Verfahrensmängel und Einschüchterungsversuche

14. Juli 2011, 13:39
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    foto: johnny erling

    Ai Weiwei in seinem Atelieranwesen am 13. Juli

Während sich Ai Weiwei weiterhin nicht öffentlich äußern darf, wird Kritik an der Anklage laut

Ai Weiwei steht im Hof seines Ateliers. Er zuckt bedauernd die Schulter, so als ob er sagen will: "Ich bin hier nicht mehr der Hausherr." Am Abend zuvor wurde ein Interview für den nächsten Morgen um neun Uhr vereinbart, um über Kunst zu sprechen. Über andere Themen darf er nicht sprechen. Über seine Arbeit zu sprechen, sagt Ai Weiwei, sollte jedoch kein Problem sein. Kurz vor neun Uhr in seinem Atelier stellt sich heraus, dass es doch ein Problem ist. Die Polizei habe ihn schon kontaktiert. Sie wollte auch um neun Uhr kommen. Kontakte mit Journalisten seien ihm untersagt, seit er auf Kaution aus seiner Haft entlassen wurde. Selbst wenn es nur um Kunst geht.

Am 30. März, vier Tage vor seiner Festnahme, hatte Ai Weiwei beim letztmaligen Treffen über seine Pläne berichtet. Er wolle sich ein Atelier in Berlin als zweites künstlerisches Standbein suchen. Er erzählte begeistert von seinen Vorbereitungen, im Herbst erstmals auch auf Taiwan auszustellen. Daraus wird nun nichts. Er darf Peking nicht verlassen. Man sieht Ai Weiwei an, dass er zwölf Kilo in den 80 Tagen seiner Beugehaft abgenommen hat. Er bringt mich bis zur Tür. "Ich bin dabei, mich zu erholen."

Der mutige Anwalt Liu Xiaoyuan informiert, wie es weitergeht. Er kündigt auf seinem Mikroblog an, dass am Donnerstag der erste Akt im Wirtschaftsverfahren beginnt. Die Pekinger Steuerbehörde hat unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Anhörung angesetzt, ob die von ihr beschuldigte Vermarktungsgesellschaft für Ai Weiweis Kunst, die Beijing FakeKulturentwicklung GmbH, massiv Steuern hinterzogen hat. Eingetragene Besitzerin der Designfirma ist Ais Frau Lu Qing, die auch bei der Anhörung dabei ist.

Die Anklage wirkt zurechtgeschustert. Anwalt Pu Zhijiang von der Pekinger Kanzlei Huayi, die Fake vertritt, zählt auf, was alles nicht stimmt. Die Steuerbehörde habe Quittungen und andere Belege, die aus den polizeilichen Bürodurchsuchungen bei Fake stammen, vor der Anhörung weder den Anwälten noch Frau Lu Qing verfügbar gemacht. Zudem kann sie all ihre Beweismittel nur in Form von Kopien vorlegen. "Aber ohne die Originale zu sehen, können wir nicht die Richtigkeit überprüfen." Die Anwälte können daher auch keine Summen nennen, um die es bei den Steuervorwürfen geht.

Befürchtungen, dass Peking am regimekritischen Künstler Ai Weiwei ein politisches Exempel zur Abschreckung anderer statuieren lässt, waren von Anfang an auch in China laut geworden. Bisher ist keine Anklage gegen ihn erhoben worden. In Mikroblogs kursieren angebliche Forderungen der Behörden an Fake. Das Unternehmen soll für die vergangenen zehn Jahre fünf Millionen Yuan (550.000 Euro) an Steuern nachzahlen und dazu noch eine Geldbuße von weiteren sieben Mio. Yuan berappen. Strafrechtlich gravierender wäre, wenn es stimmt, dass Steuerbeweismaterial vorsätzlich vernichtet wurde, wie die Staatsagentur Xinhua pauschal behauptete.

Unerschrockene Anwälte wie Liu Xiaoyuan, der die Öffentlichkeit über Ai Weiweis Lage informiert hat, wartet seit zwei Wochen auf seine neue Lizenz als Anwalt, die jährlich zwischen 25. Mai und 30. Juni verlängert werden muss. Der 81-jährige Experte für chinesisches Recht, Jerome A. Cohen, stellt jetzt in Foreign Policy einen Rückschlag für das Rechtswesen Chinas fest. In den vergangenen Monaten seien "mehrere hundert Anwälte" von der Polizei eingeschüchtert worden.

