Medizinstudium

Es geht nicht ohne Eignungstest

Kommentar der anderen | 13. Juli 2011, 19:44
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    foto: apa/jäger

    "Oft gehörter Kritikpunkt am Auswahlverfahren: Wie will man mit einem Multiple-Choice-Test die besten Ärzte herausfiltern? Gegenfrage: Wie filtert man unter 19-, 20-Jährigen überhaupt die besten Ärzte aus?" - Hier zwei Testsieger bei der Erprobung ihrer praktischen Berufstauglichkeit an der Med-Uni Wien.

Replik auf einen "ärztlichen Rat", das derzeitige Auswahlverfahren durch ein Sozialpraktikum zu ersetzen

Andreas Schindl, Facharzt aus Wien, Vater eines Medizinstudenten in spe und "Praktiker", schlägt im STANDARD ("Hilfe, die Ärzte kommen!!", 8. 7. 2011) anstelle der derzeit durchgeführten Auswahlverfahren für die Medizinstudien die Einführung eines Sozialpraktikums für angehende Medizinstudenten vor. Damit könne man "sozial kompetente Menschen" besser auswählen, und Rotes Kreuz, Caritas etc. hätten beim Wegfall der Wehrpflicht / des Zivildiensts eine gewisse Kompensation.

Blenden wir kurz zurück in die Zeit des freien Hochschulzugangs: Damals regierte in Österreich der "Numerus erosivus": In Graz beispielsweise begannen jährlich etwa 700 Studierende mit dem Medizinstudium, und weniger als 50 Prozent konnten das Studium nach einer Durchschnittsstudiendauer von 18 Semestern (!) erfolgreich beenden. Die unzähligen "Dropouts" wurden in aller Regel aber nicht etwa wegen mangelnder sozialer Eignung oder sonst irgendwie gezielt vom Studium ausgeschlossen, sondern hörten irgendwann frustriert mit dem Studium auf oder scheiterten wegen fortgesetzt negativer Prüfungsergebnisse in "Hardcore"-Fächern wie Anatomie, Pathologie etc.

Heute nehmen wir in Graz jährlich etwa 340 Studierende für Humanmedizin auf. Aufgrund der hohen Studieneignung der durch den Auswahltest "herausgefilterten" Studierenden, aber auch aufgrund der im Gefolge der kapazitätsgerechten Studierendenanzahl stark verbesserten Studienbedingungen gehen wir davon aus, dass mehr als 90 Prozent der Studienanfänger das Studium erfolgreich in durchschnittlich etwa 12 bis 14 Semestern (!) beenden werden. Das ist verantwortungsbewusster Umgang mit universitären Ressourcen, aber auch mit der Lebenszeit vieler junger Menschen!

Oft gehörter Kritikpunkt am Auswahlverfahren: Wie will man mit einem Multiple-Choice-Test die besten Ärzte herausfiltern? Gegenfrage: Wie filtert man unter 19-, 20-Jährigen überhaupt die besten zukünftigen Ärzte aus? Dazu hat man international offenbar noch immer kein gültiges Rezept gefunden.

Wir filtern - und das haben wir für den Grazer Test auch wissenschaftlich zeigen können - Personen mit besonders hoher Studieneignung aus. Die für den Arztberuf wichtigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen versuchen wir unseren Studierenden dann im Studium zu vermitteln - das ist auch genau der Zweck des Studiums.

Sozialpraktikum als Auswahlkriterium - wie könnte das praktisch funktionieren? Wer beurteilt die soziale Kompetenz der jungen Menschen? Wie stellen wir sicher, dass von den mittlerweile vielen tausenden Bewerbern nur so viele ausgewählt werden, wie die Universitäten gemäß ihren Kapazitäten verkraften (derzeit 1500 Studienplätze jährlich in ganz Österreich)? Wie halten wir es mit Sozialpraktika bei ausländischen Studienwerbern? Wer überprüft deren Angaben und Unterlagen? Wie bringen wir andere Länder überhaupt dazu, solche Sozialpraktika einzuführen? Gut gemeint ist nicht immer gut getan!

