Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?

    15. Juli 2011, 18:11
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    Ich frage mich, was ich mich fragen könnte - Von Andrea Maria Dusl

    Wo die Zukunft geblieben ist, wo der Sommer, wo die Stille, wo die Gerüche, wo die Bienen und wo die Greißler. Alles Fragen, die vor einer verblassen: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?

    Die Zukunft. Was für eine Vision! Sie war das bestimmende Thema meiner Jugend. Sie war schön und klug, und sie leuchtete in tausend Farben. Eben war sie noch da, wollte, dass es uns gutgeht, dass wir am Meer sitzen und in der Trattoria, die Welt verbessern und von den Wundern der verbesserten Welt naschen. Aber wo ist sie jetzt? Wo ist die Zukunft geblieben? Ich möchte sie wieder zurück. Meine Zukunft und die aller anderen auch. Aber sie ist vergangen. Die Banker und Finanzbanditen haben sie auf dem Gewissen. Die Zukunft war ihnen zu endgültig. Sie haben sie gegen das Risiko eingetauscht. Schöne Sache, das Risiko, ungefähr so schön wie die moderne Dauerbeschallung. So schön wie Ladenmucke, Radiobrei und Lüftungsrauschen.

    Ich frage mich, ob ich nach den Gerüchen fragen soll. Also! Wo sind die Gerüche geblieben, die Flüchtigkeit der Dinge? Zuletzt habe ich die Welt gerochen 1994 in New York, in jener Woche, in der sich Kurt Donald Cobain in seinem Haus in Seattle eine dreifache Überdosis Heldensubstanz setzte und eine Ladung Schrot. Kurt Cobain wusste nichts von meinen Geruchserlebnissen und ich nichts von seinem Abgang. Er wusste nicht, wie der süßlich giftige Duft roch, den die Latinoparfums der Pimps und die Putzmittel des Deli-Inders erzeugten, wenn sie vom kochenden Asphalt aufgewallt vor meinem Zimmerfenster tanzten. Und ich wusste nicht, wie es dem Mann an der Gitarre ging, der sich lieber auspusten wollte, als zu erlöschen. So war das '94 im East Village und am anderen Ozean drüben in Seattle, als es noch Gerüche gab und die Gefühle dazu, selbst wenn die einen von den anderen nichts wussten. In einer Welt, in der Logik keine Rolle spielt, in der Welt der Gefühle, war der Tod des Grunge auch der Tod der Gerüche.

    Auch die Bienen sind fort. Warum? Weil es keine Blumen mehr gibt am Land, weil dort nur mehr der Heiligenbergmais steht. Als Windbestäuber macht er den Bienen keinen Spaß. Er riecht nicht einmal, der postcobaine Monsanto-Kukuruz, er ist nicht zukünftig für sie, für die Bienen ist er, wie die Dauerbeschallung für mich. Er ist ihr Risiko, ihre Krise. Das Ende ihrer Zukunft. Und weil nichts mehr riecht, weil nichts mehr riechen darf, nicht einmal das Gift, gibt es auch keine Greißler mehr. Oder umgekehrt: Es gibt keine Greißler mehr, weil sie schon vor dem Ende der Zukunft ums Leben kamen, ausradiert von der Diktatur des Kassenbands. Und weil es keine Greißler gibt, gibt es auch keine Gerüche mehr. Nicht den Geruch von Frufru, das durch verknitterte Aluminiumkappen diffundiert, nicht den brenzligen Knusperhauch heiß gerösteter Fleischlaberlrinde, nicht der Kernseife würzige Ausdünstungen und den erdigen Kellermief speckiger Kipfler. Es gibt nur mehr das Normprodukt und den Regalschluchtenfaschismus. In dieser fleckenlosen Welt herrscht 99 hinter dem Komma, der Geruch aus der Retorte und die Farbe aus der Meinungsforschung. Fauliges riecht frisch. Farbloses leuchtet bunt. Die Zukunft steht still. Und aus den Lautsprechern klagen die Gospelsänger. Wenigstens der Lärm ist ehrlich.

    Was frage ich mich also, wo es keine Fragen mehr gibt? Wo alles beantwortet ist, alles paketiert, alles ins Regal gestellt. Alles von der Agentur geratet, alles mit Risiko versehen.

    Ich befrage meine Sehnsucht, und die Sehnsucht antwortet mir. Die Sehnsucht in mir erinnert sich daran, wie die Zukunft roch, als die Welt noch im Lot war, und sie fragt: Wo sind die offenen Zugfenster geblieben?

    Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Lange und abermals. Stundenlang und oft. In einer Zeit vor dieser, in einer Zeit, in der die Zukunft noch lebte, in einer Zeit, in der jemand, der Visionen hatte, noch nicht zum Arzt geschickt wurde. In einer Zeit, in der die Arbeiterpartei noch nicht von den Bankdirektoren geführt wurde, die Klerikalen noch nicht von den Furchengängern und die Rechten noch nicht von einem Zahnspachtler. In einer Zeit, in der die Freiheit noch lebte und noch nicht zu einer strachen Floskel zerkaut worden war.

