Neusiedler See, das Meer der Wiener

13. Juli 2011, 19:43
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Das Wien Museum widmet sich dem zwiespältigen Verhältnis der Städter zum trüben Gewässer, an das sie massenweise reisen

Wien - Selbst Edmund Sackbauer, der als echter Wiener nur ungern seinen Bezirk und niemals die Stadt verlässt, beschließt irgendwann, an den Neusiedler See zu fahren. Blahowetz-Kurti (der Hausmeister) kommentiert dies mit den den Worten "Die Burgenländer tun mir jetzt schon leid."

Dabei sind die Burgenländer die alljährliche Invasion der Mundls aus Wien längst gewöhnt. Seit den 1920ern gilt der Neusiedler See als "Meer der Wiener". Das Wien-Museum widmet dem österreichisch-ungarischen Binnengewässer nun eine Ausstellung. Sie ist bis 23. Oktober im Haus am Karlsplatz zu sehen.

Wiener sind zwiegespalten

"Es geht dabei nicht um die landeskundliche, sondern um die Wiener Perspektive", sagt Museumsdirektor Wolfgang Kos. Die Wiener hätten seit jeher ein zweispältiges Verhältnis zu ihrem Salzwasserersatz, ergänzt Kurator Sándor Békési: "Für viele ist es eine öde Gegend, andere sehen in ihm ein Naturwunder."

Das Naturwunder ist bereits dreimal ausgetrocknet: 1773, 1811 und 1864 wurde der See zur Steppe. Inzwischen ist er reguliert - und zum größten See Österreichs geworden. Der Slogan "Meer der Wiener" stammt vom burgenländischen Tourismusbüro, das 1926 eine Ausstellung im Kaufhaus Gerngross organisierte. "Die Kolonisation war damals also erwünscht", sagt Kurator Békési.

Damals war der Weg zum durchschnittlich eineinhalb Meter tiefen Gewässer allerdings noch beschwerlich: Rund zwei Stunden dauerte die Bahnfahrt inklusive zweimal umsteigen. Danach hatte man noch einen längeren Fußmarsch vor sich, bevor man endlich im kühlen Grau waten konnte. Nach der Weltwirtschaftskrise war der erste Tourismusboom vorbei.

"Kloake der Wiener" 

Steil aufwärts ging es dann wieder Anfang der 1970er, als vor allem Künstler und Intellektuelle aus Wien zu Teilzeit-Burgenländern wurden. Der Massentourismus in den 1980ern bescherte dem See dann den wenig schmeichelhaften Beinamen "Kloake der Wiener". Die Schau im Wien-Museum zeigt historische Bilder sowie eine Reihe von Alltagsgegenständen. Unter anderem einen Anti-Gelsen-Mittel-Zerstäuber aus den 1930ern. Auch die Zange, mit der Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege 1989 den Eisernen Vorhang durchzwickten, ist dabei.

Der Großteil der Ausstellungsstücke sind Leihgaben, sie kommen von privaten Sammlern, der Albertina, dem Naturhistorischen Museum sowie burgenländischen und ungarischen Instituten. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 14.7.2011)

  • Es war einmal: Neusiedler See
    foto: otto kern

    Es war einmal: Neusiedler See

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