Angesichts einer schwachen Regierung sind Riten-Diskussionen nicht vorrangig - Aber zum Unterschied von Monarchien leiden Republiken unter dem Mangel an Symbolen
Nicht die Habsburger sind Geschichte, sondern die von ihnen geprägte und dominierte Monarchie. Was man via Fernsehen oder als Zuschauer am Samstagnachmittag in der Wiener Innenstadt besichtigen konnte, war die letzte Parade der "guten alten Zeit". Gleichzeitig eine Revue dessen, was vor 1918 mitteleuropäische Wirklichkeit war.
Etwas mehr als ein Jahr nach der Totenmesse für Hans Dichand, den "Medienkaiser", zelebrierte Kardinal Christoph Schönborn ein Requiem für Otto Habsburg. Eine seltsame Gleichrangigkeit, die keine hätte sein dürfen. Vor Gott sind zwar alle Menschen gleich, aber nur wenige werden vom Erzbischof zur Ruhe geleitet.
Habsburg war ein Pro-Europäer und ein "Friedensstifter", wie Schönborn sagte. Dichand gerierte sich als scharfer Europa-Kritiker und als Verfechter der österreichisch-deutschen Enge. In Dichands Blättern schreibt der Kardinal, obwohl ihn weltanschaulich mehr mit Habsburg verbindet.
Mehrfach war an diesem Nachmittag auch von der alten Hymne die Rede, die laut Kommentator des ORF "von den Deutschen gestohlen" wurde. Von ihr hat sich Österreich ja schon 1918 verabschieden müssen, zum Unterschied von jenen monarchistischen Resten, die trotz Adelstitel-Verbots als Titelsucht überlebt haben.
Weil Österreich im nationalen Sinn eine gefestigte demokratische Republik ist, wären die Monate nach dem Tod Otto Habsburgs ein Zeitfenster, den Text der Bundeshymne neu schreiben zu lassen. Ihr Text hat nun einmal Symbolcharakter. Weshalb es nicht nur um die Hereinnahme der "Töchter" geht, sondern um den Geist der Hymne - beispielsweise um die Frage, ob nicht die "Hämmer" durch das Wort "Schätze" ersetzt werden sollten. Weil das den Bogen spannt vom Erz der Alpen bis zur kulturellen und wissenschaftlichen Kreativität.
In einem Gespräch mit Otto Brusatti hat Friederike Mayröcker ihr Interesse bekundet, einen neuen Text für die Bundeshymne zu schreiben. Der Nationalrat sollte ihr in einer Art nationaler Akklamation diesen Auftrag erteilen: Mayröcker verkörpert das Heutige und das Künftige.
Gleichzeitig sollte die Steiermark einen neuen Anlauf nehmen und die Initiative Waltraud Klasnics aus dem Jahre 2004 realisieren. Damals wollte die Landeshauptfrau aus Anlass des EU-Beitritts Sloweniens jene Passagen des Dachsteinlieds entfernen lassen, die immer noch auf Gebietsansprüche in der ehemaligen Untersteiermark schließen lassen. Klasnic scheiterte damals, heute sollte das kein Problem sein.
Wohlgemerkt: Angesichts der politischen Probleme einer schwachen Regierung (die immerhin zusammen mit Kärnten die Ortstafelfrage gelöst hat), sind Hymnen- und Riten-Diskussionen nicht vorrangig. Aber zum Unterschied von Monarchien leiden Republiken, vor allem die demokratischen, unter dem Mangel an starken Symbolen.
Die einigende Kraft der Bundeshymne sollten wir nicht unterschätzen. Über das Fußballfeld hinaus. (Gerfried Sperl, STANDARD-Printausgabe, 18.7.2011)