Mäandern mit Pinienduft im Gesicht

17. Juli 2011, 17:12
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Verirren kann so schön sein, zumal in der Toskana im Sommer, zumal mit der Vespa

Das hier Straße zu nennen wäre eine Übertreibung. Selbst ein Feldweg ist besser befestigt. Dieser, nun ja, "Weg" ist vielmehr eine vom Regen ausgewaschene, mit Steinen übersäte Rinne. Aber leider auch die einzige fahrbare Route hinauf zu Pietramarina, den "Teufelsfelsen". Einem Felsblock mitten in einem Eichenwald, mitten in der Toskana, auf dem Weg zwischen Carmignano und Vinci.

Eine Herausforderung für Fahrer und Gerät. Zweifelsohne wäre eine Motocross-Maschine hier besser am Platz. Aber die Vespa GTS muss das aushalten, schließlich ist sie der modernste Nachfahre jener Ur-Vespa, die ein Produkt der unmittelbaren Nachkriegszeit war. 1946 waren die Straßen bekanntlich auch nicht im besten Zustand.

Jedenfalls ging es damals bei der Vespa in erster Linie um Mobilität, dann die Freude daran und schließlich Freizeit. Das erfährt man in Pontedera, Geburtsort der Vespa und Ausgangspunkt dieses Abenteuers. Im dortigen Museo Piaggio samt angeschlossenem Archivo Storico wird die Entstehungsgeschichte der "Wespe" in all ihren Facetten präsentiert. Aura, Design und gutes Marketing machten die Vespa zu einem Evergreen, zu einer Legende.

Eigentlich war sie ein Verlegenheitsprodukt, aus der Not des italienischen Flugzeug-Fabrikanten Piaggio, der seine Firma nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Laufen bringen wollte, heraus geboren. Insgesamt, heißt es, sollen Entwurf und Konstruktion der Ur-Vespa 1946 nicht mehr als sieben Wochen in Anspruch genommen haben.

Nach Pontedera darf man mit einer alten Vespa gar nicht hinein - Stinker, die noch keinerlei Abgasnorm erfüllen, dürfen nicht ins Stadtzentrum. Das gilt übrigens auch für viele andere Städte der Toskana, Florenz und Pisa zum Beispiel. Mit den neuen Vespas wie der GTS, mit automatischer Gangschaltung und Viertakt-Motor, Baujahr 2009, ist das aber kein Problem.

Auf der Strada Statale 67 Tosco Romagnola (SS 67) geht's in Richtung Zielort: Carmignano. Dort befindet sich das Basislager, La Borriana, ein ehemaliger Bauernhof. Vom bäuerlichen Charakter zeugt nur noch die Stein-Architektur, die darin befindlichen Ferienwohnungen sind ganz auf Agriturismo ausgerichtet. Im Pool schwimmt man quasi mitten im Weingarten. Das Ziel ist bekannt, nur den Weg von Pontedera dorthin zu finden nicht so einfach. Die SS 67 nimmt an manchen Abschnitten regionale Straßennamen an, die zahlreichen Kreisverkehre tun ihr Übriges. So passiert es, dass man sich verfährt und in San Miniato landet. Das Städtchen hoch oben auf einem Hügel ist Mitglied der "Cittaslow", einer 1999 in Italien gegründeten Bewegung zur Entschleunigung und Erhöhung der Lebensqualität in Städten.

Von weitem ist der "Turm Friedrichs II." ("Torre di Federico II") zu sehen. Es ist der einzige größere Rest der Burg des Stauferkaisers Friedrichs II. und gibt der Stadt ihre typische Silhouette. Zwischen Palästen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert liegt die historische Piazza Bonaparte. Hier lässt es sich gut rasten. Vor allem weil man hier auch sehr gut essen kann. Und das, obwohl Wirt Michele anfangs gar nicht begeistert ist von den späten Gästen. Aber nach ein bisschen Betteln und mitleiderregend Dreinschaun, sagt er: "Na gut, der Ofen ist eh noch warm." Er serviert toskanisches Weißbrot mit Olivenöl und Meersalz. Dieses Weißbrot schmeckt nach nichts, nur in Kombination mit Öl und Salz entfaltet es sein Aroma. Danach Caprese und dann Ravioli, gefüllt mit Ricotta und Spargel, dazu ein Ragú, dessen Zusammensetzung nicht ganz eindeutig ist, aber ausgezeichnet schmeckt. "Was ist das?" "Hasenleber", klärt der kleine dickliche Endvierziger die Touristen auf. Noch ein Espresso, und weiter geht's.

Eine Ausfahrt mit der Vespa kann man nicht mit einer Autofahrt vergleichen. Man ist viel näher an der Natur. Die Sonne bräunt Arme und Gesicht, man schmeckt den feucht-modrigen Boden der Eichen- und Pinienwälder, spürt den Fahrtwind und jede Kurve, jeden Temperaturunterschied. Riecht Blumen und Bäume. Eidechsen tragen ihre Revierkämpfe am Straßenrand aus. All das würde einem entgehen, säße man hinter dem Steuer eines Autos.

Einmal links abbiegen statt rechts, und schon ist man auf der herrlichsten Straße, die hinauf mäandert in die Hügel und Wälder. Der Sonnenschein erhellt ein Panorama, das es nur hier gibt: mit Steinmauern begrenzte Terrassen mit Olivenbäumen, wohlgeordnete Reihen von Weinstöcken, kerzengerade in die Luft ragende Zypressen, dazwischen immer wieder ausgedehnte Wälder und rot-gelbe Häuschen mit ziegelroten Terracotta-Dächern. Der Fahrtwind mildert die Hitze. Immer wieder begegnet man Gruppen von Radfahrern in bunten Rennfahrer-Dressen, hie und da ist auch ein Mountainbiker dabei, der sich die Straße hinaufquält.

Mit Gegenverkehr muss auch auf dem "Weg" hinauf zum Teufelsfelsen nicht gerechnet werden. Mit der richtigen Dosis Gas geht es Meter für Meter weiter. Geschafft. Was man nicht alles tut, für ein einen guten Aussichtspunkt: Vom Felsblock aus hat man an schönen Tagen einen Blick bis ans Meer. Man sieht die Hügel von Fiesole, Monte Morello, Artimino und Volterra. Und auf der anderen Seite der Alpen, die tyrrhenische Küste, und an Tagen mit ganz klarer Luft, die Insel Gorgona. Reste von Lagerfeuern, leere Weinflaschen und diverse Gravuren im Felsen zeugen davon, dass manche nicht nur hierherkommen, um die Aussicht zu genießen. Ob von daher der teuflische Name stammt? (Markus Böhm/DER STANDARD/Printausgabe/16.07.2011)

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