Zuletzt noch eine kurze Anmerkung zur Frage des möglichen Ärztemangels in der Zukunft:

Die Medizinischen Universitäten haben ihre Hausaufgaben - die bestmögliche Vorbereitung ihrer Absolventinnen und Absolventen für die zukünftige Laufbahn - in den letzten zehn Jahren vorbildlich erledigt. Es hakt an der Schnittstelle zur nachfolgenden Ausbildung: Wie können wir diese (Turnus, Fachausbildung) so attraktiv machen, dass wir die Abwanderung unserer Absolventinnen und Absolventen ins Ausland verhindern?

Hier ist aber weniger die Form des Auswahlverfahrens entscheidend, auch die Medizinischen Universitäten können nur relativ wenig beitragen, gefordert sind hier die wesentlichen Stakeholder des Gesundheitssystems wie Gesundheitsministerium, Ärztekammer, Krankenhausträger, Sozialversicherungen etc. (Kommentar der anderen, Gilbert Reibnegger, STANDARD-Printausgabe, 14.7.2011)

GILBERT REIBNEGGER ist Vizerektor für Studium und Lehre an der Medizinischen Universität Graz.

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Posting 1 bis 25 von 48
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smea_gol
00
24.8.2011, 19:27

Wow.
Herr Reibnegger,
unglaublich.
dass sie Leute in 14 (!!!) Semestern = 7 Jahre
statt
18 (!!!) = 9 Jahre durchs Studium peitschen.

Sie haben echt mit Ihren Aufnahmeverfahren soooooo viel verbessert.

Apllaus.

Ein Arzt der nach 2004/5 angefangen hat, und jetzt schon Assistenzarzt ist, sticht mir nicht einmal eine Impfung.

Die Aufnahmeverfahren der Medunis in Wien, Graz, Innsbruck: Beweise dafür, dass eine Beschränkung verschlechternd sein kann.

OliM
00
14.7.2011, 17:47

"GEHEN WIR DAVON AUS, dass mehr als 90 Prozent der Studienanfänger das Studium erfolgreich in durchschnittlich etwa 12 bis 14 Semestern (!) beenden werden"

klingt nicht nach einer besonders exakten Statistik.

kladi
03
14.7.2011, 14:32
Wie soll ausgewählt werden?

Über das Bestehen des Aufnahmetests entscheidet vielfach auch die Zeit, die der betreffende Student vor diesem Test zur Vorbereitung zur Verfügung hatte.Diese Zeit nimmt bereits sehr beachtliche Ausmaße an. Das kann u.U. um etliche Monate differieren. Wer ist nun der bessere Medizineranwärter, der, der das Prüfungsziel wegen geringer Vorbereitungszeit knapp verfehlt oder der, der die Prüfung wegen langer Vorbereitungszeit knapp schafft.?

subspace99
10
14.7.2011, 13:06
Anmerkungen zu der Diskussion:

- Die Leute hier argumentieren so, als würden soziale Kompetenz und Studierfähigkeit einander ausschließen. Tun sie aber nicht. Menschen mit ausgeprägten sozialen Fähigkeiten haben bei gleicher Studierfähigkeit dieselbe Chance den EMS zu schaffen.
- Soziale Kompetenz und Intelligenz sind nicht gleichermaßen stabil. Soziale Kompetenz kann wesentlich leichter verändert werden als Intelligenz, daher macht es Sinn, nach Intelligenz zu selektieren (EMS) und soziale Kompetenz im Laufe des Studiums zu fördern.
- Wie soll ein Praktikum vor dem Studium fair zur Bewertung der sozialen Kompetenz herangezogen werden. Es gibt keine Standardisierung und keine reliablen Messungen und damit keinen fairen Vergleich. Und bis 26J tut sich sowieso noch viel.

keywords
12
14.7.2011, 11:50

ja. genau.
an der pädak sollens imho auch diejenigen leut rausfiltern, die sich am besten liedertexte auswendig merken.

wie man mit kindern umgeht, lernens dann eh im studium. und obs genug nerven haben.

ichbinsofrei.net
00
14.7.2011, 12:30

An den PHs machen sie das zum Glück oft nicht mehr. In Salzburg zB hat man eine Aufnahmephase, wo man auch in eine Schule muss für mehrere Tage und dort mit den Kindern interagieren - und der Betreuungslehrer gibt dann eine Bewertung ab.

lacabeza
00
14.7.2011, 18:17

...und genommen wird dann jedeR idiotIn.
achja stimmt nicht. in meinem jahrgang wurde jemand abgelehnt, der deutsch als zweitsprache hatte und nur sehr gut und nicht perfekt beherrschte...(ich glaube er war slowake...).
zitat PH-salzburg Lehrender: "naja wir müssen halt an Markt bedienen..."

keywords
02
14.7.2011, 13:10

klingt sinnvoll!

und warum geht das bei pädagogInnen, aber nicht bei medizinerInnen?

