"Ein Geschenk Gottes an die Tourismusindustrie"

Interview
  • Boyer: "Je
 besser wir die Monarchie verstehen, desto besser verstehen wir die 
Geschichte der Republik."
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    Boyer: "Je besser wir die Monarchie verstehen, desto besser verstehen wir die Geschichte der Republik."

  • Das letzte große imperiale Begräbnis in Wien: Trauerzug für die einstige Kaiserin Zita 1989. Ottos Sarg wird von Tiroler Schützen auf einem Bahrwagen gezogen.
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    Das letzte große imperiale Begräbnis in Wien: Trauerzug für die einstige Kaiserin Zita 1989. Ottos Sarg wird von Tiroler Schützen auf einem Bahrwagen gezogen.

Der amerikanische Historiker John W. Boyer erklärt, warum Otto Habsburgs Tod eine Chance für die Geschichtsschreibung ist und warum er diese Art von Begräbnis angemessen findet

STANDARD: In den frühen 60er-Jahren gab es Demonstrationen gegen Otto Habsburg, heute bekommt er fast ein Staatsbegräbnis - was hat sich geändert?

Boyer: Ein bestimmter Umgang mit der Monarchie geht zu Ende, ein neuer entsteht vielleicht. Mit Otto Habsburg ist die Monarchie endgültig gestorben. Sie kann nun objektiv und entemotionalisiert studiert werden, ohne viele politische Kontroversen. Als Außenstehender halte ich es für sehr wichtig, die Geschichte der Monarchie aufzuarbeiten. Sie ist tot, sie wird nicht wiederkommen, aber sie hat institutionell, kulturell und politisch die österreichische Republik hervorgebracht.

STANDARD: Ottos Tod ist also eine Chance, die Geschichte der Republik besser zu verstehen?

Boyer: Ja, sicher. 2014 wird es 100 Jahre her sein, dass der erste Weltkrieg begonnen hat. Die Monarchie ist jetzt langsam das, was ich "deep history" nenne. Je weiter etwas zurückliegt, desto objektiver können wir es beurteilen. Ob es uns gefällt oder nicht, die österreichische politische Struktur ist bis zum heutigen Tag maßgeblich geprägt von der Monarchie. Die Trennung in Rot und Schwarz, das ganze Lagerdenken geht darauf zurück. Je besser wir die Geschichte der Monarchie verstehen, desto besser werden wir auch die Geschichte der Republik verstehen.

STANDARD: Abseits historischer Diskussionen - wird in der Öffentlichkeit ein adäquates Bild der Habsburger gepflegt?

Boyer: Die Habsburger sind ein Geschenk Gottes an die österreichische Tourismusindustrie (lacht). Im Ernst: Ich denke nicht, dass der durchschnittliche Österreicher in der Früh aufwacht und über die Habsburger nachdenkt. Sie sind eben bald "deep history".

STANDARD: In Österreich wird Otto Habsburg oft als "großer Europäer" bezeichnet - wie wichtig war er Ihrer Meinung nach für die europäische Einheit?

Boyer: Er war eine von vielen Stimmen, die für die europäische Integration argumentiert haben. Seine Abstammung hat ihm größere Prominenz und Zugang zu verschiedensten europäischen Politikern verschafft, aber die europäische Einheit hatte viele Väter und Großväter.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Bedeutung der Paneuropa-Union ein, die er ab 1957 bis zu seinem Tod mit geleitet hat?

Boyer: Sie war eine der ersten Gruppen, die für eine bestimmte Form eines Vereinten Europas eingetreten sind. Wichtig war sie aber vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg, danach hat sie an Bedeutung verloren. Ab den 50er-Jahren trennen sich die Wege der Paneuropa-Union und der EU: Die Paneuropäer waren viel mehr für eine politische Integration, die Vertreter der europäischen Union waren in den 50er-Jahren an einer wirtschaftlichen Integration interessiert.

STANDARD: Einen der größten Erfolge verbuchten sie erst 1989 mit dem paneuropäischen Picknick, bei dem der Eiserne Vorhang kurz geöffnet wurde.

Boyer: Otto Habsburg war sehr stolz, dass er dieses Picknick mitorganisiert hat, und war überzeugt, dass es ein wesentlicher Schritt zum Fall des Eisernen Vorhangs war. Ich denke, es sind sehr viele Dinge passiert in diesem Sommer und Herbst 1989. Wir werden nie wissen, ob die Grenzen auch ohne das Picknick aufgegangen wären. Es ist aber höchst wahrscheinlich.

STANDARD: Welche Rolle werden die Habsburger künftig spielen?

Boyer: In allen europäischen Staaten und sogar in den USA haben europäische Aristokraten einen gewissen Einfluss, etwa in Wohltätigkeitsorganisationen. Die Familie wird aber sicher nicht mehr so ein politisches Profil haben, Otto war ein sehr spezieller Fall.

STANDARD: Einige österreichische Historiker kritisieren, dass ein Begräbnis dieses Umfangs nicht angemessen sei. Was sagen Sie dazu?

Boyer: Sein Leben und seine Familie sind Teil der Geschichte Österreichs. Mir käme es unangemessen vor, wenn er nicht ein würdiges Begräbnis bekäme. (Tobias Müller, STANDARD-Printausgabe, 16./17.7.2011)

JOHN W. BOYER (64) ist Professor für Geschichte an der Chicago University und korrespondierendes Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der Habsburger und Mitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert. 2010 veröffentlichte er eine Biografie Karl Luegers. Foto: Chicago University


Die letzten beiden großen imperialen Begräbnisse in Wien: links der Trauerzug für Kaiser Franz Joseph 1916, rechts für die einstige Kaiserin Zita 1989. Ottos Sarg wird von Tiroler Schützen auf einem Bahrwagen gezogen. Foto: Cremer, picturedesk

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