Die Hymne und das Begräbnis der Monarchie

Kolumne | 17. Juli 2011, 16:58

Angesichts einer schwachen Regierung sind Riten-Diskussionen nicht vorrangig - Aber zum Unterschied von Monarchien leiden Republiken unter dem Mangel an Symbolen

Nicht die Habsburger sind Geschichte, sondern die von ihnen geprägte und dominierte Monarchie. Was man via Fernsehen oder als Zuschauer am Samstagnachmittag in der Wiener Innenstadt besichtigen konnte, war die letzte Parade der "guten alten Zeit". Gleichzeitig eine Revue dessen, was vor 1918 mitteleuropäische Wirklichkeit war.

Etwas mehr als ein Jahr nach der Totenmesse für Hans Dichand, den "Medienkaiser", zelebrierte Kardinal Christoph Schönborn ein Requiem für Otto Habsburg. Eine seltsame Gleichrangigkeit, die keine hätte sein dürfen. Vor Gott sind zwar alle Menschen gleich, aber nur wenige werden vom Erzbischof zur Ruhe geleitet.

Habsburg war ein Pro-Europäer und ein "Friedensstifter", wie Schönborn sagte. Dichand gerierte sich als scharfer Europa-Kritiker und als Verfechter der österreichisch-deutschen Enge. In Dichands Blättern schreibt der Kardinal, obwohl ihn weltanschaulich mehr mit Habsburg verbindet.

Mehrfach war an diesem Nachmittag auch von der alten Hymne die Rede, die laut Kommentator des ORF "von den Deutschen gestohlen" wurde. Von ihr hat sich Österreich ja schon 1918 verabschieden müssen, zum Unterschied von jenen monarchistischen Resten, die trotz Adelstitel-Verbots als Titelsucht überlebt haben.

Weil Österreich im nationalen Sinn eine gefestigte demokratische Republik ist, wären die Monate nach dem Tod Otto Habsburgs ein Zeitfenster, den Text der Bundeshymne neu schreiben zu lassen. Ihr Text hat nun einmal Symbolcharakter. Weshalb es nicht nur um die Hereinnahme der "Töchter" geht, sondern um den Geist der Hymne - beispielsweise um die Frage, ob nicht die "Hämmer" durch das Wort "Schätze" ersetzt werden sollten. Weil das den Bogen spannt vom Erz der Alpen bis zur kulturellen und wissenschaftlichen Kreativität.

In einem Gespräch mit Otto Brusatti hat Friederike Mayröcker ihr Interesse bekundet, einen neuen Text für die Bundeshymne zu schreiben. Der Nationalrat sollte ihr in einer Art nationaler Akklamation diesen Auftrag erteilen: Mayröcker verkörpert das Heutige und das Künftige.

Gleichzeitig sollte die Steiermark einen neuen Anlauf nehmen und die Initiative Waltraud Klasnics aus dem Jahre 2004 realisieren. Damals wollte die Landeshauptfrau aus Anlass des EU-Beitritts Sloweniens jene Passagen des Dachsteinlieds entfernen lassen, die immer noch auf Gebietsansprüche in der ehemaligen Untersteiermark schließen lassen. Klasnic scheiterte damals, heute sollte das kein Problem sein.

Wohlgemerkt: Angesichts der politischen Probleme einer schwachen Regierung (die immerhin zusammen mit Kärnten die Ortstafelfrage gelöst hat), sind Hymnen- und Riten-Diskussionen nicht vorrangig. Aber zum Unterschied von Monarchien leiden Republiken, vor allem die demokratischen, unter dem Mangel an starken Symbolen.

Die einigende Kraft der Bundeshymne sollten wir nicht unterschätzen. Über das Fußballfeld hinaus. (Gerfried Sperl, STANDARD-Printausgabe, 18.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 91
1 2 3
Ph Gudenus
00
18.7.2011, 18:06
Le Monde, linksliberal, 19. Juli 2011, Seite 6,

in F ist “de” üblich, in der CH: von.

Nicht als ..., sondern als Namensbestandteil. Änderung nur möglich über Beschluss der Behörde.

