Ein Liter Milch, ein Liter Benzin

Markus Böhm, 15. Juli 2011, 18:47
  • Artikelbild
    foto: rewe

    Die Rewe kooperiert für Billa Stop &Shop mit dem Kraftstoff-Diskonter Jet.

  • Artikelbild
    foto: spar

    Im Herbst 2009 wurde "Spar Express" eingeführt. Bis 2013 sollen weitere 70 Standorte entstehen.

Tankstellen sind naturgemäß gut frequentierte Standorte. Eine Tatsache, die in zunehmendem Maße auch große Handelsketten lockt

Der Wettbewerb um die automobilen Kunden ist bereits in vollem Gange.

***

Tankstellen werden zunehmend zu Supermärkten mit Tankmöglichkeit. In den letzten Jahren hat unter den großen Handelsketten wie etwa Spar oder Rewe ein regelrechter Wettlauf um die besten Standorte eingesetzt. Grund dafür: Die Filialexpansion ist weitgehend ausgereizt. Tatsächlich sind Tankstellen gut erreichbare und hochfrequentierte Orte - und von daher interessant für die Ketten. Diesel und Benzin sorgen für die Frequenz, die Lebensmittel bringen höhere Margen. Jeder dritte Tankstellenkunde soll bereits in einem Shop einkaufen.

Shoppen mit Konzept

Dabei hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der öffentlichen Tankstellen in Österreich um mehr als 200 verringert. Der Rückgang von 2009 auf 2010 betrug 2,2 Prozent. "Aufgrund des harten Verdrängungswettbewerbs und der geringen Margen wird es immer schwieriger, Tankstellen wirtschaftlich erfolgreich zu führen", stellt Christoph Capek, Geschäftsführer des Fachverbandes der Mineralölindustrie, fest. In der Hoffnung auf Zusatzgeschäft setzen die Betreiber auf Shop-Konzepte. Von den insgesamt 1635 sogenannten Major-branded Tankstellen, also OMV oder BP, verfügen immerhin bereits 1500 über einen eigenen Shop.

Generell sei die Bedeutung des sogenannten Non-Oil-Business in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, erklärt Alexandra Seidl vom größten österreichischen Mineralölkonzern OMV. Durchschnittlich kommen rund 20 Prozent des Deckungbeitrages aus dem Shop- beziehungsweise Gastro-Bereich.

Bei einzelnen Tankstellen könne das Non-Oil-Business bis zu 50 Prozent des Treibstoffumsatzes betragen, meint sie. Man konzentriere sich dabei vor allem auf Standorte in guter Lage und baue die Viva-Tankstellenshops kontinuierlich aus. Mittlerweile sind in Mitteleuropa rund 1000 OMV-Tankstellen mit einem Viva-Shop ausgestattet.

Der Preis der Bequemlichkeit

Der traditionelle Handel drängt nach: Seit 2009 beliefert Billa österreichweit alle Tankstellen des Kraftstoff-Diskonters Jet (ConocoPhillips Austria). Begonnen hat die Zusammenarbeit schon 2007. Das Motto lautet: einkaufen auf die Schnelle. "Billa Stop & Shop" heißt das sogenannte Co-Branding. "Insgesamt 110 Tankstellenshops sind bereits damit gekennzeichnet" , sagt Nicola Treitl von der Rewe International AG. "Langfristig sollen alle Jet-Tankstellenshops dieses Branding erhalten."

Auf mindestens 50 Quadratmetern Fläche wird ein Sortiment von rund 1500 Artikeln angeboten. Die Waren sind zwar günstiger als in herkömmlichen Tankstellenshops, doch dafür kosten Markenartikel oft deutlich mehr als im traditionellen Supermarkt, und auch Lebensmittel-Eigenmarken liegen um einige Prozent über jenen im herkömmlichen Geschäft. Bequemlichkeit hat eben ihren Preis.

"Doch dafür gibt es ein Angebot an frischen Waren, und das teilweise 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", erläutert Treitl. Prinzipiell würden die Öffnungszeiten abhängig vom jeweiligen Standort und vom selbstständigen Tankstellenunternehmer variieren, sagt sie.

Tanken wird zur Nebensache

Als zusätzliche "Gelegenheit der bequemen Nahversorgung", wie Werner Wutscher, Vorstand der Rewe International AG, sagt, wird Billa Stop & Shop von "Adeg am Weg" ergänzt. Der erste 65 Quadratmeter große Tankstellen-Greißler eröffnete im vergangenen Oktober im steirischen Mureck in einer Pein-Energy-Tankstelle. Das Konzept bietet ein Sortiment von rund 1000 Produkten.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Spar beispielsweise plant den Ausbau von "Spar Express" . Bis 2013 sollen weitere 70 Tankstellenshops entstehen. Momentan gibt es 20. Geführt werden die Express-Shops in Kooperation mit dem Tankstellen-Betreiber Doppler (BP, Turmöl). "Mit Eigenmarkenprodukten zu ganz normalen Supermarktpreisen", wie Spar-Chef Gerhard Drexel betont.

Die Eigenmarken machen dabei den Großteil der rund 1500 Produkte aus, erklärt eine Sprecherin. Bei allen anderen Produkten käme Spar wegen der erhöhten Personalkosten in Tankstellenshops um geringe Preisaufschläge nicht herum. Jedenfalls werde das Angebot gut angenommen, heißt es seitens Spar: "Wir beobachten, dass einige Kunden primär zum Lebensmitteleinkauf und gar nicht zum Tanken kommen."

