Makkabi und Hakoah: Die Geschichte des jüdischen Sports

14. Juli 2011, 14:55
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Die ersten im deutschsprachigen Raum ausgetragenen Makkabi-Spiele gehören seit gestern der Vergangenheit an - daStandard.at hat in ihre Geschichte und ihr Umfeld geblickt

Die Makkabiade ist nicht nur die größte jüdische Sportveranstaltung, sie zählt auch zu den fünf größten internationalen Sportereignissen. Von der Symbolik und Bedeutung her ist sie ähnlich konzipiert wie die Olympiade. Alle vier Jahre finden die Makkabi-Spiele in Israel statt; ebenfalls im Vier-Jahres-Rhythmus, allerdings um zwei Jahre versetzt zu den in Israel stattfindenden Spielen, werden die Europäischen Makkabi-Spiele abgehalten.

Der Ursprung der Makkabi-Spiele ist im beginnenden 20. Jahrhundert zu verorten. Der immer offener gezeigte Antisemitismus erschwerte jüdischen SportlerInnen damals den Zugang in die bestehenden Turn- und Sportvereine. In den meisten national eingestellten Vereinen wurde - mehr oder weniger offiziell - der "Arierparagraph" exerziert, der jüdischen AthletInnen den Zutritt zu den Sportstätten verunmöglichte. JüdInnen waren also gezwungen, eigene jüdische Sportvereine zu gründen. Der erste jüdische Turnverein wurde 1895 in Konstantinopel ins Leben gerufen, 1898 folgte eine Vereinsgründung in Berlin.

"Mi Kemoha Adonai Be'Elim"

Der in Berlin ansässige Verein wurde zunächst nach dem biblischen Rebellen Bar Kochba, der um 130 nach Christus den Aufstand gegen die Römer angeführt hatte, benannt und später nach Jehuda Makkabäus, einem jüdischen Freiheitskämpfer aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, umbenannt. Für Jehudas Beinamen "Makkabi" gibt es zwei Bedeutungsinterpretationen: Demnach ist Makkabi einerseits das aramäische Wort für "Hammer", andererseits ein Akronym für "Mi Kemoha Adonai Be'Elim" (deutsch: Wer ist wie der Herr unter den Göttern). "Makkabi ist also kein Name, sondern ein Ehrentitel, der dann auf alle Teilnehmer des Aufstandes übertragen worden ist", so Paul Haber, Präsident des S.C. Hakoah Wien.

Hakoah - "die Kraft"

Die einzelnen jüdischen Sportvereine schlossen sich 1921 zum "Weltverband Makkabi, Verband jüdischer Turn- und Sportvereine" zusammen. Viele dieser Vereine nannten sich "Hakoah", was auf Hebräisch "die Kraft" bedeutet. So auch der 1909 gegründete S.C. Hakoah Wien, der zu den traditionsreichsten und erfolgreichsten Sportvereinen Österreichs zählt und vor dem Zweiten Weltkrieg der mitgliederstärkste Allround-Sportverein der Welt war. "Es war die Hakoah, die mir die ersten Begriffe von jüdischem Sport, von jüdischer Haltung und vielleicht vom 'Judentum' überhaupt beigebracht hat", schrieb das vielleicht bekannteste Klubmitglied Friedrich Torberg in einem Brief aus der amerikanischen Emigration. Und weiter: "All die Probleme, die uns - und nicht erst seit Hitler - bedrängen, sehen ganz anders aus, wenn man mit dem Bewusstsein und mit der Erfahrung aufgewachsen ist, dass die Juden auch gewinnen können."

1932-1936 

In Anlehnung an den olympischen Gedanken fanden 1932 die ersten Maccabi World Games in Tel Aviv statt. Bei der zweiten Makkabiade im Jahr 1935 gewann die aus 83 Mitgliedern bestehende österreichische Delegation überlegen die Mannschaftswertung; eine der erfolgreichsten Sportlerinnen war die Hakoah-Schwimmerin Judith Deutsch. Nach ihren Siegen bei den Maccabi Spielen 1935 zählte sie für die im darauf folgenden Jahr in Berlin stattfindende Olympiade zu den Favoritinnen. Da sie aber nicht bereit war, vor Hitler zu defilieren, verweigerte sie die Teilnahme. Eine lebenslange Sperre durch den Österreichischen Schwimmverband sowie die Aberkennung aller bis dahin erzielten Titel (die erst 1995 wieder rückgängig gemacht wurde) war Folge dieser Weigerung.