Eglise des Cordeliers, Nancy, bis 1914 zumindestens letzte Recht. Franz I, + 1765, hatte ja alles verkauft, und Erlöse nach Wien (Wallnerstrasse) transferiert.

Man muss u.a. Grenzen ziehen können, in allen Dingen.

Graf Gudenus, Frankreich

kein weihrauchjunkie
00
18.7.2011, 18:03

warum bitte, ist die MONARCHIE zu grabe getragen worden???? nur weil ein nachfahre eines ehemaligen kaisers tot ist? wir schreiben bitte das jahr 2011. mir scheint, dass sich da einige in diesen faschingsbegräbniszirkus hineinziehen lassen.

Gegenflieger
00
18.7.2011, 17:43

Es ist nur schade das man die Habsburgermonarchie
bloß auf dem Sisikitsch reduziert,die meisten sahen aus als ob sie einer Operette entsprungen wären.

pinky
01
18.7.2011, 17:10
Einigende Kraft der Bundeshymne?

Dieses melancholisch traurige Geheule passt eher zur Suizidrate als zur Einigkeit. Da steckt das gesudere schon in der Melodie.

Wie wärs mal mit einer heiteren Hymne? Die die Leute etwas aus ihrem Selbstmitleid rausreisst? Eine die man gerne hört ohne schon vor dem Anpfiff einzuschlafen (zugegeben, ist meistens eh besser)?

viridisdens
00
18.7.2011, 16:50
friederike mayröcker!!!

das wär' was.

Mathias
 
00
18.7.2011, 16:16
Aber zum Unterschied von Monarchien leiden Republiken unter dem Mangel an Symbolen.

Darum mehren sich seit einigen Jahrzehnten auch die ganzen Symbole ... Kleidung, Mobiltelefone, Automobil, Notebooks, Ersatz-Religionen, usw...

Markus2001
00
18.7.2011, 17:35

Haargenau. Es sind eben nur andere Arten von Symbolen.

kein weihrauchjunkie
00
18.7.2011, 18:07

gut, dass in den straßen keine offiziere mehr auffällig herumflanieren. ein mann mit uniform war ja auch ein symbol.

grauslich
20
18.7.2011, 15:28
Österreich hat immerhin die www.atheistische-religionsgesellschaft.at

als Symbol für einen Atheismus, wie er in diesem Land (leider?) möglich ist.
Grüß Gott!!

zkk
 
21
18.7.2011, 15:06
wann kapiert es endlich auch ein herr sperl? wer braucht eine frau Friederike Mayröcker? es gibt nur eine korrekte hymne ...

i kenn die leit,
i kenn di rottn,
die dummheit, die
zum himml schreit
-
-
-
i am from austria

~´nuff said~

(herrn fendrich ewigen ruhm und dank dafür, mit wenigen worten ö und die ambivalenz seiner mitbürger mit sich und dem eigenen land beschrieben. egal was für mist er vielleicht sonst in den letzten jahren abgeliefert hat, in seinen frühen jahre und mit diesem lied schaffte er großartiges)

New Hampshire
00
18.7.2011, 16:47

Das Lied ist super - bei jedem Bierzelt der Heimbegleiter für die Burschen, die sich mit 4,5 Promille noch auf den Beinen halten können.

Da hat Schnupfi ein gaaaanz großes Machwerk abgeliefert.

"I kenn die Rottn"....was soll man da noch sagen, eine echte Hymne halt.

papounet
01
18.7.2011, 16:28

was soll an dem klebrigen Kitsch grossartig sein?

miriam7
01
18.7.2011, 17:19
was soll an dem klebrigen Kitsch grossartig sein?

- Dass er moderner ist als der alte pathetische Kitsch
- Dass er besser ins Ohr geht
- Dass wir uns nicht um Söhne und Töchter streiten müssen
- Dass er Österreich nicht als großartig und fehlerlos, aber trotzdem als liebenswert erklärt
- Dass ihn mehr Leute kennen und können

zkk
 
00
18.7.2011, 16:39
"mit wenigen worten ö und die ambivalenz seiner mitbürger mit sich und dem eigenen land beschrieben"

lesen-verstehen-posten.

ausserdem ist das meine meinung zum diesjährigen loch-thema "bundeshymne" ... no more, no less.