Diskonter mit Zapfsäule

Aber mit dem schnellen Schokoriegel oder Energydrink für den müden Autofahrer ist die Fantasie für mögliche Kooperationen noch lange nicht erschöpft: Seit 2007 kann man, dank einer Kooperation mit der Post, an allen 170 OMV-Tankstellen mit Viva auch Pakete aufgeben. Oder, dank Zusammenarbeit mit der Erste Bank, Bankgeschäfte erledigen.

Dass es auch andersrum geht, zeigt Hofer: An einigen Standorten bietet der Lebensmittel-Diskonter auf seinen Parkplätzen auch die Möglichkeit zu tanken. (Markus Böhm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.7.2011)

Kommentar posten
19 Postings
01052004
00
18.7.2011, 12:31
was will ich an einer tankstelle???

tanken

und sonst gar nix...

so schnell, billig und unkompliziert wie möglich...ohne jegliches pippifax...

bitte nicht
14
16.7.2011, 11:43
ist doch alles lüge ...

... wurde doch von der kammer und der gewerkschaft erhoben, dass es KEINEN bedarf gibt. und die müssen es ja wissen.

bösartiger gutmensch
00
16.7.2011, 19:20

nicht zu vergessen, dass die tankangestellten allesamt kein leben haben, 7 tage die woche rund um die uhr arbeiten müssen und niemals nie ihre familie zu gesicht bekommen.

hangover1
00
18.7.2011, 09:30
genau deswegen

hat ja ein sozialer mensch die automatiktankstellen erfunden.

hangover1
00
18.7.2011, 09:30
genau deswegen

hat ja ein sozialer mensch die automatiktankstellen erfunden.

AlliGator
01
16.7.2011, 09:37

Dank dem Ladenschluß! Die Sonntags-Semmel ist teurer, ein bisserl verstaubter und riecht nach Benzin. CO2-neutral ist Einkaufen an der Tanke sicher auch nicht...

Wieso lassen wir uns diese Bevormundung denn bieten?

Nick Knattertoni
00
17.7.2011, 22:02

Ja! Auf ein resches Sonntagssemmerl! pff..

`gsi
01
16.7.2011, 09:03

Und alles nur wegen den nicht freien Ladenöffnungszeiten müssen Arbeitschaffende solche verquickten workarounds eingehen und die Regelung umschiffen.
Logik und Vernunft verlangt auch bei den Ladenöffnungszeiten eine ehrliche und zeitgemäße Lösung!

Hofer1002
514
16.7.2011, 08:59
Endlich

sind die dunkeln Zeiten vorbei als ich Sonntags abends die Mülltonnen durchwühlen mußte um etwas essbares zu bekommen. Meine Enkeln werden mit großen Augen die Geschichten davon hören dass in den alten Zeiten ab Samstag 12.00 unverantwortlicher weise alle Geschäfte schlossen, und den Bürgern 44 Stunden keine Einkausmöglichkeiten geboten wurden. Zeiten des Hungers und der Not. Zeiten in denen die Familien zusammenrückten. Zeiten die wir hinter uns gelassen haben, und fröhlich werkt das schlecht bezahlte Personal in den Tankstellen jetzt zu jeder Tage und Nachtzeit und niemand muss mehr Nachts und am Wochenende darben...

natoll
10
18.7.2011, 07:02

erstaunlich was euch ihr als ohnehin nicht betroffene immer für sorgen über das personal macht das sonntags freiwillig arbeitet.

frag mal die, die es wirklich tun ob sie es so schrecklich finden. oder ist das die neue form des stellvertreter-raunzens.

wurzen sepp
 
01
15.7.2011, 22:07
alles recht, nur eine fuzziwuzzikleine bitte dazu:

bitte es so einrichten, dass die einkäufer nicht ihr auto 15 minuten an der zapfsäule stehen lassen müssen oder dürfen.

Michael Colinas
00
19.7.2011, 00:04

ich fahr dann einfach weiter zur nächsten Tankstelle. Zugeparkte Tanksäulen interessieren mich nicht.

leonidis
01
15.7.2011, 21:21

"Die Eigenmarken machen dabei den Großteil der rund 1500 Produkte aus, erklärt eine Sprecherin. Bei allen anderen Produkten käme Spar wegen der erhöhten Personalkosten in Tankstellenshops um geringe Preisaufschläge nicht herum. "

warum sind dort die Personalkosten im Vergleich zum Supermarkt erhöht? Bekommt der Tankwart soviel mehr wie die Kassierin beim Billa?

michelkholhaas
00
19.7.2011, 09:41
eine Tankstelle macht pro Kopf Mitarbeiter weniger

Lebensmittelumsatz, daher sind die Kosten relativ höher!

posten posten
10
15.7.2011, 21:44

wochenendzuschlag, nachtarbeit,... könnte mir schon vorstellen, dass das mehr kostet.

`gsi
11
16.7.2011, 09:06

Zusätzlich sind die Standortkosten um einiges höher.
Eine gefragte Tankstelle mit Lizenz Sonntags/Nachts Lebensmittel zu verkaufen hat sicher höhere m² Mieten als jede 0815 Gewerbefläche in der Umgebung.

bani1982
10
15.7.2011, 21:40

Könnte wegen den längeren Öffnungszeiten bzw. wegen Wochenendszuschlägen sein.

e^(pi*i)+1= 0
214
15.7.2011, 18:54

Ladenschließungszeiten sei Dank.

Der Lugner könnte ja eine Zapfsäule am Gürtel aufstellen und dahinter steht das erste Tankstelleneinkaufszentrum.

Anstatt dass die Politik eine ehrliche Regelung sucht, müssen Unternehmen dieses miese Ladenschließungsgesetz so umgehen.

werwolfi
00
18.7.2011, 02:29

wieder mal eine klassische österreichische lösung, das ganze ;o)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.