"Ich höre dem Text zu"

Interview13. Juli 2011, 18:56
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Melinda Nadj Abonji, Schweizer Autorin mit serbisch-ungarischem Hintergrund, über Heimat, Migration und Sprache

Mit Melinda Nadj Abonji sprach  Sebastian Gilli .

STANDARD: Welchen Bezug haben Sie zu Wien?

Nadj Abonji: Wien ist die Stadt, in die ich mit 35 ziehen wollte. Ich habe hier viele Freunde.

STANDARD: Woran ist es gescheitert?

Nadj Abonji: An der Liebe.

STANDARD: Ihr Buch "Tauben fliegen auf" handelt auch von der Suche nach Heimat. Ist Heimat ein geografischer Ort oder im Herzen?

Name: Meinen Heimatbegriff finde ich eher beim Wort Zuhause als bei einem geografisch-national definierten Land. Ich habe das in meinem Buch ausgeführt; das Gefühl von Zuhause sind für mich kleine Momente, die mich an einen Ort knüpfen, wie das Essen, die Gerüche, aber auch die starke Bindung zu Personen. Das Buch ruft auch auf, sich auf die Suche nach diesen kleinen Orten zu machen und nicht so sehr dieses Große, Nationale in den Vordergrund zu stellen. Man muss klug differenzieren und nicht so argumentieren, wie es Politiker tun. Literatur hat einen anderen Anspruch.

STANDARD: Im Roman wandert die Familie Kocsis in den 1970er-Jahren in die Schweiz aus. Wann würden Sie Integration als gelungen bezeichnen?

Nadj Abonji: Was heißt dieser Begriff Integration? Den verwende ich nie respektive nur mit einer ironischen Distanz im Buch. Heute stellt man sich den Idealzustand einer Gesellschaft vor, die homogen sein soll, die nicht durchmischt ist. Im Grunde genommen ist im Wort Integration sehr gefährliches Gedankengut versteckt. Man geht von einem Normalbürger aus - und die Fremden, die sollen sich integrieren. Es gibt gewisse Dinge, die man in einer neuen Gesellschaft akzeptieren muss. Aber es ist nicht meine Aufgabe, diese Begriffe zu benutzen, deswegen habe ich einen Roman geschrieben, um diese zu hinterfragen und die Geschichte dieser Familie zu erzählen.

STANDARD: Wie sehr flossen autobiografische Erfahrungen ein?

Nadj Abonji: Die Fantasie ist ein Teil der Autobiografie. Natürlich gehe ich von biografischem Material aus. Ich wollte nicht meine Geschichte erzählen, sondern von meiner Geschichte ausgehen, und mich dann davon wegbewegen. Schreiben heißt, etwas zu entdecken, auch sich selber. Das ist das Wunderbare, aber manchmal auch das Schreckliche.

STANDARD: Wie erleben Sie die Stimmung in der Schweiz nach der "Ausschaffungsinitiative" und der Abstimmung über ein "Minarettverbot"?

Nadj Abonji: Die Situation in der Schweiz verschärft sich wie auch in anderen europäischen Ländern. Das hat nicht nur mit Initiativen der rechtsnationalen Parteien zu tun, sondern auch mit der Schwäche der Mitte und der konservativen Parteien, die sich immer mehr an die erfolgreichen rechtsnationalen Parteien orientieren. Die Schweizerische Volkspartei will rückwärts in die Zukunft rennen.

STANDARD: Haben Sie mit dem Roman ein typisches Migrantenschicksal aufgearbeitet?

Nadj Abonji: Viel wesentlicher ist, dass die 1990er-Jahre einen Bruch markieren, weil die Verwandten daheim in Jugoslawien nicht mehr erreichbar waren. Durch den Krieg war es nicht mehr möglich, im Sommer einfach wieder hinzufahren. Das war für viele Menschen, die außerhalb ihres Herkunftslandes gelebt haben, ein Schock. Das ist die Gegenwart des Textes: Der Krieg bricht 1991 aus, der Text setzt 1993 ein und zeigt die Unfähigkeit und die Ohnmacht der Menschen, damit umzugehen.

STANDARD: Hat die zweite Einwanderergeneration einen weniger verklärten Blick auf den Westen?

Nadj Abonji: Klar. Für die Kinder, die da aufwachsen, ist der Westen kein Gegenbild mehr, sondern Lebensrealität. Der Konflikt zwischen der ersten und zweiten Generation ist wichtig für das Buch. Der Entschluss der Eltern, ausgewandert zu sein, muss andauernd gerechtfertigt werden.

STANDARD: Deutschsprachige Literatur von Migranten erlebt große Aufmerksamkeit. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?

Nadj Abonji: Das deutet auf die Spaltung der Gesellschaft hin. Einerseits gibt es nationalistische Tendenzen, andererseits das Interesse an der Mehrsprachigkeit, an der Vielheit. Und dazwischen, was passiert da? Da ist nichts.

STANDARD: Tauben fliegen auf zeichnet sich durch eine klangvolle Sprache mit langen Sätzen aus. Wie haben Sie zu dieser gefunden?

Nadj Abonji: Die war einfach da. Ich habe angefangen zu schreiben, und genau diese Tonalität war von Anfang an präsent, und ich bin der sozusagen gefolgt.

STANDARD: Sie sind auch Musikerin. Wirkt sich das auf den Text aus?

Nadj Abonji: Ich höre dem Text zu. Ich glaube, dass mein Ohr ein sehr kluges Organ ist. Die langen Sätze gibt es, um die Figuren miteinander zu verschmelzen. Mit der Interpunktion arbeite ich vermutlich genauer als andere, meine Satzzeichen sind sehr bewusst gesetzt. Ich frage mich, wie die Pausen in der Musik auch in der Sprache ausgemacht werden können.

STANDARD: Was bedeutete das Hochdeutsche für Ihr Schreiben?

Nadj Abonji: Meine Muttersprache ist Ungarisch. Das Hochdeutsche, das ich mit fünf kurz nach dem Schweizerdeutsch erlernte, war die Sprache des Lesens und der Fantasie, einer Welt, die nur mir gehörte. In der Schweiz unterhält man sich nicht auf Hochdeutsch.

STANDARD: Wer beeinflusst Sie literarisch besonders?

Nadj Abonji: Wenn man schreibt, sind alle schreibenden Menschen eine sehr essenzielle Erfahrung für einen selbst, selbst ein schlechtes Buch. Wichtig sind für mich W. G. Sebald, Janet Frame oder Agota Kristof. Auch Friederike Mayröcker und Christoph Ransmayr.

STANDARD: Was bedeutet Erfolg?

Nadj Abonji: Das zu tun, was man selber möchte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2011)

  • "Die Sprache war einfach da." Am Donnerstag, 14.7., liest Melinda Nadj Abonji im Rahmen der O-Töne  aus ihrem Roman "Tauben fliegen auf" im Museums-Quartier. 19.30 Uhr, Hof 8.
Abonji(Jg. 1968) erhielt für "Tauben fliegen auf" den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2010. 
 
    foto: standard / urban

    "Die Sprache war einfach da." Am Donnerstag, 14.7., liest Melinda Nadj Abonji im Rahmen der O-Töne aus ihrem Roman "Tauben fliegen auf" im Museums-Quartier. 19.30 Uhr, Hof 8.

    Abonji(Jg. 1968) erhielt für "Tauben fliegen auf" den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2010.

     

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