Hairy Tongue
00
18.7.2011, 15:47

geh bitte, die frau holle brauch ich genausowenig als moralapostel. woher der die dummheit kennt, versteht sich von selbst.

ich weiß, wer ich bin, wo ich herkomme und wem ich was schulde für diese herkunft. da brauch ich keine hymne, keinen bundespräsidenten und keine fahne dazu.

zkk
 
00
18.7.2011, 16:05
"ich weiß, wer ich bin, wo ich herkomme und wem ich was schulde für diese herkunft."

jo eh ... und?

nur wenn schon eine hymne, dann eine ordentliche und textlich gibt es über land und leute nicht viel mehr zu sagen, als dies im o.g. lied geschieht.

vorteil wäre auch, dass den text im gegensatz zur aktuellen hymne wohl mehr als 50% der wahlberechtigen ö kennen ... und die melodie ist auch um einiges besser als die der aktuellen (egal, ob sie vom mozart-wolferl stammt oder nicht) ... und gendergerecht ist es wohl auch, oder? ^^

Hairy Tongue
00
18.7.2011, 17:17

verstehe schon, sie mögen den song. nichts dagegen, wenn ich auch bezweifle, dass ihre "mehr als fünfzig prozent" mehr können als die eine refrainzeile mitzugrölen - by the way, sollten nur die wahlberechtigten den text der hymne können?

ich z.b. kenn' den text und halte das ganze machwerk für einen ungeheuerlichen schmarrn. dazu im video den damals für seinen "hit" blond auftoupierten reini mit der gitarre am gipfelkreuz angelehnt die drei akkorderln runterschruppen sehen - fertig ist die grausbirn', wo's ihnen höchstens die ganslhaut aufzieht...

halt, wartens - also eh alles genau wie bei "land der berge". passt, sie haben recht, reini for nationalanthem.

Josef Dvorak
00
18.7.2011, 14:36
Mitmenschlichkeit benötigt keine "starken Symbole"!

Als gelernter Theologe und Psychoanalytiker befasse ich mich gerne mit Ritualen und Symbolen. Umgang mit dieser Materie kann ästhetisch genußvoll sein. Allerdings ziele ich darauf ab, deren Wirkungsweise zu durchschauen, um sich in keine Abhängigkeit davon zu begeben, besonders wenn durch sie Staaten und Ideologien "vergötzt" werden sollen. Erfahrungen aus früheren Zeiten, und beinahe lächerliche "Übersprungshandlungen" einer heutigen "Symbolpolitik" sollten uns Mahnung sein!

Threonin
00
18.7.2011, 13:38

Nein, Republiken leiden nicht prinzipiell unter Mangel an Symbolen. Als Gegenbeispiel kann man da durchaus die USA ansehen, wo es durchaus keinen Mangel an Symbolen und Riten gibt. Auch die römische Republik ist nicht an mangelnden Symbolen untergegangen.

Eher findet man in unseren Breiten, und dieses Forum ist ein gutes Beispiel dafür, einfach keine Konsens zur Symbolik. Zu oft wurden Symbole hierzulande missbraucht, zu stark ist auch die Angst davor, einzelne Gruppen auszuschließen oder eine Gruppe zu bevorzugen, zu viel Abneigung gibt es gegenüber allen, was auch nur den Anschein des Nationalen oder Religiösen hat.
Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage.

hannibal fekter
00
18.7.2011, 20:07
Hab einen besseren Vorschlag!!!!

http://www.youtube.com/watch?v=KNq5bHco2Z4

kerihuelo
10
18.7.2011, 13:03

wir brauchen keine symbole für österreich, wir brauchen taten in und für europa.

nationalstaaten sind hoffentlich ein auslaufmodell!

Vayav indrasca
00
18.7.2011, 15:24

wollen Sie etwa den Weltstaat?

matthias_87
00
18.7.2011, 18:17
irgendwann wird es einen

Weltstaat geben.
Heute sind die Feudalen Stammesgebiete in unseren Breiten ja auch geradezu lächerlich.

Vayav indrasca
00
18.7.2011, 18:26

aber beim Weltstaat wird sich dann die Lächerlichkeit aufhören ... da wird jeder spuren, aber wie!!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 91
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.