"So unklug sind die Männer nicht"

Interview17. Juli 2011, 18:00
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Maria Rauch-Kallat hat am Ende ihrer politischen Laufbahn viel Aufsehen erregt – dieStandard.at zieht mit ihr ein frauenpolitisches Resümee

Maria Rauch-Kallat fährt im Auto und telefoniert via Freisprechanlage. Sie sitzt selbst hinter dem Lenkrad, denn die "Chauffeur-Zeiten sind vorbei, außer mein Mann borgt mir seinen". Seit der Parlamentssitzung am 7. Juli, die gleichzeitig die letzte ihrer politischen Laufbahn war, hat sie aufgrund des eingebrachten Antrags zur Änderung der Bundeshymne einen Pressetermin nach dem anderen.

Das Aufsehen um den überparteilichen Antrag verdanken die beteiligten Frauen nicht zuletzt den ÖVP-Männern, die durch Dauerreden über Schweinemastzucht, Weinqualität und den "nationalen Suizidplan" die Rede ihrer Kollegin verhinderten. dieStandard.at befragte die ehemalige Frauenministerin nach dem Klima innerhalb der ÖVP und nach einem frauenpolitischen Resümee ihrer Aktivitäten.

dieStandard.at: Sie waren fast 30 Jahre in den unterschiedlichsten Funktionen im Parlament als Politikerin tätig. Wenn Ihnen jemand sagt, dass er oder sie politikverdrossen ist, was sagen Sie dann?

Maria Rauch-Kallat: Dass es sich lohnt, um Dinge zu kämpfen. Das war auch meine Motivation, mich politisch zu engagieren. Gegen diese typische österreichische Mentalität "Das geht nicht, weil das haben wir noch nie so gemacht" habe ich mich immer gewehrt. Man kann Dinge sehr wohl verändern.

dieStandard.at: Die nun erreichte Änderung in der Bundeshymne strebten Sie schon 2005 per Ministerratsantrag in der Regierung Schüssel II an, sind aber gescheitert. Warum waren Sie jetzt so emsig an der Sache?

Rauch-Kallat: Ich war nicht emsig dran. Aufgrund der damaligen Diskussion, die sehr wichtig war, die aber auch sehr polemisch geführt wurde, und aufgrund der Weiterentwicklung in dieser Debatte hatte ich die Idee, das Thema neu aufzurollen und einer Beschlussfassung zuzuführen. Die parlamentarische Beschlussfassung habe ich ganz bewusst angestrebt, weil die Regierung im Moment wichtigeres zu tun hat. In einer großen Wirtschaftskrise muss man sich damit nicht aufhalten.

dieStandard.at: Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie nichts zu verlieren hatten. Was hatten Sie vorher zu verlieren?

Rauch-Kallat: Das war gar nicht auf mich bezogen, sondern auf Kolleginnen, die im Parlament sind und die in der nächsten Legislaturperiode wieder im Parlament sein wollen. Für die ist es viel schwieriger so etwas zu unterstützen.

dieStandard.at: Das Agieren Ihrer Klubkollegen im Parlament lässt ja auf arge Zustände innerhalb Ihrer Fraktion schließen. Was ist los mit den Männern in der ÖVP?

Rauch-Kallat: Naja, ich denke, das war einfach nur eine Reaktion auf eine Verärgerung, weniger in der Sache als in der Vorgangsweise. Die Verärgerung kann ich verstehen, nicht aber die Reaktion. Die Reaktion der Kollegen hat der Sache aber so viel mehr Aufmerksamkeit gebracht, als ich sie je gehabt hätte, wenn ich in einer normalen Rede mein Anliegen vorgebracht hätte.

dieStandard.at: Täuschen Sie mit diesem vergleichsweise kleinen Erfolg, wie eben die Töchter Österreichs in der Hymne zu besingen, nicht über bestehende Ungleichheiten hinweg?

Rauch-Kallat: Absolut nicht. Ich habe immer festgehalten, dass es wichtigere Dinge in der österreichischen Frauenpolitik gibt. Die Hymne ist aber ein Symbol und Sprache ist das wichtigste Medium, das Bewusstsein prägt. Jeder sagt, es gibt Wichtigeres – trotzdem reden sie alle mit. Das zeigt, dass die Gleichstellung der Frauen in der Tat noch nicht erreicht ist, sonst würde sich niemand darüber aufregen.

dieStandard.at: Sie waren in der Regierung Schüssel II langjährig Frauenministerin, offenbar zur vollsten Zufriedenheit ihrer Kollegen, sonst wären Sie nicht so lange im Amt gewesen. Wie sehen Sie diese Zeit vier Jahre danach?

Rauch-Kallat: Ich habe diese Zeit in guter Erinnerung. Es war nicht immer alles leicht. Wir haben uns intensiv mit der Lohnschere auseinandergesetzt und auch mit der besseren finanziellen Absicherung von Frauen.

dieStandard.at: In dieser Zeit gab es enorme ökonomische und wirtschaftspolitische Veränderungen. Es kam zur Deregulierung des Arbeitsmarktes, Frauen wurden in Mc-Jobs gedrängt. Ferner forcierten Sie durch das Kinderbetreuungsgeld eine Hausfrauisierung. Glauben Sie, dahingehend für Frauen alles richtig gemacht zu haben?

