Eltern dazu, an ihre Kleinen immer höhere Anforderungen zu stellen: "Viele haben ja nur mehr ein Kind - und das muss dann perfekt sein."

Es bringe nichts, "sozialromantisch der guten alten Zeit nachzutrauern", sagt Vavrik, doch Ignorieren sei auch keine Alternative. Der Kinderarzt sieht zwar kluge Pilotversuche, aber keine flächendeckenden Programme. Einer von vielen möglichen Bausteinen: Projekte, bei denen Eltern bereits von der Schwangerschaft an unterstützt und beraten werden.

Anderes Defizit: Nicht einmal die Hälfte der Kindergartenpädagoginnen ist diplomiertes Personal - in den meisten anderen westlichen Staaten ist ein Uni-Abschluss Standard. Die Bezahlung fällt bescheiden aus: Je nach Bundesland zahlen öffentliche Kindergärten im ersten Dienstjahr zwischen 1560 und 2350 Euro brutto im Monat.

Mangelware sind auch Therapieplätze (siehe Fakten). Laut Ärzten warteten Betroffene bis zu eineinhalb Jahre auf einen kostenlosen Psychotherapieplatz. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger, laut dem jeder neunte Österreicher im Laufe eines Jahres in psychischer Behandlung ist, nennt hingegen eine Wartezeit von nur null bis fünf Monaten.

Die Wiener Gebietskrankenkasse hat das Therapieangebot für Kinder um 22.200 Einheiten aufgestockt, der Gesundheitsminister zum Gesundheitsdialog geladen. Es gebe Bewegung, lobt Vavrik, doch "mit einem Projekterl da und dort" sei es nicht getan. Einen Masterplan fordert der Mediziner: "Sonst jammern wir ewig über die schwierigen Kinder und wappeln hinterher." (jo, STANDARD-Printausgabe, 18.7.2011)

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22 Postings
Alfred Zopf
01
18.7.2011, 20:18

Als Sozialpädagoge und psychoanalytisch orientierter Psychotherapeut kann ich nur auf das Vorwort von Siegmund Freud bei August Aichhorn "verwahrloste Jugend" 1925 hinweisen, indem Siegmund Freud die Analyse der Erzieher fordert, auf die Gegenwart bezogen heißt dies: um mit schwierige Kinder und Jugendliche arbeiten zu können heißt "sehr viel Selbsterfahrung in Einzel- und Gruppenpsychotherapie als Grundvoraussetzung in den pädagogischen Ausbildungen absolvieren zu müssen, damit das berufliche Rüstzeug für die Empathiefähigkeit gewährleistet werden kann. Strukturierten Denken und Handeln stößt hier schnell auf enge Grenzen des beruflichen Handelns und Denkens. Qualität beginnt jenseits dieser Kriterien, d.h. es geht um Schaffung von intuit

Alfred Zopf
00
18.7.2011, 20:23

iver Qualitäten, im historischen Kontext auch um sekundärer Qualitäten, die von Peter Kügler zu recht eingefordert werden (= Die Philosophie der primären und sekundären Qualitäten, mentis Verlag 2002).

Amokk
10
18.7.2011, 10:16

Adipositas breitet sich so aus, dass das hänseln eh bald wegfällt.

wosois
04
18.7.2011, 11:22

nein, es wird ins gegenteil verkehrt, diejenigen die ein "gesundes" körpergewicht haben, werden gehänselt, weil sie nicht zum maci dürfen ... traurig aber wahr (ist bei meinen beiden so)

Amokk
00
18.7.2011, 15:49

Ernsthaft? Heftig. Was mich interessieren würde: Dürfen sie gar nicht zum Mäci? Oder nur "kontrolliert" (wusste nicht, wie ich es besser umschreiben soll, meine halt, dass es einfach nur selten der Fall ist)

wosois
00
19.7.2011, 08:03

mit mir dürfen sie gar nicht, ich mag maci nicht - aus verschiedenen gründen, u.a. weil es fett und krank macht. bei meiner frau ist das etwas, wo es einmal im halben jahr eine besonderheit ist. öfter geht sie nicht, denn dann bin ich sauer. also wirklich sehr sehr selten.

Rosa Stahl
37
17.7.2011, 20:08

schön, dass endlich auch ausgewiesene experten darauf hinweisen, wie der hase heute läuft. konsum, karriere, individualismus über alles, dazu zerrissene familien, vielfach in institutionen verfrachtete einzelkinder...

dass es auch anders geht, sehe ich in meiner eigenen (groß)familie. und wieviel man auch an traumatisierungen durch zeit und zuwendung wettmachen kann sehe ich an meinen pflegekindern.

interessanter weise wird man mit so einer lebenshaltung (zeit für kinder, haushalt, stabile ehe...) von vielen leuten zeitgeistig als volltro++el gesehen.

