"Ohne Geld erreicht auch das größte Genie nur wenig"

15. Juli 2011, 20:02
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Helmut Denk, Präsident der Akademie der Wissenschaften, über krisensichere Köpfe, Patente als patente Geldquelle und Flaggschiffe der Forschung, die budgetär gefährdet sind

STANDARD: Sie waren unlängst mit Wissenschaftsminister Töchterle in Israel. Was kann Österreich in der Forschungspolitik lernen?

Denk: Es ist faszinierend, was man gerade in wissenschaftlicher Hinsicht in diesem Land erreicht hat und wie auch weiter investiert wird - in einem Land in bedrohter Lage. Gerade in der Krise wird in Wissenschaft, Forschung und Innovation investiert, weil man weiß, dass man nur dann krisensicherer wird, wenn man forscht und innovativ ist, auf ideenreiche Köpfe setzt und das Verständnis dafür in der Gesellschaft fördert, indem man schon in früher Jugend mit "science education" beginnt. Am Weizmann Institute, das wirklich an Exzellenz ausgerichtet ist und uns als Österreichische Akademie der Wissenschaften als Vorbild für unseren Forschungsträgerbereich dienen kann, hat mir neben der Förderung erstklassiger Forschung besonders imponiert, wie man auch an die Verwertung von Forschungsergebnissen herangeht. Bei uns herrscht ja vielfach noch die alte Meinung, dass ein enger Kontakt zwischen Grundlagenforschung und Industrie sittenwidrig ist. Aber wie soll eine Erkenntnis, zum Beispiel gerade im medizinischen Bereich, den Menschen zugute kommen, wenn nicht über die Industrie? Daher ist es auch für die Akademie ein wichtiges Thema, wie wir mit "intellectual property" und Patenten umgehen.

STANDARD: Apropos Patente: Soll so etwas von dem vielen Geld, das in die Institute der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) fließt, zurückkommen?

Denk: In unseren großen wissenschaftlichen Flaggschiffen werden natürlich im Rahmen der Grundlagenforschung Erkenntnisse gewonnen, die für Anwendung sehr interessant sind, zum Beispiel für Diagnose und Behandlung von Krankheiten oder Etablierung innovativer Technologien. Daraus resultieren Patente, die auch verkauft werden können und Firmen dazu bringen, etwas in Richtung praktischer Anwendung weiterzuentwickeln. Dabei soll durchaus nicht das ganze finanzielle Risiko auf der ÖAW lasten. Es soll vielmehr so sein wie in Israel, dass Finanzmittel an die ÖAW zurückfließen.

STANDARD: Wie viel sollte das sein?

Denk: Ich sage es ganz allgemein: Es sollte zumindest der Aufwand gedeckt sein. Besser ist es, wenn noch mehr in einen Innovations- und Investitionsfonds der ÖAW zurückfließt. Natürlich sollen auch der Entdecker davon profitieren und die ÖAW-Forschungseinrichtung, in der er arbeitet.

STANDARD: Der Präsident des Weizmann Instituts, Daniel Zajfman, sagte: Wenn zu ihm jemand sagt, ich finde in zwei, drei Jahren das oder das Ergebnis, ist das nicht der Forscher, den das Institut sucht. Er plant mit Forschungsprojekten mit einer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren. Ist das auf Österreich übertragbar?

Denk: Ich glaube, die 20 bis 30 Jahre waren etwas übertrieben, aber er wollte damit zeigen, dass Ergebnisse der von Neugierde des Forschers getriebenen Grundlagenforschung nicht sicher voraussagbar sind: Wenn jemand schon weiß, was in zwei, drei Jahren herauskommt, könnte das bedeuten, dass er einem ausgetretenen, wenig innovativen Weg folgt. Wenn man aber wirklich etwas ganz Neues finden will, muss man die bekannten Grenzen überschreiten. Was Zajfman gemeint hat, spielt bei der Max-Planck-Gesellschaft und auch in der ÖAW eine große Rolle, das "Harnack-Prinzip". Bei der Gründung der Max-Planck-Gesellschaft - 1911 als Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft - hat der Theologe Adolph Harnack gesagt, wesentlich ist die Person, der ideenreiche Kopf. Wenn eine innovative Forscherpersönlichkeit da ist, wird sich aus ihr und um sie etwas Neues entwickeln.

STANDARD: Sollen Spitzenforscher auch lehren?

Denk: Ja, die Arbeit mit ausgesuchten interessierten und intelligenten Studierenden bedeutet ja auch eine Bereicherung für den Lehrer selbst. Ich glaube, dass ein Spitzenforscher lehren soll, er soll aber von der Lehre nicht komplett konsumiert werden. Er soll so lehren, wie wir es in den Akademie-Instituten machen, oder wie am ISTA oder am Weizmann-Institut: Man wählt die besten Studierenden aus. Man lernt als Wissenschafter wenig im Rahmen der Lehre in den großen Massenfächern, wo ein engerer und fruchtbringender Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden nicht möglich ist.

STANDARD: Das genannte Exzellenzforschungsinstitut IST Austria in Klosterneuburg hat es um einiges leichter als die Akademie der Wissenschaften und deren Institute. Finanziell geht es dem ISTA deutlich besser.