Rauch-Kallat: Also erstens glaube ich nicht, dass es zu einer Hausfrauisierung beigetragen hat. Es kam zu einer Verlängerung des Kinderbetreuungsgeldes. In dieser Zeit haben wir auch einen Anstieg von Vätern in Karenz gehabt und es kam zu einer höheren Frauenbeschäftigung.

dieStandard.at: Auf Kosten von Teilzeitstellen.

Rauch-Kallat: In der Tat im Teilzeitbereich. Aber für diese Frauen sind Teilzeitjobs auch tatsächlich Wunsch-Jobs. Ich würde mir wünschen, dass mehr Väter in Teilzeit gehen. Wir haben uns aber auch ganz massiv um die Altersabsicherung gekümmert. Die Pensionsreform hat wesentlich zur Verbesserung für Frauen beigetragen, vor allem bezüglich der Anrechnungszeiten. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Altersabsicherung gewesen.

dieStandard.at: Die Regierung drängte zur gleichen Zeit aber auch zur privaten Pensionsvorsorge. Die Mehrheit der Frauen hat kaum ökonomische Ressourcen um ihre Pensionen zu sichern.

Rauch-Kallat: Es wurde zur staatlichen Pension die Abfertigung-Neu geschaffen, die eine zusätzliche Absicherung ist. Und es gab eine steuerliche Besserstellung für Personen, die in private Pensionsvorsorge investieren. Aber ich glaube nicht, dass das eine Verschlechterung sondern eine Verbesserung ist. Im Übrigen war auch das Pensionssplitting ganz wichtig. Wobei es mir sehr leid tut, dass das von Frauen viel zu wenig genutzt wird. Und so unklug sind die Männer nicht. Denn die, die es bisher genutzt haben, sind überwiegend Männer. Warum denken überwiegend Männer an ihre Vorsorge, im Vergleich zu Frauen?

dieStandard.at: Der Begriff Wahlfreiheit ist bei den ÖVP-Frauen, deren Vorsitzende Sie lange waren, ein Dauerbrenner – was bedeutet er für Sie?

Rauch-Kallat: Dass Frauen sich tatsächlich entscheiden können, eine gewisse Zeit bei ihren Kindern zu bleiben, oder gleich wieder in den Beruf einzusteigen. Gleich wieder in den Beruf einzusteigen geht nur, wenn ich entsprechende Versorgungseinrichtungen für Kinder habe – entweder öffentliche oder private.

dieStandard.at: Diese Wahlfreiheit existiert für einen Großteil der Frauen in der Realität aber nicht.

Rauch-Kallat: Wahlfreiheit auch umgekehrt – also das Karenzgeld so gestalten, dass die Frauen davon leben können. Das einkommensabhängige Karanzgeld, das es jetzt gibt, ergibt auch einen Betrag, von der man zwölf Monate leben kann. Kinderbetreuungseinrichtungen sind ja auch, was die Kosten betrifft, sozial gestaffelt und für jeden leistbar.

dieStandard.at: Gerade bei gesellschaftspolitischen Fragen steht die ÖVP auf der Bremse, vertritt konservative Werte und reklamiert oftmals Schikanen in Gesetze hinein. Zu sehen ist das etwa bei der Eingetragenen PartnerInnenschaft, bei der Novelle zum Gleichbehandlungsgesetz oder auch bei der Quote. Ihrem Motto zufolge "Geht nicht, gibt's nicht": Waren Sie damit nicht in der falschen Partei?

Rauch-Kallat: Ich sehe meine Wurzeln in der Christdemokratie. Die ÖVP ist eine wertkonservative Partei, das heißt, sie lebt nach Grundsätzen, die sich sicher auch verändern, um die immer auch gerungen wird. Ich fühle mich sehr zuhause in dieser Partei und bin auch angetreten, um die Partei ein wenig zu verändern. Ich glaube, dass das in den letzten Jahrzehnten durchaus gelungen ist.

dieStandard.at: Noch einmal zur ersten Frage: Sind Sie politikverdrossen?

Rauch-Kallat: Nein, absolut nicht. Ich werde immer ein politischer Mensch bleiben. Aber das bedeutet eben nicht, dass ich weiter parteipolitisch agieren muss. Ich werde mich für Frauenpolitik natürlich immer interessieren und auch Initiativen setzen.

dieStandard.at: Warum kehren Sie der institutionellen Politik den Rücken?

Rauch-Kallat: Ich bin 62 Jahre alt. Ich denke, jetzt muss die nächste Generation dran kommen. Man muss sich von Ämtern auch verabschieden können, um Neues zu tun. Ich habe zwei Firmen, eine davon beschäftigt sich mit Diversity-Management. Darauf möchte ich mich jetzt konzentrieren.

(Die Fragen stellte Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at 17.7.2011)

Maria Rauch-Kallat war seit 1983 im Parlament tätig. Sie war Mitglied des Bundesrates, Nationalratsabgeordnete, Gesundheitsministerin, Umweltministerin, Frauenministerin und in diversen parlamentarischen Ausschüssen tätig. Nicht zuletzt war sie auch lange Zeit Vorsitzende der ÖVP-Frauen.

Weiterlesen: Im Wortlaut – Eine Rede, die nicht gehalten wurde

  • "Man muss sich auch von Ämtern verabschieden können, um Neues zu tun."
    foto: christian fischer

    "Man muss sich auch von Ämtern verabschieden können, um Neues zu tun."

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