Weserratte
00
14.7.2011, 16:55

Durch die geringeren Studienanfängern ist es den Studierenden nun vielfach möglich bereits am Ende des ersten Studienjahres Patientenkontakt zu haben - viel eher als im alten Studienplan, wo dies erst im 2. Semester erfolgte (also manchmal nach erst 3 jahren des theoretischen Studiums)

Lemon ie
01
14.7.2011, 11:36

Was hilft es, wenn die Leute gut und schnell beim Studieren sind, aber über keine grundsätzliche sozialkompetente Eignung verfügen?

http://derstandard.at/131051118... or-Gericht

Vielleicht sollte man ein gewisses Kontingent der Studienplätze für "menschliche" zukünftige Ärzte bereit halten, auch wenn diese 4 Semester länger für's Studium benötigen.

120 Jahre Karl Schranz
00
14.7.2011, 15:30
wer beim EMS gut abschneidet ist nicht automatisch "unmenschlich"

und umgekehrt.

eine "menschlichkeitsquote" wäre da unangebracht.

AlBundyFan
 
00
14.7.2011, 14:09
du bist also der meinung, daß deine "menschlichen" ärzte allesamt beim test aufgefiltert werden?

zu 100%?

wenn du das nicht denkst, dann gibt es schon einen gewissen "menschlichen" anteil in der ausbildung und man braucht dein kontingent garnicht.

Lemon ie
00
14.7.2011, 16:50

Es geht darum, dass hervorragende Leute, die einen tollen Arzt abgeben würden (weil sie zB ein gutes Gefühl für Menschen haben und ganz wichtig: Menschen helfen WOLLEN, Arzt sein WOLLEN), herausgefiltert werden, weil sie nicht bei den besten Testabschneidern dabei sind.
Nur weil sie nicht bei den besten sind, heißt das nicht, dass sie nicht gut genug sind, sich den Stoff in normaler Geschwindigkeit anzueigenen. Trotzdem bekommen sie keinen Platz.

Und solche, deren Berufung es ist, Arzt zu werden, sollten die Möglichkeit bekommen, Medizin zu studieren. EMS hin oder her.

Es sollte also einen alternativen Weg geben. Dafür benötigt man ein Kontingent.

Bonair
01
14.7.2011, 22:22
Was wollen Sie jetzt aussagen?

- Dass derzeit Menschen Ärzte werden, die anderen Menschen nicht helfen möchten bzw. nicht Arzt werden wollen?
- Dass ausnahmslos kaltherzige Technokraten den EMS bestehen?

Bis vor 5 Jahren war es sowieso jedem möglich, Medizin zu studieren, nur sind dort die sozial Kompetenten eben an der Realität gescheitert. Sozialität allein reicht bei weitem nicht dafür aus, ein guter Mediziner zu werden - unter solchen Traumtänzereien leiden im Endeffekt diejenigen, die umfassendere medizinische Betreuung benötigen.

Zara von Thustra
00
14.7.2011, 13:49

Die Anbieter von "Menschlichkeit für zukünftige Ärzte"-Seminaren öffnen schon ihre Börserln....

ichbinsofrei.net
02
14.7.2011, 11:10

In Deutschland gibt es seit Ewigkeiten einige Studiengänge, wo man zuvor mindestens 6 Monate in einem einschlägigen Bereich Erfahrungen gesammelt haben muss. Das ist also nicht unmöglich.
Viele stellen sich unter Medizin was nettes schmuckes steriles vor, aber die Realität ist eben dreckig. 6 Monate in einer Leprastration oder in einem Alters- und Pflegeheim würde für Realismus sorgen.

Ich schreibe das uA weil ich erfolgreiche Absolventen kenne, die jetzt ganz was anderes machen - weil sie sich vor dem Dreck (Exkremente, Eiter, Blut, Viren ...), den man nunmal antrifft, wenn man mit KRANKEN zu tun hat, so ekeln. Da war das Studium total sinnlos.

