Die Eurozone ist nicht zu retten

Interview15. Juli 2011, 09:00
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Münchner Ökonom sieht schwarz für die Währungsunion und fürchtet europaweiten "sozialistischen Umverteilungszirkus"

Irland, Griechenland und die USA: Abstufung oder drohendes Downgrading haben die Märkte diese Woche in Atem gehalten. Wer auf wackeligeren Beinen steht und warum seiner Meinung nach die Eurozone nicht zu retten ist, erklärt der Münchner Ökonom Gerald Mann im Interview.

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derStandard.at: Als einer der wichtigsten Gründe für die nun recht hartnäckig anhaltende Krise in der Eurozone wird der Vertrauensverlust genannt. Ihre Assoziationen zum Wort Vertrauenskrise?

Gerald Mann: Hochkomplexe arbeitsteilige Volkswirtschaften funktionieren nur, wenn die Akteure, also Haushalte und Unternehmen, ausreichend Vertrauen in ihr Funktionieren haben. Geld ermöglicht den einfachen Gütertausch und damit die hochgradige Arbeitsteilung. Wir haben heute Papiergeld, das vom Staat gesetzlich verordnet ist und keinen inneren Wert hat. Wenn nun Staaten in finanzielle Schwierigkeiten geraten, gerät auch das Geldsystem ins Wanken. Das Vertrauen schwindet schon jetzt, wie die über die Jahre hinweg steigenden Edelmetallpreise zeigen.

derStandard.at: Haben wir nun eine Eurokrise?

Mann: Viele sagen, wir haben keine Euro-, sondern eine Staatsschuldenkrise. Das ist zunächst auch richtig. Nur, wenn nach Griechenland, Irland und Portugal weitere Eurostaaten sich am Kapitalmarkt nicht mehr refinanzieren können, dann wird es auch für den Euro als Währung kritisch. Stabiles Papiergeld kann es nur bei soliden Staatsfinanzen geben. 

derStandard.at: Viele Ihrer Kollegen wollen Griechenland aus der Eurozone haben. Jetzt gäbe es da ja mit Portugal, Irland und Italien noch andere Kandidaten oder wird Ihr Vorschlag, Österreich und Deutschland raus aus der Eurozone realistischer?

Mann: Bei je mehr "Peripherie-Länder" die Schwierigkeiten an den Anleihemärkten offenkundig werden, desto attraktiver wird mein Vorschlag eines Ausstiegs für Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland. Noch steht europapolitische Korrektheit dagegen. Vielleicht wäre man noch einmal froh, man hätte die Eurozone rechtzeitig in zwei relativ homogene Zonen aufgesplittet. Denn je länger man die Stunde der Wahrheit hinausschiebt, desto stärker werden der unvermeidbare Knall und damit die Kräfte, die eine völlige Re-Nationalisierung zumindest der Geldpolitik fordern. 

derStandard.at: Griechenland bekommt ein zweites Hilfspaket. Eine zweite Hilfstranche für Irland (das ja eben auch auf Ramsch gestuft wurde) würde sich wohl auch ausgehen oder?

Mann: Griechenland, Irland und Portugal machen zusammen etwa sechs Prozent des BIPs der Eurozone aus. Diese drei Länder kann man "sehr lange retten". Aber für Italien kann angesichts von 1,8 Billionen Schulden kein glaubwürdiges Paket geschnürt werden.

derStandard.at: Wird Italien Hilfe brauchen oder reicht das Sparpaket?

Mann: Auf Dauer reicht das Sparpaket nicht. Auch für Italien gilt: Seine Wettbewerbsfähigkeit ist zu gering und seine Schulden sind zu hoch. Beides muss gelöst werden, damit Italien wieder auf eine gute Spur kommt. Auch diesem Land hat der Euro Wettbewerbsfähigkeit gekostet.

derStandard.at: Nun sind sich Europa und die USA ja überhaupt nicht einig in der Einschätzung, wer schwerer verschuldet ist bzw. wer derzeit auf wackeligeren Beinen steht. Ihre Meinung dazu?

Mann: Vom Schuldenstand gemessen am BIP steht die Eurozone leicht besser da als die USA. Wichtig ist aber auch, wie viel Prozent der Staatsverschuldung im Ausland liegen. Und hier haben die USA einen Vorteil, weil ein wesentlich größerer Teil ihrer Schulden von Ausländern gehalten wird. Das heißt, die USA haben unter anderem die Möglichkeit, ihr Schuldenproblem durch Inflationieren des Dollars zu einem gewichtigen Teil auf das Ausland, insbesondere Ostasien, abzuwälzen. Und nachdem in USA die privaten Haushalte weit stärker verschuldet sind als im Schnitt der Eurozone, wird der innenpolitische Widerstand gegen eine Inflationierung der Staatsschulden in USA geringer sein als bei uns.

derStandard.at: Nach all den Reformbemühungen und Vorschlägen (Stresstests für Banken; Europäische Rating-Agenur, Europäische Wirtschaftsregierung, Neuer Rettungsschirm...): Gibt es etwas, das Ihnen lang- oder kurzfristig zur "Rettung" der Eurozone unabdingbar erscheint und abgeht?

Mann: So wie die Eurozone angelegt ist und - noch gewichtiger - wie die Politik mit ihr entgegen den eigenen ursprünglichen Versprechen und Vertragsinhalten (v.a. keine Solidarhaftung, keine Finanzierung von Mitgliedsländern durch die EZB) umgeht, ist sie nicht zu retten. Außer man führt einen europaweiten sozialistischen Umverteilungszirkus analog dem deutschen "Länderfinanzausgleich" ein. Dieser setzt geradezu Anreize, auf Kosten anderer zu leben. Die ordentlich wirtschaftenden Länder müssten dann noch mehr Transfers an die Pleitestaaten leisten. Gute Nacht Europa! (Regina Bruckner, derStandard.at, 15.7.2011)

Der Münchner Volkswirt Gerald Mann, lehrt an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management. Er nennt die Vorgänge rund um die Griechenland-Rettung lakonisch "Konkursverschleppung".

  • Gute Nacht Europa: Gerald Mann ist nicht gerade zuversichtlich
    foto: fom

    Gute Nacht Europa: Gerald Mann ist nicht gerade zuversichtlich

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    Die Spannung ist dieser Tage nicht nur in der Eurozone nicht zu überbieten - während die einen zu wenig Solidardität mit den Wackelkandidaten sehen, geht das anderen alles schon viel zu weit.

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