1938

Der so genannte Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 markiert das definitive Ende der Mitgliedschaft von Juden in österreichischen Turn- und Sportvereinen: Sportaktivitäten für JüdInnen werden verboten, Makkabi aufgelöst. In Wien wurden die Vereinsstätten des S.C. Hakoah beschlagnahmt, das Fußball- und Sportstadion in der Krieau von der Gemeinde der SA-Standarte 90 in Pacht gegeben. 1941 wird der Name "Hakoah" aus den Wiener Vereinsregistern offiziell ausradiert, es folgt die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.
Nach der Shoah und der Gründung des Staates Israel konnte die Tradition der Makkabiade mit den 1950 stattfindenden Spielen wieder aufgenommen werden. Seither sind die jedes vierte Jahr in Israel stattfindenden Spiele ein wichtiges Symbol des jüdischen Selbstbewusstseins.

"The good has won" 

Der wichtigen Symbolik waren sich vergangenen Mittwoch alle am Wiener Rathausplatz Anwesenden bewusst, als die 13. Europäischen Makkabi-Spiele mit einer feierlichen Zeremonie eröffnet wurde. Österreich hatte sich bereits einmal, nämlich unter der Bundespräsidentschaft Kurt Waldheims, um die Austragung der Makkabi-Spiele beworben - damals vergeblich. Anlässlich der in Wien stattfindenden Makkabiade nahmen erstmals seit 1945 jüdische SportlerInnen aus der ganzen Welt auf Boden des ehemaligen Deutschen Reiches an den Wettkämpfen teil.
Das um Oskar Deutsch, Vorsitzender des Organisationskomitees der Spiele und Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), versammelte Team hatte über zwei Jahre lang auf die Spiele hingearbeitet. Es sei unser aller Aufgabe, die "horrors of the holocaust" in Erinnerung zu behalten, so Deutsch bei der Eröffnung. Dass 2000 jüdische SportlerInnen am Rathausplatz stehen wertete er indes als ein Zeichen dafür, dass "the good has won". (Meri Disoski, daStandard.at, 14. Juli 2011)

Links

Achtung! Fertig!! Los!!! Jüdischer Sport. Maccabi-Games
Unter diesem Titel ist vom 6. Juli bis 28. September 2011 im Museum am Judenplatz eine Ausstellung zu sehen, die sich der Geschichte des jüdischen Sports widmet. Anhand von Videos, Interviews, Fotos und Memorabilia wird die Geschichte der Makkabi-Spiele und der Olympiaden von 1936 und 1972 gezeigt. Ein Kuriosum bildet "Eisenkönig" Siegmund Breitbart, der als Varietékünstler zum Inbegriff des "Muskeljuden" wurde und in Europa und den USA für Furore sorgte.

Museum Judenplatz
Misrachi-Haus, Judenplatz 8, 1010 Wien
So-Do 10-18 Uhr, Fr 10-14 Uhr
Link: jmw.at/de/museum-judenplatz

  • 1932: Eröffnung der ersten Makkabiade in Israel.
    foto: european maccabi games

    1932: Eröffnung der ersten Makkabiade in Israel.

  • 1935: Das österreichische Schwimmerteam auf dem Weg zur zweiten Makkabiade.
    foto: jüdisches museum wien

    1935: Das österreichische Schwimmerteam auf dem Weg zur zweiten Makkabiade.

  • Eine der erfolgreichsten Sportlerinnen: Hakoah-Schwimmerin Judith Deutsch
    foto: maccabi sports museum/ pierre gildesgame

    Eine der erfolgreichsten Sportlerinnen: Hakoah-Schwimmerin Judith Deutsch

  • 2011: Einzug der israelischen Delegation bei den Makkabia-Spielen in Wien.
    foto: meri disoski

    2011: Einzug der israelischen Delegation bei den Makkabia-Spielen in Wien.

  • Oskar Deutsch bei der Eröffnung in Wien: "the good has won"
    foto: meri disoski

    Oskar Deutsch bei der Eröffnung in Wien: "the good has won"

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