Medienmacher Leo Kirch ist tot

14. Juli 2011, 19:16
  • Kirch schuf und verlor ein Imperium.
    foto: joerg koch/dapd

    Kirch schuf und verlor ein Imperium.

Kirch brachte den Deutschen Hollywoodfilme ins Fernsehen und führte Pay-TV ein - Aus dem Nichts baute er eines der mächtigsten Medienunternehmen Deutschlands auf - und verlor doch wieder alles

"Herr der Filme" , so hat man Leo Kirch in Deutschland genannt. Sein eigenes Leben hätte ebenfalls genug Stoff für einen Film geboten. Aber von sich selbst wollte Kirch zeit seines Lebens nichts preisgeben. Er gab ungern Interviews, lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von ihm. Zum Mythos trug dies natürlich noch bei.

Dieser beginnt 1956, als sich der Sohn eines fränkischen Winzers im Familienkreis Geld leiht, um sich die Rechte an Fellinis La Strada zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in der jungen Bundesrepublik erst einige Hunderttausend Fernsehgeräte. Kirch aber ist überzeugt: Wenn erst die Massen fernsehen, dann kann man damit richtig gut Geld machen.

Der Filmklassiker La Strada ist nur der Anfang von Europas größter Spielfilmsammlung, die Kirch mit den Jahren zusammenträgt. Am Höhepunkt seiner Karriere hält er die Rechte an 10.000 Filmtiteln und rund 40.000 Stunden Serien. Kirch beliefert zunächst jahrelang die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Vor allem das ZDF ist völlig abhängig ohne eigene Kontakte nach Hollywood.

Auch mit dem ORF macht Kirch hervorragend Geschäfte. Langzeitgeneral Gerd Bacher, der fast einmal ZDF-Chef wurde, ist eng mit Kirch befreundet. Donnerstag erinnerte er an Kirchs "unglaubliche Kreativität und Tatkraft" .

Als Deutschland unter Leo Kirchs engem Freund, Kanzler Helmut Kohl (CDU), Privatfernsehen erlaubt, gründet Kirch 1984 mit mehreren Verlagen den ersten dieser Sender: Sat.1. Nicht sein letzter: Kirch kontrolliert später auch Premiere (heute Sky), ProSieben, Nachrichtensender N 24, DSF (heute Sport 1). Er hält bis zu 40 Prozent am Verlagsriesen Springer (Bild, Die Welt). Sichert sich TV-Rechte für Fußball und Formel 1. "Ich wollte aus einem kleinen Kern organisatorisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern" , sagte er einmal in seltenen Interview.

Sein Milliarden-Imperium mit 10.000 Beschäftigten imponiert vielen. Doch das Unbehagen über seine Macht und seinen Einfluss wächst. Wie mit Kohl ist der Konservative mit Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU, 1993 bis 2007) eng befreundet.

Kirch ist risikofreudig, viele seiner Geschäfte finanziert er auf Pump, die Banken machen jahrelang bereitwillig mit. "Wenn Leo Kirch in Schwierigkeiten kommt, freut sich halb Deutschland" , schreibt der Medienwissenschaftler und SPD-Politiker Peter Glotz 1998 über den "ungeliebten Tycoon" .

Mitte der Neunzigerjahre jedoch beginnt der Abstieg. Kirch überhebt sich beim Bezahlfernsehen, das er als Erster in Deutschland einführt. Anderswo in Europa funktioniert es, in Deutschland nicht. Bei so vielen frei empfangbaren Sendern sehen die Deutschen nicht ein, warum sie für ihre Filme zahlen sollen.

Der Bezahlsender Premiere kostet Kirch viel Geld, da gibt der damalige Chef der Deutschen Bank im Februar 2002 ein Interview, in dem er über Kirchs finanzielle Schwierigkeiten plaudert und dessen weitere Kreditwürdigkeit infrage stellt. Wenig später fordert nicht nur der australische Medienmogul Rupert Murdoch, der 2000 bei Premiere eingestiegen war, sein Geld zurück. Im April ist Kirch pleite, das ganze Geflecht aus 65 Medienfirmen, TV-Sendern und Filmproduktionen bricht zusammen, übrig bleiben 6,5 Milliarden Euro Schulden. Es ist die größte Pleite in der Geschichte Deutschlands. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen" , kommentiert der gläubige Katholik das Aus.

Noch während sein Imperium filetiert und verkauft wird, sinnt Kirch auf Rache. Er ist überzeugt: Breuer hat ihn mit dem Interview in den Ruin getrieben. "Erschossen hat mich der Rolf" , sagt er über Breuer und überzieht die Deutsche Bank mit einer Klagewelle. Zum Teil bekommt er recht, doch abgeschlossen ist die unendliche Geschichte immer noch nicht.

Im März 2011 tritt Kirch, obwohl schwer zuckerkrank und fast blind, noch einmal vor Gericht auf. Doch der Richter muss die Befragung nach 90 Minuten abbrechen. Kirch ist bereits zu erschöpft, um noch zu sprechen. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)

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Erst DF-1 1996 dann erst Premiere -

gründete Kirch wobei er auf etliche Setupboxen
"d-box1" eben bei DF1 sitzengeblieben ist und dadurch etliches Geld verpulvert wurde. Er wollte somit ein Monopol bei den Sat-Receiverboxen aufbauen. Ähnliches beginnt jetzt mit HD+ bzw. CI+ auch in Österreich. Die Geschichten wiederholen sich halt.
LG
Franz aus Wien

niemand verdient so sehr ein KIRCHliches begräbnis !!!

