Die Hungerkrise am Horn von Afrika spitzt sich zu – Die Uno sammelt Geld, die Frage seiner Nutzung ist umstritten
Dadaab/Wien - Die Lage im Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab spitzt sich wegen der Dürre in Somalia, Teilen Äthiopiens und Kenias zu. Derzeit befinden sich nach Angaben von Hilfsorganisationen in dem auf 90.000 Personen ausgelegten Lager 370.000 Menschen. Care berichtet von einer Zunahme sexueller Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen.
Täglich treffen rund 1500 neue Flüchtlinge in Dadaab ein, unter ihnen haben Ärzte ohne Grenzen und das Rote Kreuz eine alarmierend hohe Rate schwerer Mangelernährung festgestellt; vor allem Kinder sind betroffen. Nach UN-Angaben benötigen mehr als elf Millionen Menschen Hilfe.
"Namhafte Summe" von Österreich
Österreich hat Soforthilfe gegen die schlimmste Dürre am Horn von Afrika seit 60 Jahren zugesichert - eine "namhafte Summe", wie es am Donnerstag aus dem Außenministerium hieß. Damit kommt man auch dem Aufruf von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nach, der diese Woche die Staatengemeinschaft zu Spenden gedrängt hatte. Umgerechnet 1,1 Milliarden Euro benötige man für Hilfe und Projekte am Horn von Afrika, erhalten habe man bisher nur etwa die Hälfte.
Allerdings: Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass in den vergangenen Jahren durchaus einiges an Geld in die Region geflossen ist. Die Frage ist nur, was damit gemacht wurde.
1,8 Milliarden Euro für Somalia
Beim Entwicklungshilfe-Komitee der OECD sammelt man die Daten über die Spendenflüsse der Industriestaaten. Allein Somalia erhielt demnach in den Jahren 2005 bis 2009 (aus dem die aktuellsten Daten abrufbar sind) insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Schuldennachlässe sind darin inkludiert, private Spenden nicht.
Die Vereinten Nationen verteilten im Vorjahr 287 Millionen Euro Spendengelder in Somalia, stellt Vannina Maestracci aus dem UN-Hauptquartier in New York fest. Der größte Anteil, 183 Millionen Euro, ging in den Bereich "Food Assistance", dem Verteilen von Nahrung. Das Problem dabei: In den Bereich Landwirtschaftsentwicklung wurden lediglich 13 Millionen Dollar investiert.
900.000 Euro für Journalisten
Ähnlich die Situation in der Europäischen Union. 212 Millionen Euro werden zwischen 2008 und 2013 in Somalia investiert, rechnet Catherine Ray von der EU Kommission vor. Laut dem Leistungsbericht von 2010 flossen in den Bereich "Wirtschaftliche Entwicklung und Nahrungsmittelsicherheit" 48 Millionen Euro. Allerdings: Für politische Entwicklung und Sicherheitsagenden wurden 52 Millionen ausgegeben. Darunter beispielsweise knapp 900.000 Euro für zwei Projekte für Journalistenausbildung, fünf Millionen bekam das "Somali Constitution Making Support Project."
Für Franz Küberl, Direktor der Caritas Österreich, ein Ungleichgewicht. "Natürlich ist demokratiepolitische Entwicklung wichtig, dass soll man nicht gegeneinander ausspielen. Aber die dort vorherrschende kleinteilige Landwirtschaft wird viel zu wenig gefördert." Man plane zu gerne am grünen Tisch und nicht mit den Betroffenen, kritisiert er.
Es gäbe Projekte, auch seiner Organisation, die nachhaltig für die Ernährungssicherheit sorgen. Ohne diese wäre die Situation noch viel schlimmer. Aber die Strategie der Uno sei "vorsichtig ausgedrückt noch ausbaufähig". (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)