Medienmacher Leo Kirch ist tot

  • Kirch schuf und verlor ein Imperium.
    foto: joerg koch/dapd

    Kirch schuf und verlor ein Imperium.

Kirch brachte den Deutschen Hollywoodfilme ins Fernsehen und führte Pay-TV ein - Aus dem Nichts baute er eines der mächtigsten Medienunternehmen Deutschlands auf - und verlor doch wieder alles

"Herr der Filme" , so hat man Leo Kirch in Deutschland genannt. Sein eigenes Leben hätte ebenfalls genug Stoff für einen Film geboten. Aber von sich selbst wollte Kirch zeit seines Lebens nichts preisgeben. Er gab ungern Interviews, lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von ihm. Zum Mythos trug dies natürlich noch bei.

Dieser beginnt 1956, als sich der Sohn eines fränkischen Winzers im Familienkreis Geld leiht, um sich die Rechte an Fellinis La Strada zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in der jungen Bundesrepublik erst einige Hunderttausend Fernsehgeräte. Kirch aber ist überzeugt: Wenn erst die Massen fernsehen, dann kann man damit richtig gut Geld machen.

Der Filmklassiker La Strada ist nur der Anfang von Europas größter Spielfilmsammlung, die Kirch mit den Jahren zusammenträgt. Am Höhepunkt seiner Karriere hält er die Rechte an 10.000 Filmtiteln und rund 40.000 Stunden Serien. Kirch beliefert zunächst jahrelang die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Vor allem das ZDF ist völlig abhängig ohne eigene Kontakte nach Hollywood.

Auch mit dem ORF macht Kirch hervorragend Geschäfte. Langzeitgeneral Gerd Bacher, der fast einmal ZDF-Chef wurde, ist eng mit Kirch befreundet. Donnerstag erinnerte er an Kirchs "unglaubliche Kreativität und Tatkraft" .

Als Deutschland unter Leo Kirchs engem Freund, Kanzler Helmut Kohl (CDU), Privatfernsehen erlaubt, gründet Kirch 1984 mit mehreren Verlagen den ersten dieser Sender: Sat.1. Nicht sein letzter: Kirch kontrolliert später auch Premiere (heute Sky), ProSieben, Nachrichtensender N 24, DSF (heute Sport 1). Er hält bis zu 40 Prozent am Verlagsriesen Springer (Bild, Die Welt). Sichert sich TV-Rechte für Fußball und Formel 1. "Ich wollte aus einem kleinen Kern organisatorisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern" , sagte er einmal in seltenen Interview.

Sein Milliarden-Imperium mit 10.000 Beschäftigten imponiert vielen. Doch das Unbehagen über seine Macht und seinen Einfluss wächst. Wie mit Kohl ist der Konservative mit Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU, 1993 bis 2007) eng befreundet.

Kirch ist risikofreudig, viele seiner Geschäfte finanziert er auf Pump, die Banken machen jahrelang bereitwillig mit. "Wenn Leo Kirch in Schwierigkeiten kommt, freut sich halb Deutschland" , schreibt der Medienwissenschaftler und SPD-Politiker Peter Glotz 1998 über den "ungeliebten Tycoon" .

Mitte der Neunzigerjahre jedoch beginnt der Abstieg. Kirch überhebt sich beim Bezahlfernsehen, das er als Erster in Deutschland einführt. Anderswo in Europa funktioniert es, in Deutschland nicht. Bei so vielen frei empfangbaren Sendern sehen die Deutschen nicht ein, warum sie für ihre Filme zahlen sollen.

Der Bezahlsender Premiere kostet Kirch viel Geld, da gibt der damalige Chef der Deutschen Bank im Februar 2002 ein Interview, in dem er über Kirchs finanzielle Schwierigkeiten plaudert und dessen weitere Kreditwürdigkeit infrage stellt. Wenig später fordert nicht nur der australische Medienmogul Rupert Murdoch, der 2000 bei Premiere eingestiegen war, sein Geld zurück. Im April ist Kirch pleite, das ganze Geflecht aus 65 Medienfirmen, TV-Sendern und Filmproduktionen bricht zusammen, übrig bleiben 6,5 Milliarden Euro Schulden. Es ist die größte Pleite in der Geschichte Deutschlands. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen" , kommentiert der gläubige Katholik das Aus.

Noch während sein Imperium filetiert und verkauft wird, sinnt Kirch auf Rache. Er ist überzeugt: Breuer hat ihn mit dem Interview in den Ruin getrieben. "Erschossen hat mich der Rolf" , sagt er über Breuer und überzieht die Deutsche Bank mit einer Klagewelle. Zum Teil bekommt er recht, doch abgeschlossen ist die unendliche Geschichte immer noch nicht.

Im März 2011 tritt Kirch, obwohl schwer zuckerkrank und fast blind, noch einmal vor Gericht auf. Doch der Richter muss die Befragung nach 90 Minuten abbrechen. Kirch ist bereits zu erschöpft, um noch zu sprechen. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)

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