Vor dem Sturm Anstiftung zur Rebellion

14. Juli 2011, 10:45
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Ein Online-Archiv mit arabischen Kurzfilmen - Von Bert Rebhandl

Vor einem Gebäude in Tunesien stehen in einer langen Schlange junge Leute an. Sie alle wollen einen Ausreiseantrag stellen, ihren Gesichtern und ihren Körperhaltungen ist aber schon anzusehen, dass sie nicht mit einem positiven Bescheid rechnen. "Refusé!", das Wort, mit ihrem Formulare abgestempelt werden, wird schließlich zum Signal für eine Revolte, von der Walid Mattar, ein 1970 in Tunis geborener junger Filmemacher, in seinem Kurzfilm Abdelkrim's Battleship erzählt. Der Klassiker Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein wird darin zur Vorlage für eine Aktualisierung in einem arabischen Kontext. Auch die berühmte Szene auf der Treppe von Odessa, mit einem Kinderwagen, der außer Kontrolle gerät, wird selbstverständlich nachgestellt.



2003 entstand dieses kleine Experiment mit revolutionärer Ästhetik, es zeigt, wie lange sich schon angekündigt hat, was 2011 im arabischen Frühling Ausdruck gefunden hat. "Wir kämpfen nicht für Geld, wir kämpfen für unsere Träume", rufen die jungen Leute. Es ist dem deutschen Goethe-Institut zu verdanken, dass Abdelkrim's Battleship auch online vorliegt (hier: www.goethe.de/ins/eg/prj/abs/a09/tun/en5363516.htm), und mit ihm noch eine ganze Reihe von weiteren Arab Shorts aus den vergangenen Jahren. Sie wurden jeweils von den regionalen Goethe-Instituten aus dem unabhängingen Filmschaffen ausgewählt, genauer gesagt wurden dafür unabhängige, kompetente lokale Kuratoren bestellt.



So liegt nun eine echte Schatzkammer vor: Filme aus der ganzen Region, von Marokko bis Syrien. Auch Palästina ist vertreten, zum Beispiel mit The Shooter von Ihab Jadallah, in dem die stereotype Bildersprache kritisiert wird, mit der die Medien aus dem Konflikt mit Israel berichten: Ein junger Mann mit zwei Revolvern im Gürteln tritt vor die Kamera und erklärt, dass er nicht länger so tun wolle, als seien alle Palästinenser wie John Wayne.

Interessant ist, dass mehrfach Phantasien der gesellschaftlichen Überwachung auftauchen, zum Beispiel in dem äygptischen Call Center von Mohammed Hammad - ganz so, als wollte das unabhängige Kino in einer Gegenbewegung zu der intensiven Bespitzelung in vielen dieser Länder auf eine andere Weise in die Menschen hineinhören. In beiden Fällen geht es ja darum, das revolutionäre Potential zu entdecken - die Mächtigen, um es zu bekämpfen, die Arab Shorts, um es zu verbreiten.

CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

  • Der 1970 in Tunis geborener Filmemacher Walid Mattar.
    foto: cargo

    Der 1970 in Tunis geborener Filmemacher Walid Mattar.

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