Replik auf einen "ärztlichen Rat", das derzeitige Auswahlverfahren durch ein Sozialpraktikum zu ersetzen
Andreas Schindl, Facharzt aus Wien, Vater eines Medizinstudenten in spe und "Praktiker", schlägt im STANDARD ("Hilfe, die Ärzte kommen!!", 8. 7. 2011) anstelle der derzeit durchgeführten Auswahlverfahren für die Medizinstudien die Einführung eines Sozialpraktikums für angehende Medizinstudenten vor. Damit könne man "sozial kompetente Menschen" besser auswählen, und Rotes Kreuz, Caritas etc. hätten beim Wegfall der Wehrpflicht / des Zivildiensts eine gewisse Kompensation.
Blenden wir kurz zurück in die Zeit des freien Hochschulzugangs: Damals regierte in Österreich der "Numerus erosivus": In Graz beispielsweise begannen jährlich etwa 700 Studierende mit dem Medizinstudium, und weniger als 50 Prozent konnten das Studium nach einer Durchschnittsstudiendauer von 18 Semestern (!) erfolgreich beenden. Die unzähligen "Dropouts" wurden in aller Regel aber nicht etwa wegen mangelnder sozialer Eignung oder sonst irgendwie gezielt vom Studium ausgeschlossen, sondern hörten irgendwann frustriert mit dem Studium auf oder scheiterten wegen fortgesetzt negativer Prüfungsergebnisse in "Hardcore"-Fächern wie Anatomie, Pathologie etc.
Heute nehmen wir in Graz jährlich etwa 340 Studierende für Humanmedizin auf. Aufgrund der hohen Studieneignung der durch den Auswahltest "herausgefilterten" Studierenden, aber auch aufgrund der im Gefolge der kapazitätsgerechten Studierendenanzahl stark verbesserten Studienbedingungen gehen wir davon aus, dass mehr als 90 Prozent der Studienanfänger das Studium erfolgreich in durchschnittlich etwa 12 bis 14 Semestern (!) beenden werden. Das ist verantwortungsbewusster Umgang mit universitären Ressourcen, aber auch mit der Lebenszeit vieler junger Menschen!
Oft gehörter Kritikpunkt am Auswahlverfahren: Wie will man mit einem Multiple-Choice-Test die besten Ärzte herausfiltern? Gegenfrage: Wie filtert man unter 19-, 20-Jährigen überhaupt die besten zukünftigen Ärzte aus? Dazu hat man international offenbar noch immer kein gültiges Rezept gefunden.
Wir filtern - und das haben wir für den Grazer Test auch wissenschaftlich zeigen können - Personen mit besonders hoher Studieneignung aus. Die für den Arztberuf wichtigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen versuchen wir unseren Studierenden dann im Studium zu vermitteln - das ist auch genau der Zweck des Studiums.
Sozialpraktikum als Auswahlkriterium - wie könnte das praktisch funktionieren? Wer beurteilt die soziale Kompetenz der jungen Menschen? Wie stellen wir sicher, dass von den mittlerweile vielen tausenden Bewerbern nur so viele ausgewählt werden, wie die Universitäten gemäß ihren Kapazitäten verkraften (derzeit 1500 Studienplätze jährlich in ganz Österreich)? Wie halten wir es mit Sozialpraktika bei ausländischen Studienwerbern? Wer überprüft deren Angaben und Unterlagen? Wie bringen wir andere Länder überhaupt dazu, solche Sozialpraktika einzuführen? Gut gemeint ist nicht immer gut getan!
Zuletzt noch eine kurze Anmerkung zur Frage des möglichen Ärztemangels in der Zukunft:
Die Medizinischen Universitäten haben ihre Hausaufgaben - die bestmögliche Vorbereitung ihrer Absolventinnen und Absolventen für die zukünftige Laufbahn - in den letzten zehn Jahren vorbildlich erledigt. Es hakt an der Schnittstelle zur nachfolgenden Ausbildung: Wie können wir diese (Turnus, Fachausbildung) so attraktiv machen, dass wir die Abwanderung unserer Absolventinnen und Absolventen ins Ausland verhindern?
Hier ist aber weniger die Form des Auswahlverfahrens entscheidend, auch die Medizinischen Universitäten können nur relativ wenig beitragen, gefordert sind hier die wesentlichen Stakeholder des Gesundheitssystems wie Gesundheitsministerium, Ärztekammer, Krankenhausträger, Sozialversicherungen etc. (Kommentar der anderen, Gilbert Reibnegger, STANDARD-Printausgabe, 14.7.2011)
GILBERT REIBNEGGER ist Vizerektor für Studium und Lehre an der Medizinischen Universität Graz.