Leichtfußflüsterästhet

15. Juli 2011, 16:50
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Der neue A6 erreicht ein fast schon bedenkliches Niveau an Perfektion. Im STANDARD-Test der maximale Diesel: 3,0 TDI quattro

Ein Auto wie ein Boss-Anzug. Passt perfekt. Ungschaut. Von Generation zu Generation mehr trifft diese Charakterisierung auf den früheren Audi 100 zu, der seit 1994 A6 heißt. Diese Limousine ist Geschäftsmanns Liebling, aber eben nicht nur. Anders wäre kaum zu erklären, warum die Ingolstädter von der Baureihe seit 1968 - der erste 100er, ein echter Biedermann, erschien rechtzeitig zur Studentenrevolte, heute sind 68er Establishment und fahren gern A6 - über 7.000.000, in Worten: sieben Millionen, Autos verkauften.

Die Neuauflage trägt alle Anzeichen, der Vorgänger Ruhm noch zu mehren. Dabei fassten wir den A6 als 3,0 TDI mit 245 PS aus. Wegen mächtiger 500 Nm Drehmoment mit quattro, Traktion trifft Tradition, legendärer Allrad des Hauses, das kann man einem Fronttriebler ja nicht zumuten.

Dass der A6 kein Säufer ist, sondern sich trotz unbändiger Kraft im Testbetrieb mit knapp über 7,0 l/100 km begnügte, liegt auch am Leichtbau. Zwar besteht die Karosserie nicht, wie das Flaggschiff A8, komplett, aber zu 20 Prozent aus Alu. Und so fährt sich der A6 denn auch: wie ein Leichtfußflüsterästhet. Übrigens: Entgegen üblicher Usancen schrumpfte der A6 gegenüber dem Vorgänger 12 mm, also ein Fingerbreit. Fahrwerk, Handling? Souverän, was soll man schon sagen. Und die Lenkung erreicht fast schon BMW-Präzision.

Außen wie innen ist das eine bildschöne, klassisch-elegante Limousine - stilistisch wagemutigeren Kunden empfiehlt das Haus den A7. Im A6 erstaunt das psychologische Kalkül, das also, was er unterschwellig vermittelt: Tradition freit Fortschritt. Man ertappt sich dabei, wie man zärtlich über das wunderbare Eschemaserholz streichelt. Vermutlich hergestellt von einer Manufaktur, die sich bis ins Mittelalter zurücktradieren lässt, vielleicht im 16. Jahrhundert Holz für Dürers Tafelbilder lieferte. Jedenfalls, das riecht nach Heimat, Geborgenheit, und das trifft auch auf die anderen lebendigen Materialien, Leder etwa, zu, und auf die Liebe zum Detail. Effekt: Entschleunigung in hektischer Zeit. Dass dann so viel Technik wie heute irgend möglich drin ist respektive sich per Aufpreisliste reinpacken lässt, ist eben kein Widerspruch, sondern der andere Teil des Audi-Markenkerns.

Insgesamt ist der A6 von fast beängstigender Perfektion. In dem Auto scheut man vor keiner Langstrecke zurück, Wien-Hamburg etwa oder nach Kalabrien. Nur die Griechen suchen wir heuer nicht auf. Könnte sein, die fackeln ein deutsches Auto dieses Formats umgehend ab. Wenn man sich was wünschen dürfte? A6 mit Heckantrieb. Das wär ja noch schöner ... (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/15.07.2011)

  • Beim A6 sitzt jede Falte. Das und die (technischen) Inhalte machen die beliebte Business- Limousine konkurrenz- fähig wie nur was. Außerdem wurde er leichter, sparsamer und ein bisserl kürzer als der Vorgänger.
    foto: fischer

    Beim A6 sitzt jede Falte. Das und die (technischen) Inhalte machen die beliebte Business- Limousine konkurrenz- fähig wie nur was. Außerdem wurde er leichter, sparsamer und ein bisserl kürzer als der Vorgänger.

  • Audi ist auf dem Holzweg, und das ist nicht nur gut, sondern auch schön so: Einlagen aus Eschemaserholz.
    foto: fischer

    Audi ist auf dem Holzweg, und das ist nicht nur gut, sondern auch schön so: Einlagen aus Eschemaserholz.

  • Link: Audi
    grafik: der standard

    Link: Audi

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