Musik für den Sommer

14. Juli 2011, 17:12
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Neo-Soul, schundiger Synthie-Pop, eklektischer Rock - plus die Rettung des deutschen HipHops

JILL SCOTT
The Light Of The Sun
(Warner)
Jill Scott tauchte im Reigen der Neo-Soul-Künstler auf, die sich seit Mitte der 1990er-Jahre aus dem HipHop etablierten. Künstler, die mit Rap und Soul und Funk aufgewachsen waren, sich dem alten Sound mit neuen Mitteln näherten. Scott war ab ihrem 2000er-Debüt meist vorn dabei, ein richtiges Superalbum gelang ihr trotz Grammy-Segnung nicht. Mit The Light Of The Sun ist sie jetzt aber so nah dran wie noch nie. Der tief groovende Song So In Love ist in den USA ein Nummer-eins-Hit, und schon das eröffnende Blessed schmeichelt in seiner Lässigkeit der Hörerseele. Beach-Soul, stöhnend heiß, nicht ohne Eros und von herrlich träger Eleganz, die die Beats im Wachzustand halten. Ab Mitte des Albums dünnt es dann etwas aus, davor fällt aber alles wie von selbst auf den richtigen Platz. Cocktails, please.

THE HORRORS
Skying
(XL Recordings)
Die britische Band The Horrors klingt auf ihrem dritten Album wie ein LSD-jungfräulicher Julian Cope. Das mündet in harmlose Schmollkinder-Mucke, in der Sänger Faris Badwan zart an den Gesang von Ian McCulloch von Echo and The Bunnymen erinnert. Auch die Romantik bezieht man aus dem Schmollwinkel, insgesamt hinterlässt die Band hier weniger Eindruck als auf dem Vorgänger, klingt zu sehr in den Genre-Schablonen (Shoegazer!) gefangen.

HANDSOME FURS
Sound Kapital
(Sub Pop / Trost)
Der Kanadier Dan Boeckner macht mit der Band Wolf Parade eigentlich schon genug schöne Musik, aber mit Handsome Furs pflegt er seine Liebe für Synthie-lastige Popmusik. Die klingt dann zwar ähnlich gebrochen wie bei seiner Stammband, aber der kunstvoll schundige Sound - ein bisserl Low Fi, am liebsten gebrauchte Bänder - verleiht den Arbeiten von Handsome Furs besonderen Charme. Wäre diese Musik vor 30 Jahren beim britischen Label Mute erschienen, Depeche Mode wären eifersüchtig gewesen. Vielleicht.

CASPER
xoxo
(Sony)
Die Rettung des deutschen HipHop soll Casper sein. Da stellt sich die Grundsatzfrage, ob man deutschen HipHop retten kann oder gerettet sehen möchte. Das beiseite gelassen, müht sich Benjamin Griffey alias Casper auf seinem zweiten Album xoxo durch ein Hybrid aus Indie-Pop und zornigem Xavier Naidoo. Es wabbert die Orgel, urarge Beats rollen, und Casper deklamiert die Revolution, sieht für die Zukunft Deutschlands schwarz und leistet mit seiner Musik gleichzeitig seinen Beitrag zu dieser Einschätzung. 

M185
Let The Light In
(Speed Of Light / Hoanzl)
Von den vielen guten heimischen Veröffentlichungen des heurigen Jahres zählt Let The Light In von M185 im Rockbereich zu den besten. Ihr Album beleiht zwar vieles, was man kennt (und mag), tappt dabei aber nie in die Kopistenfalle, sondern klaubt sich bei Bands wie Pulp, Can, Sonic Youth und anderen Trabanten dieses Universums ihre Versatzstücke zusammen. Dazu atmet hin und wieder jemand wohlerzogen uneitel durch ein Horn und verdichtet damit den treibenen Sound der erratisch benannten Band. (flu / DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2011)

  • Jill Scott veröffentlicht ihr Album "The Light Of The Sun". Sommersoundtrack.
    foto: warner

    Jill Scott veröffentlicht ihr Album "The Light Of The Sun". Sommersoundtrack.

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