Mladic-Fahnen zum Gedenken an serbische Opfer

Reportage14. Juli 2011, 15:14
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Trauerfeier für die serbischen Opfer des Kriegs in der Region an der Drina wird politisch missbraucht

Vor der Kirche in Kravica in der Nähe von Srebrenica werden am Festtag von St.Peter und Paul Ikonen versteigert. "Zum ersten, zum zweiten, zum dritten", sagt der Priester. Die Fahnen mit dem Heiligen Peter und Paul gehen um 250 Euro an den Meistbietenden, auch der Heilige Nikola ist 200 Euro wert. Der Geldspender darf danach mit dem Priester und der versammelten Gemeinde dreimal um die weiße Kirche am Berg gehen und den Heiligen Peter und Paul tragen. Sonst nichts. Doch St. Peter und Paul ist nicht nur ein hoher serbischer Festtag, sondern auch der Tag, an dem die serbische Bevölkerung in Kravica und anderen Orten jener gedenken, die im Krieg von bosniakischen Soldaten getötet wurden. Und der 12. Juli ist der Tag nach den großen Gedenkfeiern zum Genozid an den Bosniaken in Potocari, nahe von Srebrenica.

Die Opferzahlen auf der serbischen Seite sind umstritten.Laut den bosnisch-serbischen Angaben, die auf einem roten Plakat am Friedhof von Bratunac angeführt werden, wurden von bosniakischen Soldaten zwischen 1992 und 1995 in der Region an der Drina 3276 Serben getötet, serbische Soldaten mit eingerechnet. Laut dem Research und Dokumentationszentrum in Sarajevo kamen 119 Zivilisten und 424 Soldaten in der Gemeinde von Bratunac ums Leben. Jedenfalls fühlen sich viele Serben hier in der Gegend ungerecht behandelt, weil diese Toten und ihr Leid nicht die Anerkennung erhalten, wie die Opfer des Genozids an den Bosniaken.

Versöhnliche Töne

Bischof Vasilije, der heute nach Kravica gekommen ist, gibt sich versöhnlich. Er warnt vor falsch verstandenem Serbentum und plädiert für die Liebe, die so groß sein soll, dass sie die Feinde schwächt. Allerdings kündigt er an, dass aus der noch nicht fertig gebauten Kirche über den Hügeln von Potočari, wo tausende Opfer des Genozids an den Bosniaken begraben sind, ein serbisch-orthodoxes Kloster werden soll. Das ist in dem aufgeheizt ethnisierten Klima in Ostbosnien wie eine Kampfansage. Drei Männer singen schöne Kirchenlieder. Der Bischof bricht das Brot und verteilt Weihwasser auf die Köpfe der Kirchenbesucher. Draussen stehen Jahrmarktbuden, man kann Stoffhasen schießen, Plastikschwerter kaufen, aus dem Bierzelt kommt Volksmusik. Der Bischof muss weiter nach Bratunac, dem Nachbarort von Srebrenica. Dort findet am Friedhof die große Gedenkfeier für die serbischen Opfer des Bosnien-Kiregs statt. Gekommen sind Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der EU-Polizeimission (EUPM) und der serbische und russische Botschafter.

Politische Zwecke

"Das Leid der Mütter und Schwestern ist gleich groß, egal welcher Ethnizität die Opfer angehören", sagt der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, der ebenfalls gekommen ist. Den Rest seiner Redezeit verwendet er dafür gegen das gesamtstaatlichen Gericht zu wettern, zu betonen, wie ungerecht es sei, dass jene, die Verbrechen an Serben begangen haben, nicht verurteilt würden, die Republika Srpska zu loben ("Wir lieben die RS", "Die RS wird immer stärker und stärker") und zu beteuern, dass der Frieden in Bosnien-Herzegowina von dem Erhalt der RS abhänge. Sonst erginge es den Serben hier wie im Kosovo. Applaus. Die Trauerfeier für die Opfer wird für politische Zwecke ausgenutzt. Echte Anteilnahme und Trauer sieht man höchstens an den Gräbern, an denen Frauen Blumen niederlegen.

Weiter unten am Friedhof schwingen zwei Männer große Fahnen, auf denen die beiden Haager Angeklagten Vojislav Šešelj und Ratko Mladić zu sehen sind. Die Trauerfeier wird an dieser Stelle zur politischen Propagandaveranstaltung für Ratko Mladić, der wegen des Genozids an 8000 Muslimen angeklagt ist. Der Genozid ereignete sich ganz in der Nähe von Bratunac. Die Männer, die die Fahnen schwingen, sind aus Serbien gekommen. Sie haben Dienstpässe, demnach dürfte es sich um serbische Beamte handeln. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 14.7.2011)

  • Die Trauer um die Angehörigen, ...
    foto: wölfl

    Die Trauer um die Angehörigen, ...

  • ... wird von einigen für politische Slogans missbraucht.
    foto: wölfl

    ... wird von einigen für politische Slogans missbraucht.

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