Winni Wahn
01
18.7.2011, 14:10
sorry, aber ein kinderarzt ist kein ausgwiesener experte für gesellschaftliche entwicklungen

und entwicklungen am arbeitsmarkt.

in der regel ist er experte für kindergesundheit und der rest ist privatmeinung.

zhang sanfeng
02
18.7.2011, 12:33

deshalb hoffentlich nicht.
der streit geht meistens erst los, wenn das fehlen von ressourcen (funktonierende großfamilie, stabile ehe, zeit für kinder - also genug geld, um sich die zeit zu nehmen) dem gegenüber vorgeworfen wird, als ob es sich das aus ideologischen gründen ausgesucht hätte.

familien zerreißt es nicht, weil das so schön zeitgeistig ist, und zum verfrachten von kindern in institutionen gibt es meistens schlicht keine andere alternative.
vavrik bringt es ohnehin auf den punkt: armut, druck in der arbeitswelt, zerbröselnde netzwerke, fehlende unterstüzung...

absurdistanerin
14
17.7.2011, 19:48
sie fallen viel früher auf!

in schlimmen fällen von emotionaler/körperlicher verwarlosung oder gewalt schalten wir (=kindergarten) das jugendamt ein, einige sind schon in "betreuung", wenn die kinder zu uns kommen u/o werden uns bereits explizit zugewiesen, "weil sie es bei uns besser haben". die kinder zeigen oft verständlicher weise große verhaltensauffälligkeiten und sofern es sich nicht um eine integrationsgruppe handelt, ist unsere einzige unterstützung die mobile sonderkindergärtnerin, den rest wurschteln wir mit bis zu 24 anderen kindern, die ebenso meist in irgend einem anderen bereich "besondere bedürfnisse" aufweisen, aufgrund personeller ressourcen dahin. eine fixe sonderpädagogin und eine sozialarbeiterin pro kindergarten wären eigentlich notwendig

Denker9
02
18.7.2011, 13:55

Das gleiche Schlamassel setzt sich in den Schulen fort! Viel zu viele Kinder in den Klassen- und viele, die ständig Einzelunterricht bräuchten!

Menschlichkeit +Liebe
71
17.7.2011, 20:48

Jede Rede von "Verwahrlosung" trägt aus meiner Sicht bereits eine immense Menschenverachtung mit sich. Es gibt keine "verwahrlosten" Menschen. Und es sollte keine in "Verwahrung" geben, sondern nur freie Menschen. Überall auf der menschlichen Welt.

Amokk
02
18.7.2011, 10:18

I-Tüpfelreiten ist manchmal unangebracht.

absurdistanerin
15
17.7.2011, 22:06
komm runter von deinen drogen und in die realität zurück!

wir reden hier von kindern, die erst ein soziales umfeld brauchen, um sich in diesem entwickeln zu können - nur dann können sie auch mit ihrer freiheit umgehen. und in gewisser weise ist das kind (ich rede hier von grundbedürfnissen wie ernährung und liebevolle emotionale zuwendung) sehrwohl in seiner familie "verwahrt", die frage ist nur, in welcher qualität.

Rosa Stahl
40
17.7.2011, 20:02

sie nennen die probleme beim namen. angesichts solcher situationen ist es recht verständlich, wenn eltern, die es sich leisten können, ihre kinder in private institutionen geben _ ich tue das auch. nicht, dass es dort nicht auch ab und an verhaltensauffällige kinder geben würde, jedoch hält sich das in grenzen und die gruppen sind kleiner.

ich krieg jedesmal einen inneren anfall, wenn irgenwelche politheininnen wieder anfangen, wie toll doch die kindergärten wären....

absurdistanerin
06
17.7.2011, 22:23

auch wenn die bedingungen nicht immer so "toll" sind, wird auch (und v.a.) in öffentlichen kindergärten tag täglich großartige arbeit geleistet - wir bilden uns entsprechend weiter, haben netzwerke und qualitätszirkel!
ich verstehe, dass sie für ihr kind das möglichst beste rausholen wollen und das ist gut so. gesellschaftlich gesehen ist es leider ein ähnliches problem wie bei der integration von kindern mit migrationshintergrund - es ist mehr oder weniger eine 2klassengesellschaft und eine vernünftige durchmischung, die es für integration braucht, ist so leider kaum mehr möglich.

Rosa Stahl
10
19.7.2011, 20:23

nona will ich das beste für meine kinder. und durchmischung gibts bei uns allemal. schweden, finland, serbien, angola, russland....hab sicher noch welche vergessen. die kommen aber bis auf einen nicht aus der alleruntersten schublade.

Denker9
02
18.7.2011, 14:03

In den öffentlichen Kindergärten wird GROßARTIGSTE Leistung geboten! In diesen Kindergärten sind nämlich Kinder aus ALLEN sozialen Schichten vertreten- nicht nur ausgesucht "brave", wie in den Privatkindergärten! Diese KindergartenpädagogInnen sind zum Großteil Elternersatz für jene Kinder, deren Eltern sich um ihre Sprösslinge wenig kümmern wollen oder können.
Leider ist die Bezahlung- es handelt sich ja meistens um Frauen- viel zu gering!

Rosa Stahl
10
19.7.2011, 20:25

jaja, ich seh jedenfall schon öfter solche kindergärten in schönbrunn oder bsplw. im winter im mini im technischen museum... und da gibts arten von betreuerinnen, denen würde ich meine kinder keine fünf minuten lang anvertrauen. gleichzeitig sind die gruppen manchmal dermaßen auffällig, dass mir die dazuwischen rumschleichenden einzelnen braven kleinen schon richtig leid tun. großartig ist das jedenfalls ganz sicher nicht.

Denker9
01
20.7.2011, 16:37

Bei dem bescheidenen Gehalt würde ich auch nicht die Gschrappen betreuen wollen!
Wer besseres Personal will, muss zahlen.

wosois
00
18.7.2011, 11:26

gut gesprochen - integration ja, aber in den sozialen rand - ist das wünschenswert

Denker9
01
18.7.2011, 14:17

Dass es diesen "sozialen Rand" gibt, daran ist die Politik schuld- und teilweise auch die Medien, die wenig über gelungene Integration berichten. Nur schlechte Nachrichten lassen sich gut verkaufen!

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