Denk: Grundsätzlich finde ich es wichtig und begrüßenswert, dass man Forschung fördert, wo immer sie passiert. Eines zeigt das ISTA ganz deutlich: Man muss in der Forschung auch längerfristig planen können, um erfolgreich zu sein und die besten Forscher anwerben und halten zu können. Eine längerfristige Planung war in der ÖAW bisher nicht möglich. Die Akademie hat jeweils ein Budget für ein Jahr bekommen, manchmal kam der Budgetbrief erst, als das Jahr bereits abgelaufen war. Jetzt soll es auch für die ÖAW eine mehrjährige Planungssicherheit geben. Was ich wirklich kritisiere, ist, dass an allen Ecken und Enden gesagt wird, Forschung und Innovation seien Investitionen in unsere Zukunft. In Anbetracht dessen, was dann bei uns wirklich passiert, bleibt dies ein Lippenbekenntnis. In Deutschland wird im Gegensatz dazu deutlich mehr in Grundlagenforschung investiert, die Schweiz hat immer beträchtlich investiert - und wenn man vergleicht, wo die Universitäten im Ranking in Relation zur Investition stehen, ist eine deutliche Beziehung sichtbar. Geld ist sicher nicht alles in der Wissenschaft, aber ohne Geld kann auch das größte Genie nur wenig erreichen.

STANDARD: Wie steht es eigentlich um die Zukunft der ÖAW?

Denk: Wir haben für 2012 bis 2014 einen Entwicklungsplan erstellt, der die Strategie der Akademie als Gelehrtengesellschaft und Österreichs größten außeruniversitären Forschungsträger aufzeigt. Darauf beruhen jetzt die Verhandlungen mit dem Ministerium über die Leistungsvereinbarungen. Um dem Plan gerecht zu werden und zukunftsrelevante Projekte auszubauen oder zu starten, ist eine Budgeterhöhung dringend notwendig. Ich fürchte aber, dass das Budget stagnieren könnte.

STANDARD: Konkret heißt das was? 2011 betrug Ihr Budget 87,5 Millionen Euro.

Denk: Das heißt de facto Budgeteinbußen und somit Einsparungen, Konzentration bis zu Schließungen von Forschungseinrichtungen.

STANDARD: Wie viele Mitarbeiter der Akademie wären gefährdet?

Denk: Bei nominell gleichbleibendem Gesamtbudget hätten wir allein im nächsten Jahr schon eine Deckungslücke von ungefähr neun Millionen Euro und im Budget 2012 bis 2014 von mindestens 20 Millionen Euro. Das lässt auf die erforderlichen Einsparungsmaßnahmen im Personalbereich schließen. Man muss ja bedenken, was ein gleichbleibendes Budget bedeutet: Wir haben Erhöhungen bei den Gehältern, Inflation etc. Das heißt, wenn das Budget nur gleich bleibt, bedeutet es tatsächlich eine Verminderung der für die Forschung zur Verfügung stehenden Mittel. Selbstverständlich ist für uns die derzeitige Krise auch eine Aufforderung, uns mehr zu fokussieren und zu konsolidieren, denn eines ist durchaus richtig: Die Akademie ist breit aufgestellt, und wir können uns diese Breite einfach nicht mehr leisten. Müssten wir tatsächlich von einem auf das andere Jahr zehn Prozent in der Forschung einsparen, so wären auch unsere großen, international höchst erfolgreichen Wissenschaftseinrichtungen betroffen. Statt unsere Stärken zu stärken, würden wir ins Hintertreffen geraten, denn die anderen Länder, mit denen wir uns gern vergleichen, investieren vermehrt in die Grundlagenforschung, und der Abstand zu ihnen wird somit immer größer. Wie soll man bei uns hochkarätige Wissenschafter halten, wenn z. B. die Max-Planck-Gesellschaft jedes Jahr plus fünf Prozent investiert? Da ist es höchst unfair, von unseren Leuten erstklassige Leistung auf internationalem Niveau zu verlangen, ihnen aber nicht die entsprechenden Finanzmittel zu geben.

STANDARD: Und die Geisteswissenschaften: Sind sie die ersten Opfer der Krise?

Denk: Als Akademie-Präsident betone ich, dass auch die Geisteswissenschaften für unser Land wichtig sind und nicht Opfer der Krise werden dürfen. Es gibt natürlich gewisse geisteswissenschaftliche Projekte, die nicht so spektakulär und öffentlichkeitswirksam sind wie andere aus dem naturwissenschaftlichen oder biomedizinischen Bereich. Wir als Akademie haben aber auch die Aufgabe der Wahrung des kulturellen Erbes. Das ist sehr wichtig. Wissenschaft und Forschung bedeuten Kultur, das darf man nicht übersehen. (Lisa Nimmervoll, STANDARD-Printausgabe, 16./17.7.2011)

HELMUT DENK (71) wurde 1964 "sub auspiciis" an der Uni Wien in Medizin promoviert, forschte und lehrte u. a. an der Mount Sinai School of Medicine (NY) und an der Yale University, war von 1983 bis zu seiner Emeritierung 2008 Vorstand des Instituts für Pathologie der Medizin-Uni Graz. 1991-97 war er Vizepräsident des Wissenschaftsfonds FWF. Seit 1. Juli 2009 ist er Präsident der ÖAW.

  • "Die Geisteswissenschaften dürfen nicht Opfer der Krise werden. Wissenschaft und Forschung bedeuten Kultur", sagt Akademie-Präsident Helmut Denk.
    foto: standard/corn

    "Die Geisteswissenschaften dürfen nicht Opfer der Krise werden. Wissenschaft und Forschung bedeuten Kultur", sagt Akademie-Präsident Helmut Denk.

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