Ein Karneval für Monarchisten

Reportage17. Juli 2011, 17:04
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Tausende Menschen kamen in die Wiener Innenstadt, um das Begräbnis von Otto Habsburg zu bestaunen

Wien - Alexander Simec ist zufrieden. Das Requiem hat noch nicht begonnen und von den 5000 Gedenkkärtchen, die er hat drucken lassen, ist kaum eines mehr übrig, leicht 50.000 wäre er losgeworden. Seine Homepage hatte in den vergangenen Tagen mehr Zugriffe als je zuvor, sogar die deutsche Tagesschau hat um ein Interview angefragt. "Dieses Begräbnis ist ein Ende, in dem ein Anfang steckt", sagt er.

Simec, 44, angegrauter Pferdeschwanz, Kaiserkrone am Revers, ist Sprecher des Monarchistenvereins Schwarz Gelbe Allianz und steht beim Hotel am Stephansplatz. Vor ihm drängen sich tausende potenzielle Wähler: Sie alle sind gekommen, um das Begräbnis von Otto Habsburg zu erleben.

Der Platz vor dem Dom ist großzügig abgeriegelt. Schon Stunden vor dem Beginn des Requiems haben die ersten Schützenvereine, Landsmannschaften und Mitglieder des Cartellverbandes Aufstellung genommen vor dem Haupteingang: Maximilianer mit grünen Fahnen, Deutschmeister in strahlend-weißen Uniformen und Tiroler Schützen mit Goldbanner mit rotem Adler. Auf ihren Helmen wippen Federn und Eichenlaub zum Takt der Marschmusikkapelle.

Drei Vertreter einer Studentenverbindung in grünen Filzuniformen trinken vor der Absperrung Kaffee aus Pappbechern und rauchen, Schweiß perlt ihnen von der Stirn. "Der Wichs ist heiß wie drei Sakkos", stöhnt einer, "das ist ja kein Kindergeburtstag", mahnt sein Kollege. Eine Schweizer Familie drängt sich für ein Foto zwischen sie, bevor die drei durch den Seiteneingang marschieren.

Das Volk bleibt draußen

Hier kommt nur hinein, wer eingeladen ist, das Volk muss draußen bleiben - was es teils gar nicht goutiert. "Ich bin die ganze Nacht aus Triest hergereist", jammert eine Greisin im Dirndl und findet damit die Gnade des Torwächters. Zwei andere Frauen flehen vergeblich: "Aber verstehen Sie doch, der letzte Kaiser wird begraben, wir gehen zum Toni Faber und beschweren uns!"

Ob jung, ob alt, die meisten Menschen, die sich um den Seiteneingang drängen, hätten gerne wieder einen Kaiser: "Hitler hatte Angst vor Otto", doziert ein älterer Herr im karierten Hemd, die Umstehenden nicken. "Beim Anschluss hätte er bestimmt geschossen, nur fünf Tote und die Diskussion um die Opferrolle wäre erledigt gewesen", und das mit den Banken und der Wirtschaftskrise, das wäre mit einem Kaiser sowieso nicht passiert.

Die Diskussion wird jäh unterbrochen, als der Torwächter seine Stimme erhebt: "Achtung, hundert Leute dürfen hinein, nicht drängeln, ich zähle mit."

Simec und seine Mitstreiter machen nicht mit bei dem Gedränge. Bei Bier und Kaiserspritzer stärken sie sich für den Kondukt und diskutieren die Vorteile einer Monarchie.

Viel billiger sei sie als eine Republik, was allein das Donauinselfest kostet, und demokratischer außerdem. Mit Absolutismus wollen sie nichts zu tun haben. Ihre ideale Staatsform stellen sie sich so ähnlich wie in Großbritannien vor, nur mit mehr Rechten für den König: Ein Monarch soll beim Volk unpopuläre Entscheidungen des Parlaments verhindern können. Ein "Aufseher", nein, "Supervisor" der Regierung soll er sein, der nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationen denkt. Das Interesse ist da, sind sich die Schwarz-Gelben sicher, 17 Prozent Zustimmung sei das Minimum.

Die Pummerin läutet und kündet vom Ende des Requiems und den Beginn des Trauerzugs. Die Tore des Doms öffnen sich, die untote Armee des toten Reichs marschiert durch die Stadt, so militärisch, wie ein Modelleisenbahn-Verein: Fahnenträger mit Stangen, an denen schlaff Wappen und schwarze Schleifen baumeln, Uskoken aus Kroatien in wallenden Gewändern, die Compagnia Trieste in ihren blauen Uniformen und der Großmufti von Sarajewo im schwarzen Kleid. Mittendrin schreitet eine Abordnung des Bundesheeres.

Simec hat am Graben Stellung bezogen und fotografiert die Prozession, rund um ihn staunen Touristen. "Die Toten und Verletzten fehlen", kommentiert ein Schweizer den Zug. "Sie fehlen auch in Republiken", kontert Simec, denn nicht nur Monarchien führen Kriege: "Hitler, Stalin - das gibt aus!"

Die Zuseher flüstern ehrfürchtig, die Marschierenden plaudern und scherzen und freuen sich sichtlich, ihre Kostüme ausführen zu dürfen. Die k. u. k Wiener Regimentskapelle spielt einen verschmitzten Totenmarsch.

Als der Sarg den Heldenplatz erreicht, donnern die ersten Salutschüsse aus historischen Kanonen. Ein kleines Kind beginnt zu weinen, der Vater macht trotzdem ein Foto von ihm vor dem Kondukt fürs Familienalbum.

"Gott beschütze, Gott erhalte"

Um kurz nach sechs, früher als geplant erreicht der Zug den Neuen Markt und die Tore der Kapuziner Gruft. Die falschen und die echten Soldaten nehmen Haltung an, ein Herold klopft dreimal an die Gruft, der Leichnam des "sündigen Menschen Otto" findet endlich Einlass.

Als sich die Grufttüren hinter Ottos Kindern schließen, ertönt die Bundeshymne, ein einsamer Sanitäter vom Roten Kreuz stimmt mit ein. Erst als die Kapelle die Kaiserhymne anstimmt, dröhnt es aus hunderten Kehlen "Gott erhalte, Gott beschütze" über den Platz. Auch Simec singt begeistert mit. "Ein Tor ist zugeschlagen, ein Fenster hat sich geöffnet", sagt er. "Der König ist tot, es lebe der König." (Tobias Müller, STANDARD-Printausgabe, 18.7.2011)

Update: Im Artikel wurde statt "Burschenschafter" nun "Studentenverbindung" geschrieben, da ersterer Begriff fälschlich verwendet wurde, wie einige User in den Foren richtigerweise angemerkt haben.

  • Mitglieder eines Traditionsverbandes marschieren im Trauerzug über den 
Michaeler Platz.
    foto: standard/fischer

    Mitglieder eines Traditionsverbandes marschieren im Trauerzug über den Michaeler Platz.

  • Ottos Söhne Karl (Zweiter von links) und Georg (Dritter von links), Karls Frau Francesca (Zweite von rechts) und Ottos Enkel Eleonore (links), Ferdinand Zvonimir (Dritter von rechts) und Gloria (rechts) im Kondukt am Ring.
    foto: standard/fischer

    Ottos Söhne Karl (Zweiter von links) und Georg (Dritter von links), Karls Frau Francesca (Zweite von rechts) und Ottos Enkel Eleonore (links), Ferdinand Zvonimir (Dritter von rechts) und Gloria (rechts) im Kondukt am Ring.

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