Bures und Vassilakou präsentierten Leitfaden - Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht
Wien - Jede zweite Autofahrt in Wien ist nicht länger als fünf
Kilometer. Für die Wiener Verkehrs- und Planungsstadträtin Maria
Vassilakou (Grüne) gibt es daher ein großes Potenzial, diese kurzen
Autofahrten durch das Rad zu ersetzen.
Um ein Umdenken in Gang zu bringen, präsentierte sie am Donnerstag
gemeinsam mit Verkehrsministerin Doris Bures (SP) einen Leitfaden zum
Ausbau des Radverkehrs. In den 95 Vorschlägen ist für die Gemeinden der
finanzielle und administrative Aufwand angeführt. "Effektive
Radförderung muss nicht kostenintensiv sein", sagte Bures. So könnten
mit einem Budget von 50.000 Euro etwa 6,5 Kilometer Fahrradstreifen
markiert, 50 überdachte und beleuchtete Abstellplätze errichtet oder 300
Meter an Radwegen gebaut werden.
Neues Radler-Gesetz
Laut Vassilakou könnten diese in Wien allerdings ohnehin nicht
ausreichend realisiert werden. Sie plädiert daher für eine "sinnvolle
Entflechtung" der bestehenden Regelungen, etwa mit der Aufhebung der
Radwegbenutzungspflicht. Stattdessen sollen mehr Fahrradstreifen
entstehen. Bures bestätigte Gespräche hierzu mit dem Koalitionspartner
ÖVP. Eine gesetzliche Neuregelung soll in absehbarer Zeit verankert
werden, stellte die Infrastrukturministerin in Aussicht.
Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) begrüßte den Vorstoß, der das
Radfahren "sicherer und attraktiver" mache. Ohnehin hätten die
Österreicher einiges aufzuholen, denn in Dänemark und den Niederlanden
wird pro Person rund fünfmal so viel in die Pedale getreten. Der VCÖ
schlägt eine bundesweite Radverkehrsoffensive nach dem Vorbild
Vorarlbergs vor, das zum sechsten Mal in Folge zum
"radfahrfreundlichsten Bundesland" gekürt wurde. Rund 300.000 Tonnen an
CO2-Emissionen des Verkehrs sollen damit eingedämmt werden können.
VCÖ-Experte Martin Blum: "In Bregenz werden 19 Prozent der Alltagswege
mit dem Fahrrad gefahren. Das ist um ein Vielfaches mehr als das etwa in
Wien der Fall ist." Besonders das Tempolimit 30, verkehrsberuhigte Zonen
und die Öffnung von Einbahnen würden dazu beitragen, öfter das Auto
gegen das Rad einzutauschen.
In Graz wurde der Radverkehr bereits vielfach in den normalen Verkehr
integriert, die steirische Stadt wurde auch zur Radhauptstadt 2011 vor
Salzburg und Bregenz gewählt. Im Jahr 2009 wurden in Österreich 1,9
Milliarden Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Um diese Zahl zu
steigern, stellt das Ministerium einen mit 1,9 Millionen Euro dotierten
Fonds zur Verfügung. (ifb, DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)