"Die Lichter werden nicht ausgehen"

Interview14. Juli 2011, 10:27
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Atomausstieg wird Deutschland keinen Strommangel bescheren, sagt Energie-Expertin Claudia Kemfert

Standard: Deutschland will bis 2022 aus der Kernkraft aussteigen. Acht abgeschaltete Meiler sollen gar nicht mehr ans Netz gehen. Könnten in der Bundesrepublik bald die Lichter ausgehen?

Kemfert: Nein, die Lichter werden in Deutschland nicht ausgehen. Wir haben in der Vergangenheit mehr Strom produziert als verbraucht, durch diesen Überschuss konnten wir also kräftig exportieren. Acht Atomkraftwerke sind derzeit nicht am Netz, und wir haben noch ausreichend Strom. Allerdings lasten wir alte Kohle- und Gaskraftwerke mehr aus, und wir importieren mehr. Wenn in den nächsten zehn Jahren weitere Atom- und alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen, müssen wir Kraftwerke zubauen - sonst gehen in der Tat die Lichter aus.

Standard: Das Atomkonzept der Regierung wird sogar von Grünen gelobt. Gibt es dabei auch Haken?

Kemfert: Durchaus. Ich sehe durch den Zubau von Kohlekraftwerken die Gefahr, dass wir erhöhte CO2-Emissionen bekommen. Gaskraftwerke wären geeigneter, aber sie sind wirtschaftlich nicht so attraktiv. Man sollte schon schauen, dass die Gaskraftwerke überwiegen. Wir haben zudem noch nicht genug Infrastruktur für den Stromtransport und nicht genug Speicherplatz.

Standard: Wer wird für die Energiewende bezahlen?

Kemfert: Es werden enorme Investitionen getätigt, das sind in erster Linie private Investoren, die in Kraftwerke, Netze und erneuerbaren Energien investieren werden. Auch viele kleine und mittelständische Betriebe sowie Stadtwerke haben schon angekündigt, dass sie Gaskraftwerke bauen werden. Man kann davon ausgehen, dass sich die gesamten Investitionen im dreistelligen Milliarden-Bereich bewegen werden und dass diese zum größten Teil von Privaten getätigt werden.

Standard: Inwieweit wird dies den Arbeitsmarkt beleben?

Kemfert: Schon jetzt arbeiten in Deutschland im Bereich der erneuerbaren Energien bis zu 380.000 Beschäftigte, in den kommenden zehn Jahren könnten es schon 600.000 sein. Zudem entstehen Arbeitsplätze in allen Bereichen, wie Energieeffizienz, nachhaltige Energieversorgung und Mobilität. Es geht ja nicht nur um die Branche direkt, man muss auch an die vielen Zulieferer denken, die dran hängen.

Standard: Wo sehen Sie das größte Potenzial?

Kemfert: In allen Bereichen. Großes Potenzial hat in Deutschland die Windenergie, insbesondere Off-Shore- und On-Shore-Anlagen werden deutlich zunehmen.

Standard: Müssen sich die Deutschen auf deutlich höhere Strompreise einstellen?

Kemfert: Wenn man das gesamte Bild ansieht, kann man davon ausgehen, dass der Strompreis nur moderat steigen wird. Einerseits steigen Netzentgelte und CO2-Preise, zudem wird der Börsenpreis steigen, ausgelöst durch Angebotsverknappung und zukünftigen Kraftwerkszubau. Dadurch haben energieintensive Unternehmen höhere Kosten. Mit steigendem Börsenpreis sinkt aber auch die Umlage, die wir für erneuerbare Energien bezahlen. Und es gibt mehr Wettbewerb. Wir haben in Deutschland einen sehr oligopolistischen Markt, den vier Anbieter dominieren. Künftig werden mehr kleinere Anbieter wie Stadtwerke auf den Markt kommen. Zudem werden wir mehr importieren, auch das senkt den Preis.

Standard: Unausweichlich ist die Wärmedämmung älterer Gebäude. Wie soll das finanziert werden?

Kemfert: Die könnte man durch jene Einnahmen finanzieren, die durch den Verkauf von CO2-Emissionen hereinkommen. Diese Gelder fließen ja in den Energie- und Klimafonds.

Standard: Glauben Sie, dass dieser Atomausstieg unumkehrbar ist?

Kemfert: Das ist definitiv das Ende der Kernkraft in Deutschland. (Birgit Baumann, DER STANDARD; Printausgabe, 13.7.2011)

Claudia Kemfert (42) leitet seit 2004 die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der privaten Hertie School of Governance Berlin.

  • Claudia Kemfert (42) leitet seit 2004 die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
    foto: diw

    Claudia Kemfert (42) leitet seit 2004 die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

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    Biblis B in Südhessen ist bereits nicht mehr am Netz. Es zählt zu den ältesten deutschen Atomkraftwerken.

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