Noxventa
00
14.7.2011, 12:39

Wie haben diese Bekannten das Studium geschafft? Müssen die nicht an Tieren bzw. an toten Menschen üben?

ichbinsofrei.net
01
14.7.2011, 13:07

Die haben durchaus gelitten - aber das meiste des Studiums ist halt doch das Auswendiglernen. Und auch eine eingelegte und damit desinfizierte Leiche ist noch was anderes als ein lebender kranker Mensch, by the way.

R.U.GAY
12
14.7.2011, 10:34
"Wir filtern - und das haben wir für den Grazer Test auch wissenschaftlich zeigen können - Personen mit besonders hoher Studieneignung aus."

Da bin ich aber gespannt? Wie wurde "wissenschaftlich" gezeigt, dass dieser Eignungstest Personen mit besonders hoher Studieneignung auswählt? Wurde eine "medizinische Statistik" - also ein bis zwei Versuchpersonen, zufällig gewählte Kriterien und eine frei angenommene Gauss-Verteilung - durchgeführt?

Waldfee62
00
14.7.2011, 09:52
soziales praktikum als auswahlkriterium?

an der med.uni in graz wird im anschluss an das medizinstudium ein doktoratstudium der med. wissenschaften angeboten! es gibt doch tatsächlich auch studenten, welche das studium der humanmedizin wählen, um im anschluss dieses doktoratstudium zu absolvieren mit dem berufsziel in der forschung zu arbeiten.

siehe auszug von der homepage der med-uni graz:
"Das Doktoratsstudium der Medizinischen Wissenschaft dient der Ausbildung der Fähigkeit, durch selbständige Forschung zur Entwicklung der Medizinischen Wissenschaft beizutragen, und verfolgt somit die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Bereich der medizinisch-naturwissenschaftlichen Forschung."

ich frage mich nur, wie sinnvoll ein soziales praktikum als auswahlkriterium für d

Lamas! Alles voller Lamas!
101
14.7.2011, 09:48
Das wesentliche kommt nur am Rand vor:

Wozu soll man jemandem einen raren Studienplatz geben, der so lieb mit den Leuten im Altersheim plaudern kann, wenn sie/er dann Patho nicht schafft?

Wenn jemand Plaudertanten/onkeln will, dann soll er zum Zuckerkugerl-Verteiler gehen oder sich einen Psychotherapeuten suchen! Ein Arzt/eine Ärztin sollte schon primär die Grundlagen der Medizin beherrschen und nicht die Berufsfreundlichkeit eines Pharmavertreters.

ichbinsofrei.net
02
14.7.2011, 11:42
Ein Arzt/eine Ärztin sollte schon primär die Grundlagen der Medizin beherrschen

Ja eh, das würden die sozial Kompetenten dann ja im Studium erwerben.

Bonair
00
14.7.2011, 18:34

Echt? Ich erinnere mich, dass mit mir im letzten Abschnitt Personen saßen, die sich durchs Studium gekämpft hatten und denen basalste medizinische Kenntnisse fehlten, welche man andernorts noch vor Beginn des Studiums lernt.
Nein danke, dann sollten die Plätze lieber an die Begabtesten gehen. Damit diese Begabung auch genutzt werden kann, braucht man allerdings halbwegs erträgliche Arbeitsbedingungen.

suboptimal
 
09
14.7.2011, 11:14
ganz im Gegenteil: wer sich für Menschen nicht interessiert,

soll gefälligst Pharmavertreter werden oder in der Forschung Bazillen zählen.

Dort kann er mit seiner ärmlichen Teilqualifikation wenigstens keinen Schaden anrichten.

Lamas! Alles voller Lamas!
61
14.7.2011, 11:23
Jedenfalls ist nettes Plaudern kein Ersatz für...

...die Grundlagen der Medizin, auch wenn viele Leute im Arzt einen Auswein-Onkel sehen.
Aber wenn dann ein Tumor für Magenverstimmung gehalten oder das falsche Medikament verschrieben wird, ist wieder die Hölle los. Und zwar genau unter denen, die am liebsten soziale Fähigkeiten testen wollen als Kenntnisse in Pathologie.

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