    Die offenen Zugfenster. Es gab sie. Ich stand an ihnen. Stundenlang, schloss sie, öffnete sie, je nach Gutdünken. Die Freiheit der Zugfensterei bestand darin, sie öffnen zu können, wann immer die Freiheit danach rief. Es war verboten, sie zu öffnen, sie an ihrem, von vielen Akten der Rebellion glänzendpolierten Griff nach unten zu ziehen, gegen den Widerstand versiffter Führungsschienen. Man musste Kraft aufbringen, geistige Kraft gegen das Verbot, gegen die Gefahr, vom Zugsschaffner oder von anwesenden Windallergikern gestört zu werden, und man musste körperliche Kraft aufbringen. Von allen Schwerarbeiten habe ich das Öffnen der Zugfenster als die höchstlohnende in Erinnerung. Hinter dem offenen Zugfenster wartete die Welt. Gut, man konnte die Welt sehen, durch die Scheiben, aber es war nur die halbe Welt, es war eine Welt ohne Gerüche, ohne die Zukünftigkeit, die der Wind verhieß. Die dicke Wand an Lüften und Düften, die wirbelnd vor den offenen Zugfenstern vorbeizog, war die Wirklichkeit. Der Ort. Der Zug, ob er fuhr oder stillestand, war nur das Versprechen. Das Zugfenster war die Verbindung zwischen hier und dann. Der Zug roch schon nach dem Ankunftsort. Dünstete ihn aus, gab ein paar seiner Geheimnisse preis.

    Zugfenstern war ein Trip

    Wenn es in den Westen ging, zog der wohlig kühle Moder der Buchenwälder in das Abteil, die würzigen Dämpfe saftiger Wiesen, der ölige Geruch von Schrebergartendächern und der scharfe Stachel rostiger Signalanlagen. Es musste leer sein im Abteil, und Sommer im Land, damit die Wirklichkeit ihr Bukett entfalten konnte. Ging es in den Süden, und es ging oft in den Süden, roch die Wirbelwand fetter, die Wiesen, der Rost, der Äther aus den Nadelwäldern. Und das war nur der Anfang. Hinter dem Brenner und nach Tarvis, dort, wo aus Wiener Sicht der Süden sein Versprechen einzulösen begann, wo die Wand aus Wind und Wirbeln nicht mehr kühlte, sondern schon wärmte, am Ende des Kanaltals und in den Südtiroler Tälern, zog die blumige Süße Italiens in die Seele ein.

    Wer die Zugfensterei mit Respekt vor seinen Gefahren betrieb, steckte nur den Kopf hinaus, aber nie einen ganzen Arm. Schon gar nicht nach einem heftigen Regen, wenn die nassen Äste in die Trasse ragten. Ohnedies betrieb der erfahrene Zugfensterer die offene Zugfensterei nur in den vorderen Wagons. Wegen der Toilettengeher und der Fahne ihrer feuchten Hinterlassenschaften, die den Zug begleitete. Und wegen der anderen Zugfensterer. Papierkugeln waren noch die gelindesten Geschoße, die einem an den Kopf fliegen konnten. Einmal, es war auf einer Fahrt nach Genua, sah ich andere Zugfensterer mit der Flobert-Pistole am Zug entlangschießen. Warum, wussten sie vermutlich selbst nicht. Immerhin schossen sie gegen die Fahrtrichtung. Sie waren Trottel, aber als Zugfensterer waren sie Profis.

    Zugfenstern war das Ritual, und es musste geplant werden. Es gelang nur in Abteilen und in den Gängen solche enthaltender Wagons. Es empfahl sich ein Sitzplatz an den Fenstern, die Gegenwart anderer war nicht notwendig, auch nicht opportun. Zugfenstern war ein Trip, den die Seele im Alleingang unternahm. Hitze war der Zugfensterei zuträglich, Hitze förderte sie, wie der Wind das Segeln. Hitze linderte die Nebeneffekte der Zugfensterei: Ohrenentzündungen und Halsschmerzen stellten sich in heißem Fahrtwind weit weniger ein als in kühlem. Im Gegenzug machte offensive Hitze anwesende Mitpassagiere demütig und empfänglich für den kühlenden Wind aus dem weit geöffneten Zugauge.

    War eine Reise gut geplant, nämlich gar nicht, brannte die Sonne vom Himmel und befanden sich die Touristen, Rucksacktramper und Soldaten schon in ihren Quartieren, dann konnte eine Zugfensterei stundenlang dauern. Dann zog der Himmel durch die Seele, rasten die Pinien und die Oleanderwälder durchs Herz, dann schlugen die salzigen Schäume der Wellenkronen ans Gesicht und Bienen, pollenbepackt, im Flug überrascht. Dann wurden dunkle Tunnels zu Fahrten durch die Hölle, dann roch Bremsen nach Eisen und Beschleunigen nach elektrischem Feuer.

    Die längste Zugfensterei führte mich nach Kalabrien. Ich habe sie ausschließlich am Fenster verbracht. 21 Stunden dauerte sie, dreimal stieg ich um, zweimal aß ich, einmal ging ich aufs Klo. Als ich in der glühenden Hitze Sibaris aus dem Trip stieg, hatte ich ein Gesicht aus Stein und Haare aus Holz. In mein Gesicht war ein Lächeln eingemeißelt, sagte man. Das Meer, das gab es damals noch, hat Stein und Holz aus dem Lächeln gewaschen. Damals, als es die Zukunft noch gab. (Andrea Maria Dusl, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 16./17. Juli 2011)

    Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien, studierte zunächst Bühnenbild und Medizin in Wien, sie schreibt und zeichnet seit den 1980er-Jahren für verschiedene österreichische Zeitungen und Magazine. Dusl lebt heute als Filmemacherin, Autorin und Zeichnerin in Wien. Zuletzt erschien ihr Roman "Channel 8" (Residenz Verlag, 2010).

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      Zugfenstern war ein Trip, den die Seele im Alleingang unternahm. Hitze war der Zugfensterei zuträglich, Hitze förderte sie, wie der Wind das Segeln.

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