Pekings Behörden würden sich die kleine Gruppe von auf Sozial- und Menschenrechtsfälle spezialisierten Anwälte bewusst vorknöpfen. Neben Dissidenten oder Künstler-Aktivisten wie Ai Weiwei würden sie diese mit brutalen Mitteln disziplinieren. Sie setzten sich mit ihren Übergriffen über die eigenen chinesischen Gesetze hinweg.  (Johnny Erling aus Peking / DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)

Siehe dazu:
15 Tonnen Diskussionsstoff und noch mehr
Im Kunsthaus Bregenz wird am Freitag die Ausstellung "Ai Weiwei. Art/Architecture" eröffnet. Gezeigt werden Bauprojekte des chinesischen Künstlers.

cupertino
00
15.7.2011, 09:20
lady weiwei der kunst

hat jemand im forum eine *qualifizierte* meinung warum der weiwei so eine ausnahmepersoenlichkeit sein soll? seine 1e8 in sklavenarbeit handlackierten tonkoernchen in der tate modern haben mich ja nicht recht beieindruckt.

mir kommt das alles recht kuenstlich vor, vor allem die aufregung um sein verschwinden. was nun, wenn der gute herr wirklich steuern hinterzogen hat? (bei seinem verhaeltnismaessig ueberdurchschnittlichen einkommen durchaus vorstellbar).

Hardcoreboson
01
15.7.2011, 16:59
'sehr kuenstlich'

also so weit ich weis ist er schon ein sehr anerkannter kuenstler. und das er das bird-nest fuer das regime sogar mitgestaltet hat, zeigt, das es durchaus auch innerhalb chinas erkannt wird(wurde).

die sache mit derm 'verschwinden' da sollten sie gelinde gesagt das maul halten. das war ja kein promotion gag, sondern ist leider noch immer realitaet in china. traurig ist eher das es im westen normalerweise keine schlagzeile wert ist, wenn z.b. ein gewerkschaftsfuehrer von der bildflaeche verschwindet.

in china ist stuerhinterziehung auch ueberhaupt kein problem wenn man nur regimekonform agiert. schmiert man halt ein bisl den zustaendigen beamten. genau das macht die anklage ja so laecherlich.

cupertino
00
15.7.2011, 16:20
kritik als kunst

in oe kenne ich tausende regimekritiker. nicht jeder kriegt eine gastprofessur. was ist da los?

ciciban
00
15.7.2011, 15:53

Über Ai Weiwei als Künstler gibt es eine Sondernummer von Du. http://tinyurl.com/62jyc2v . Daraus geht hervor, warum die chinesiche Regierung sich von ihm bedroht fühlt.

Wenn er Steuern hinterzogen hat, ist sind die Aktionen der chinesischen Regierung ziemlich daneben.

Lukas Chen
00
15.7.2011, 15:47
Ai ist beruehmt, weil er ein Regimekritiker ist

Seine Kunstwerke kann man in manchen Bildern in Baidu suchen, alllerdings gefaellt mir solche Kunst auch nicht.
Zum Beispiel, ein Photo von ihm, oben ohne, mit dem englischen Wort :"F--K" geschrieben, die sogenannte "Benehmen-Kunst". Er sollte aber den Entwurf des olympischen Stadion "Bird Nest" in Beijing auch mitgeteilt.

Hardcoreboson
00
15.7.2011, 16:55
naja sind sie ein kunstexperte?

also die behauptung ai wei wei waere 'ausschliesslich' beruehmt weil er ein regimekritker ist, halte ich fuer unqualifiziert. schon alleine der fakt das er vom regime gefragt wurde das bird-nest mitzugestalten spricht ja schon mal dagegen. es ist auch nicht so das jeder regimekritiker unter 'kuenstler' gehandelt wird.

joergipoergi
00
11.8.2011, 15:22

also die Aussage, Ai WeiWei waere aufrgrund seiner "Regimekritik" beruehmt, hat durchaus seine Berechtigung. Zumal er vor dieser Verhaftung in china kaum bekant war. Auch wurde er nicht vom Regime gefragt, das Birdsnest mit zu gestalten, sondern von Herzog & de Meuron.
Ganz abgesehen davon, ist Kunst natuerlich eine aeusserst subjektive Angelegenheit. Ich persoenlich finde seine Kunst recht langweilig und einfach nur sehr dem Geschmack des Westens angepasst.
Aber sie sehen schon, all das fuehrt die Diskussion in die falsche Richtung, die hat mit Kunst naemlich gar nichts zu tun. Es war eine absolut unnoetige, ungerechte und falsche Aktion, Ai einzusperren und zeigte natuerlich die haesslichste Seite der chin. Regierung.

mfg

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