Seltsam

Traurig für jene, die ihn kannten und mochten – aber was an der Karriere dieses Mannes rechtfertigt eigentlich diese ganzen staatstragenden Nachrufe?
http://misanthrope.blogger.de/stories/1854298/

Leo Kirch

ich kenne mich im mediengeschäft nicht aus, kann mich aber noch an leo kirch's zeit bei premiere world erinnern. zu keiner zeit wurde dieser sender mehr "schwarzgesehen" als zu kirch's zeiten. es war der himmel auf erden.
wer eine offene karte hatte konnte oftmals über ein jahr durchgehend "schwarz" gucken ohne das es technisch unterbunden wurde.

das war damals der grösste volkssport überhaupt.

erst SKY konnte dies einigermaßen unterbinden.

erst otto ...

jetzt leo ...

tja - schlimm.
und andere haben nichts zu essen.

grüße

Ein unersetzlicher Verlust,

für Typen wie Seehofer, Merkel, Srauss, Kohl und was noch so an konservativem Gebretter dazugehört

Schuld sind - wie immer -

die Banken

Das ist wahr.

Trau niemals einer Bank.

Atomic wurde von einer Bank ruiniert als es an den finnischen Konzern verkauft wurde.

kirch

er war ein guter man

Der herr hat's gegeben, der herr hat's genommen

Mit Leo Kirch stirbt einer der letzten Medientycoone.

Wäre aber ohne Franz Josef Strauß nicht denkbar gewesen. Amigos eben.

Pleite durch unfähiges Management

Es war nahezu sagenhaft, welche Leute im Kirch-Konzern Karriere machen konnten

Der Kirch selbst war tüchtig und hatte "den richtigen Riecher", aber als er altersbedingt seinen Laden von "Managern" führen ließ, war das das Todesurteil

Wichtigste Eigenschaft für ihn war Loyalität. Daraus ergab sich eine Massierung unfähiger Jasager, die den Konzern in den Abgrund führten

Ein Lehrbuchbeispiel.

Leo Kirch ist jetzt bei Sky

Leo Kirch ist jetzt bei sky

Leo Kirch - der Gipfel der politischen Inkorrektheit

Besser: Leo Haus, Leo Turm, Leo Stätt

Fuat Sanac schau oba!

der Breuer wird gleich a Meß lesen lassen

Statt seltsam huldvolle Nachrufe

in Postingform zu gießen, empfehle ich den Schönschreibern das Buch von Leo Müller: "Tatort Zürich. Einblicke in die Schattenwelt der internationalen Finanzkriminalität." Und hier das Kapitel: "Patrons - Wie Medienmogul Leo Kirch sein Filmlager leerte."

leo kirch

kirch hat nicht nur vielen menschen chancen und arbeitsplätze gegeben. er war auch immer visionär, der neue trends und techniken genau wusste. wahrscheinlich aber immer viel zu früh, zum zeitpunkt, als sich weder medienmacher noch techniker die weiteren und weitgehenden entwicklungen vorstellen konnte.

Ein Profi der ganz alten Schule.

Gewieft und mit allen Wassern gewaschen schuf er sich ein Imperium. Politische Connections waren für ihn interessant, soweit sie seinen Interessen dienten. Man kann das kritisieren.
Aber: Er gab vielen Menschen Arbeit. Und gar nicht wenige, die heute erfolgreich und europaweit produzieren, haben bei ihm und von ihm gelernt. Kirch stand für ein im deutschsprachigen Raum lange nicht vorhandenes Profitum.
Nicht zuletzt: Er hat Sender wieder und wieder aufgebaut, Geld investiert - und schließlich verloren. Mit jenen Typen, die - auf der Suche nach schneller Rendite - als Heuschrecken Sender übernehmen und diese in den Ruin kaputtsparen, indem sie ihnen die eigenen Investitionen als Schulden anhängen, hatte er wahrlich nichts am Hut.

Dr.Kirch

hat viele hochwertige Filme produziert, die ihre Kosten nie hereinspielen konnten. Also kein "Grippevirus".

ProSieben, Sat.1 und Premiere, da muss er jetzt durch auf dem Weg zu Gott....

bei den vielen Werbepausen ists ein langer Weg hinauf.
Beileid den Hinterbliebenen.

...und alle Ösis schauens fleißig, die bösen Sender...!?!

ein grosser mann

also bin ich der einzige der gutes über leo kirch sagen möchte?? - ohne ihn hätte sich die einführung des deutschen privatfernsehens wohl noch um etliche jahre verzögert.. ohne ihn wären wohl viele serien in deutschland nie gelaufen (love boat, mac gyver, hardcastel&mccormick, usw.., ohne ihn würde es die grandiosen konzertaufnahmen von herbert von karajan aus den 70iger jahren NICHT geben.. - leo kirch war ein grosser visionär

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